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Der Exzeß
Notizen zum Massentourismus von Markus Wilhelm Liebe Leserin, lieber Leser! Laß dich nicht schrecken von der Dicke dieses Heftes! Laß dich von diesem 100-Seiten-Ding nicht so anschauen wie von einer Arbeit, die du hinter dich zu bringen hast! Während in den letzten Heften die massierten Informationen einander, mitunter fast erschlagen haben, sollen sie hier einmal nicht übereinander herfallen. Hinter jedem Absätzchen ist ein Plätzchen eingerichtet zum Rasten, zum Pause machen, zum Atemschöpfen, zum Zurückdenken, zum Weiterdenken. Jede kleine Notiz in diesem Heft sollte die Chance haben, durch das Zusammentreffen mit deinem Wissen, deinen Erfahrungen und deinen Vorstellungen über meine Überlegungen hinauszugehen. Die folgenden paar hundert Schnipsel sollen nicht mehr sein als Bausatz-Teile für deinen ganz persönlichen FÖHN, den du dir in deinem Kopf zusammenbastelst. Die vorliegende Reihung meiner Notizen entspricht im großen ganzen der ungeordneten Abfolge ihrer Entstehung. Das 46. Häppchen hat mit dem 47. soviel zu tun wie mit dem 12. und dem 161. Jedes könnte vor oder hinter jedem anderen stehen. So weiß man beim Lesen auch nie, um was es in der nächsten Notiz geht. Das unvermittelte Aufeinander-prallen der sehr unterschiedlichen Brocken mag da und dort Einsichten möglich machen, die mir beim Schreiben nicht bewußt waren. Ich wünsche mir, daß dieses Heft beinahe so langsam gelesen wird, wie ich es geschrieben habe. Freilich kann beim Lesen von so kleinen, mundgerechten Stückchen auch leicht ein Sog entstehen, wie sagen wir - beim Salzstangerln-Knabbern, der bekanntlich zu immer hastigeren Nachstopfen führt. Auch wenn es lauter mundgerechte Stücke sind: zuviele mundgerechte auf einmal drücken auch auf den Magen. Wir möchten uns ganz außerordentlich bedanken,
für die enorm vielen Zuschriften auf die letzte Ausgabe, die ja auch
sonst weitreichende Folgen gehabt hat. Der Geschäftsführer der
Tiroler Industriellenvereinigung hat bei Erscheinen der Nr. 18 wie ein
Wahnsinniger um sich geschlagen - und sich dabei (siehe dazu die beiden
letzten Umschlagseiten) leider erhebliche Verletzungen zugezogen.
"Auswüchse des Tourismus"? Der Tourismus ist ein
einziger Auswuchs.
Es ist ein Protest der Massen gegen die lebensfeindlichen
Zustände, den sie in immer häufigeren und in immer gewaltigeren
Demonstrationen zum Ausdruck bringen: in Form endloser Autokolonnen, in
Form von Warteschlangen bei den Skiliften, in der Form von Strangen auf
den Großglockner, in der Form von großflächigen Sitz-
und Liegestreiks an den Mittelmeerstränden und der von Aufläufen
an den Eisbars. Das sind Massenkundgebungen für ein ganz anderes Leben.
So unbeholfen und zum Teil sogar unbewußt diese Rebellion sein mag,
so real ist sie. Aber wer nimmt sie ernst? Wer faßt sie zusammen?
Wer erarbeitet die richtigen Loungen? Wer organisiert? Wer führt diese
Mehrheitsbewegung zum Erfolg? Kümmert sich die Politik, die fortschrittliche,
um dieses Massen-Potential einer Veränderung? Nein. Wer dann? - Liegestuhlerzeuger,
Liftunternehmer und Straßenbaufirmen.
Dieser Massentourismus ist der Überlauf eines völlig
außer Kontrolle stehenden Wirtschaftssystems.
"Wissenschafter" sagen, Kunstschnee ist für die Wiese
besser. Besser als nicht zu Zigtausenden auf der Wiese schifahren?
Die Massentouristen, in lila-grün-schwarze Kaufhof-Overalls
und in grellbunte Adler-Anoraks verkleidet, treten uns nicht als Schraubenzieher
bei Philips und als Wurstverkäuferin bei Aldi entgegen, aber sie sind
es.
Das Wort Urlaub (urloup) kommt von erlauben. Im
frühesten Gebrauch im österreichischen Heer bedeutete es die
Erlaubnis, sich von der Truppe zu entfernen.
Bei der Fachmesse fürs Gastgewerbe (FAFGA) im April
1993 in Innsbruck wird in einem großen Zelt auf dem Freigelände
Nord "ein original Tiroler Wirtshaus" aufgebaut. Täglich werden hier
"Tiroler Köstlichkeiten nicht nur angeboten, sondern vor den Augen
der Gäste zubereitet". In diesem "Wirtshaus" findet am zweiten Messetag
eine große Diskussion zum Thema "Stirbt das Tiroler Gasthaus?" statt.
Am Podium sitzen unter anderem der dazupassende Landesrat, der Werbechef
des Tiroler Massentourismus, ein ORF-Sumser und zwei Nobelhoteliers. Der
Zuhörerraum ist gestoßen voll von herausgeputzten kleinen und
großen Wirten und Wirtinnen, regionalen und lokalen Funktionären.
Am öftesten wird das Wort Tiroler gesagt, gefolgt von Gastlichkeit
und Kultur (exaequo). Während am Haupteingang des Zeltes immer
noch Zulauf zur Tiroler Gasthauskultur herrscht, flüchten bei einem
kleinen seitlichen Zeltschlitz abwechselnd einzelne Küchentürkinnen
ins Freie, um Luft zu schnappen und schnell wieder in der Küche dieses
Tiroler Gasthauses zu verschwinden.
Was die Leute alles auf sich nehmen, um wegzukommen: Buchungsstreß,
Einkaufsstreß, Kofferpacken, Autoaufpacken, Streß im Auto,
Streß auf der Autobahn, sieben Stunden Fahrt, elf Stunden Fahrt,
zu dritt und zu viert auf zwei Meter Autobank, Stau, Paßkontrolle,
Zollkontrolle, Stau, Menschengestank im Auto, Dieselgestank auf der Autobahn
... Sie setzen ihr Leben aufs Spiel (so und soviele krepieren auf der Flucht!).
Im Massentourismus-Kaff tun die Arbeit die Frauen. Im
Gemeinderat sitzen nur Männer.
"Jeder zweite Tiroler empfindet" nach einer Umfrage des
Fessel-Instituts "den Gästetrubel als 'nervtötend'". (TT, 6.12.91)
Der Direktor der Tirol Werbung für Massentourismus sagt dazu: "Die
Zahlen zeugen von der Uninformiertheit der Bevölkerung." (TT, 6.12.91)
Weil die Tiroler Tourismusindustriellen Tourismusindustrielle
sind, aber so nicht heißen wollen, haben sie 1991 "nach dem Vorbild
der Industriellenvereinigung" eine Tiroler Tourismusindustriellenvereinigung
gegründet, die Tiroler Tourismusvereinigung (TTV) heißt.
Die Gedrückten suchen Freiheit und bekommen bestenfalls
Textilfreiheit zugestanden. Sie, die der Stechuhr in den Betrieben für
immer entfliehen möchten, bekommen für zwei Wochen die Sperrstunde
verlängert. Damit die, die weg vom Fließband wollen, sich ans
Liftseil hängen lassen, und die hinaus aus der Firmenkantine wollen,
sich im SB-Bergrestaurant abfertigen lassen, muß die Meinungs-Diktatur
gehörig hineinfahren.
Die Hoteliers, landauf, landab, leben nicht "vom Fremdenverkehr",
sondern von der Arbeit im Fremdenverkehr, die ihre Angestellten verrichten.
Goa, Indien: Beschmierung eines Reisebusses mit Kuhmist,
Transparente: "Sie sind in Goa nicht willkommen!", "Wir brauchen Ihre DM
nicht!"; Flugblätter und Graffitis auf Mallorca: "Fuera Alemanes!"
(Deutsche raus!); Tirol: - - -
Früher kam das billige (willige) Personal für
das Gastgewerbe von der niedergehenden Landwirtschaft. Heute ist dieses
Reservoir erschöpft. Jetzt werden Vorkommen im Ausland angezapft.
"Sorgen Sie mir dafür, daß alles getan wird,
um die Freizeit und Erholung der schaffenden Menschen sicherzustellen.
Nur mit einem Volke mit starken Nerven kann man eine gute Politik machen!"
A: Der Hotelier bezahlt das Personal nicht in dem Maße,
in dem es erarbeitet. - B: Ja, das ist, weil ihm Hotel und Einrichtung
gehören! - A: Nein, Hotel und Einrichtung gehören ihm, weil
er dem Personal nicht in dem Maße bezahlt, in dem es erarbeitet!
"Unsere Mitarbeiter haben Zimmerstunden und können,
wenn gerade kein Geschäft ist, stricken oder Rätsel auflösen.
Wo gibt es das in der Industrie?"
Erlaß des Bundesministeriums für Unterricht
vom 15. Juni 1949:
Der Generalsekretär der Gewerkschaft "Hotel- und
Beherbergungsbetriebe" sagt, daß 20.000 Ausländer im österreichischen
Massentourismus illegal beschäftigt sind. (TT, 19.7.91)
Die, denen im Büro-Alltag der Hannover-Rückversicherungs-AG
oder am Montageband bei Scania alle menschliche Phantasie und Eigeninitiative
abgetötet wird, sollten ihren Urlaub kreativ gestalten können?
"Die Schipisten beanspruchen nur etwa 0,65 % der Landesfläche."
(Tiroler Tourismusvereinigung)
Als zu Weihnachten-Neujahr 1991/92 in ganz Tirol kein
freies Bett mehr aufzutreiben war, als zigtausend Frauen im Massentourismus
nicht mehr wußten, wo vorn und wo hinten ist und mit dem Klorollen-Nachfüllen
nicht nachkamen, da gab ein feiner Herr Landesrat für Massentourismus
a.D. von sich, das solle "uns aber nicht darüber hinwegtäuschen,
daß die Bettenauslastung, über das Jahr gesehen, aber noch zu
wünschen übrig läßt". (Kurier, 2.1.92)
"Auch das ist Kroatien-Hilfe: Tiroler Betriebe wollen
verstärkt arbeitslose Fachkräfte aus Istrien während der
Wintersaison in Tirol beschäftigen." Der Hotelier Westreicher: "Der
Tourismus ist völkerverbindend. Wir können ihnen helfen, weil
wir nach wie vor in der Wintersaison gut ausgebildete Arbeitskräfte
brauchen."
Die Wintersaison war gut. 4,5 Prozent Steigerung - beim
Müll.
Liftbügel unter die Schihosenhintern zu schieben,
Arme voll Menüs in Säle hineinzutragen, einen Tag lang, einen
zweiten Tag lang, alle Tage, eine Saison lang, viele Saisonen lang - das
ist doch alles eines Menschen nicht würdig. Das ist ja plemm-plemm!
Was haben sie verbrochen, daß sie wie Papiersäcke-Kleber
im Gefängnis gehalten werden?
Wohnungsnot! Bettenberg!
Der SPÖ-Finanzsprecher E. Nowotny sagt, Betriebsprüfungen
seien so selten, "daß Steuerzahlungen den Charakter einer freiwilligen
Spende bekommen hätten". (TT, 11.7.90)
Wahlspruch der Massentourismus-Unternehmer: "Wer am meisten
Geld hat, wenn er tot ist, hat gewonnen."
"Das ganze Jahr hindurch können Journalisten, die
über Tourismus schreiben, als Gäste von Fremdenverkehrsverbänden,
Reiseunternehmen, Hotelkonzernen, Fluggesellschaften auf der ganzen Welt
unterwegs sein, hofiert wie Millionäre aus dem internationalen Jet-Set."
(Spiegel, 28/1968)
Urlaub ist scheinbar das höchste, was eine Arbeiterin
und ein Arbeiter in diesem System erreichen können. (Früher gab's
überhaupt nur den Himmel - den's nicht gibt.) Die Kraft, sich ein
ganz anderes Leben als das gelebte vorzustellen, reicht nur noch zum Schwärmen
vom nächsten Urlaub.
Die Gewerkschaften haben in mühseligen Kämpfen
die Reduzierung der Arbeitszeit erreicht und den Unternehmern den bezahlten
Urlaub abgerungen. In diesem Urlaub aber überlassen sie die Arbeitenden
erst wieder der Ausbeutung durch das Kapital. - - -
Beim von Medien und Bonzen hofierten Fünf-Sterne-Wirt
am Arlberg, A. Werner, soll ein weiblicher Lehrling statt der gesetzlich
zugelassenen höchstens 173 Stunden pro Monat 275 Stunden gearbeitet
haben und ein anderer Lehrling ganze 300 Stunden.
"Wintersaison brachte Tirol 37,6 Milliarden S"
Der Leiter der Tiroler Massentourismuswerbung zur Anwerbung
von Massentouristen mittels Sex, d.h. zum Anwerben von Sextouristen: "Mir
sein a pluralistische Gesellschaft, äh und derartige Dinge passieren
Gottseidank auch und zeigen sehr deutlich, welche Nuancen und welche Strömungen
und welche Primitivismen im Tourismus vorhanden sind, und ich bin sehr
froh, daß man das zeigt, weil es auf a Phänomen hinweist, mit
dem mir sicher alle zu kämpfen habm. Die touristischen Primitivstbedürfnisse
darf man in keinster Weise unterschätzen. Die sind da, und die werden
immer wieder befriedigt werden, in der einen oder anderen Form. I hob zwoa
Möglichkeiten: I kann an Bangkok-Tourismus machn, der geht blendend,
weil die Konsumerwartung da ischt. Also die Nachfrage ist da. Ist nur die
Frage, ob i's bei uns machn will."
Am Landesgericht Innsbruck ist ein 42jähriger Unterinntaler
Unternehmer im Massentourismus wegen Steuerhinterziehung in der Höhe
von 2,7 Millionen Schilling angeklagt. Der Schischul-Leiter und Besitzer
eines Schiverleihs faßt nur eine bedingte Geldstrafe aus. (TT,
Juli 1990)
Der kapitalistische Urlaub korrumpiert die arbeitenden
Menschen. Er bringt sie dazu, ja zu sagen zu Lebensverhältnissen,
zu denen sie nur nein sagen können.
1929, als immer mehr Fremdenverkehrsverbände in Österreich
jüdische Sommerfrischler für unerwünscht erklären,
immer mehr Gemeindeversammlungen Aufenthaltbeschränkungen für
Nichtarier beschließen, veröffentlicht die "Union deutschösterreichischer
Juden" ein Verzeichnis jener Orte, die keine jüdischen Besucher wünschen.
Auch früher schon wurden die Arbeitstiere zur Erholung
auf die Alm geschickt. Nicht aus Liebe zum Arbeitstier, sondern aus Kalkulation.
"Gigantische Arbeit leisteten zwei schwere Raupenfahrzeuge
(17 bzw. 28 Tonnen) am Gaislachkogel in Sölden, die sich zur Bergstation
der höchsten Seilbahn Österreichs emporarbeiteten. Es bedeutet
dies eine Premiere, denn nie zuvor konnten Raupenfahrzeuge dieser Größe
ohne fremde Hilfe in eine Höhe von 3.054 m gelangen. Durch den Einsatz
dieser Geräte wird die Sonnenterasse an der Bergstation wesentlich
vergrößert und die fünftlängste Schiabfahrt der Ostalpen
erheblich verbreitert werden."
Bewerbungsschreiben einer 16jährigen: "Mein Berufsziel
währe, Hausmädchen oder Stubenmädchen in einem Hotel oder
in einer Pension. Vorkenntnisse habe ich leider keine, aber ich bin sehr
gelehrig." (Lebenslauf)
"Warum - übrigens ein strenggehütetes Geheimnis
- eine geplante Pkw-Demonstration von Hoteliers gegen die Steuerschraube
kurzfristig abgesagt wurde? Die Teilnehmer an der Veranstaltung wären,
wie die Organisatoren in letzter Sekunde hektisch realisierten, in ihren
Privatautos vorgefahren: Jaguars, Mercedes, Rovers, Porsches, BMWs und
andere Nobelmarken. Um Gottes-Himmels-Willen!" (FM - Fremdenverkehr-Magazin,
Februar 1985)
Der Flächengebrauch ("100 Pistenkilometer") pro Arbeitsplatz
ist in keiner Branche so hoch wie in der Tourismusindustrie.
1943: "Der Gau Tirol-Vorarlberg darf es sich zur besonderen
Ehre anrechnen, gerade auf diesem Gebiet kriegswichtige gesamtdeutsche
Gemeinschaftsaufgaben erfüllen zu können. Im allgemeinen wird
die Stellung des Gaues im großdeutschen Erholungsverkehr dadurch
gekennzeichnet, daß er mit 8,36 Nächtigungen jährlich je
Kopf seiner Einwohnerzahl mit bedeutendem Abstand an der Spitze aller Erholungsgebiete
des Reiches steht."
Stubenmädchen, Hilfsstubenmädchen, Zimmermädchen,
Hilfszimmermädchen, Abräumerin, Reinigungskraft, Wäscherin,
Wäschereihilfe, Büglerin, Wäschebeschließerin, Kaffeeköchin,
Küchenhilfe, Salatmädchen, Salaterin, Herdmädchen, Geschirreiniger,
Silberputzerin, Putzerin für Küche und Abwasch, Abwäscher,
Ablöserin, Aushilfskellnerin ("Freie Stellen im Gastgewerbe")
Aus einer Werbekampagne der Vorarlberger Massentourismusindustriellen
gegen die eigene Bevölkerung: "In jeder Hinsicht von Vorteil: Wir
sind dort daheim, wo Millionen von Menschen aus aller Welt ihre kostbarsten
Tage des Jahres verbringen wollen - der Ferienspaß beginnt bei uns
direkt vor der Haustüre! Eigentlich beneidenswert, oder ...?" (Broschüre
"Was gond mi d'Gäscht a?", 1989)
Dieser Ferienspaß-Spruch muß doch auch für
die Einheimischen in Kenia und auf den Philippinen gelten, oder ...?
"Die Erhaltung der Volkskraft erfordert, daß jeder
Gefolgsmann zur Erholung von der Arbeit und zur Gewinnung neuer seelischer
und körperlicher Kräfte einmal im Jahr eine Zeit ausruhen kann,
ohne seine Lebenshaltung einschränken zu müssen. Deshalb hat
jeder Gefolgsman ... ein unabdingbares Recht auf einen Erholungsurlaub
unter Fortzahlung des Lohnes."
"Reisen" ist mit dem englischen "to rise" verwandt, das
heißt: aufstehen, sich erheben, rebellieren. Reisen ist Rebellion
gegen die Verhältnisse hier und jetzt.
Die Massentourismuslobby "Tiroler Tourismusvereinigung"
hat sich zum Geschäftsführer einen H.H. Klier bestellt, der sich
vordem über die Karriereleiter Journalismus hinaufturnen wollte. Das
klang damals so: "Nach dem Bau der Fremdenpensionen wuchsen plötzlich
Hotels wie Schwammerln aus dem knappen Tiroler Boden. Riesige Appartementblocks,
flotte Tennishallen und sonstige, dem jeweiligen Modetrend verbissen nachhechelnde
Einrichtungen machten ehemals beschauliche Dörfer zu einem Disneyland
des Fremdenverkehrs. Die im Grunde stille, knorrige Volkskultur der Tiroler
wurde auf das Niveau des Massentourismus gedrückt. (...) Das war der
>Point of no return<, die Zeit, als die ehemalige Gastfreundlichkeit
einer der Massentierhaltung entsprechendsen Beziehung zwischen Tierhaltern
und edlen Nerzen zu gleichen begann. Die positive Entwicklung, Wohlstand
für die Bergtäler, geriet außer Kontrolle. Der Zauberlehrling
ließ den Besen tanzen. (...) Und auch die Berge verwandelten sich
in Goldgruben. Bald reihte sich Lift an Lift, heute vornehm >Aufstiegshilfe<
genannt." (Profil, 28.3.1988)
Es sagt ein Hotelier (und Bürgermeister einer Massentourismus-Gemeinde):
"Für gewisse Arbeiten bekommen wir keine einheimischen Arbeitskräfte,
wir sind also auf Gastarbeiter angewiesen." (TT, 6.5.88) Richtig muß
der Satz natürlich heißen: "Zu solchen Löhnen bekommen
wir ..."
Die Massentourismus-Gemeinde, in der dieser Text geschrieben
wird, hat 2.700 gemeldete Einwohner, in der Saison 4.000 zusätzliche
gemeldete (!) Lohnarbeiter und mehr als 14.000 gemeldete (!) Fremdenbetten.
Eine Studie hat als realistische Touristenbetten-Zahl 16.900 (Stand von
1992) errechnet. Das heißt, es leben hier in der Hochsaison weit
mehr als 20.000 Menschen.
"Die Größe des Fortschritts bemißt sich
nach der Masse dessen, was ihm alles geopfert werden mußte." (Friedrich
Nietzsche)
Der Unterschied in der Wartung einer Fabriksmaschine und
der einer Fabriksarbeiterin besteht für den Fabriksherrn darin, daß
er die Wartung der letzteren getrost ihr selber überlassen kann. Im
Gegensatz zur Maschine, an der sie stehen, haben die Arbeiter einen Selbsterhaltungstrieb
und machen ihr Service (Essen, Schlaf, Erholung, Urlaub) selbst. Daß
der Fabriksarbeiterin die Nahrungsmittel, die sie verzehrt, vielleicht
schmecken, die Fabriksmaschine das Schmieröl aber empfindungslos aufnimmt,
daß sich die Fabriksarbeiterin auf die Erholung vielleicht freut,
die Fabriksmaschine der Überholung aber gleichgültig entgegensieht,
ist belanglos.
In diesem Heft ist vom Massentourismus im Winter
die Rede (Oktober - April). Der Sommertourismus ist in den Tiroler Massentourismus-Zentren
nichts anderes als eine bescheidene Nachnutzung der gigantischen Wintertourismus-Infrastruktur
(zu Schleuderpreisen). Den St. Antoner Unternehmen, z.B., bringt die industrielle
Beschneiung der Hänge "die gleiche Wertschöpfung wie die gesamte
Sommersaison." (Blickpunkt, 28.2.90)
Obergurgl im Juni (1993): "Betrieb geschlossen", "Betrieb
geschlossen", "Betrieb geschlossen", tote Saison im Hotelnest (398 Einwohner,
3900 Touristenbetten). Die Angestellten sind weg, die Einheimischen auf
Urlaub, auf Kur, im Krankenhaus und vielfach beim Arzt. Allein fünfundsiebzig
bei der Tiroler Gebietskrankenkasse Versicherte, also nur "Erwerbstätige",
"Arbeitslose", "Pensionisten" und mitversichterte "Angehörige", fassen
in diesem Monat beim Obergurgler Sprengelarzt 130 Medikamente aus: vom
Kreislaufmittel bis zum Verdauungspräparat, vom Antidepressivum bis
zum Schmerzblocker, vom Antibiotikum bis zum Asthmalöser (Adalat,
Beloc, Ditropan, Dusodril, Estraderm, Glucagon, Imodium, Imurec, Josalid,
Losec, Psychopax, Pulmicort, Renitec, Sinequan, Thrombophob, Triloc, Ulsal,
Unifyl, Urosin, Zyloric usw.)
Die Zukunft ist grün: "Durch die enge Zusammenarbeit
zwischen Seilbahnunternehmen und Industrie sind die Pistenerhalter in die
Lage versetzt, selbst dort saftig grüne Wiesen wachsen zu lassen,
wo vor dem Pistenbau Ödland vorherrschte."
Der Bürgermeister von Sölden: "Ein Hotelier
reicht ein Bauansuchen ein, in dem die Errichtung von Privatwohnungen,
3 Gästeappartements und einer Reihe von Personalwohnungen dargestellt
ist. Das Ansuchen kann positiv erledigt werden; die Bauführung wird
in der Folge regelmäßig kontrolliert; es gibt erfreulicherweise
keine Abweichungen von den genehmigten Plänen. Groß ist dann
die Überraschung des Bürgermeisters, als er aus dem Katalog eines
namhaften Reiseveranstalters entnimmt, daß die Personalwohnungen
als Gästeappartements angeboten werden.
Der aggressive "Wiederaufbau" Deutschlands hat uns Massen
von davon Erschöpften ins Land gespült. Ob es wollte oder nicht,
Österreich war zum Massentourismus verdammt. (Was in der deutschen
Wirtschaft an ausgezehrter Arbeitskraft anfiel, kam hierher, was an Sondermüll
anfiel, ging in die DDR.)
Wenn man das neurotische Verhalten der Massentouristen
hier verstehen will, muß man versuchen, ihre Wohnsituation in Deutschland
zu sehen, ihre Arbeitssituation in Deutschland, ihre politische Situation
der empfundenen völligen Machtlosigkeit gegenüber dem Deutsche-Bank-Daimler-Benz-Siemens-Höchst-CDU/CSU-SPD-FDP-Apparat,
ihre Ernährungssituation, ihre gesundheitliche Situation u.a.m.
Der Ischgler Hotelier von der Thannen (FPÖ)-Spitzenkandidat
bei den Handelskammerwahlen) "betont stellvertretend für die Ischgler
Hoteliere, daß man nie und nimmer Schwarzarbeit und Unterbezahlung
dulde. Man bezahle die ausländischen Arbeitnehmer korrekt mit Löhnen
bis zu 16.000 Schilling netto und mehr, und das bei freier Unterkunft und
Verpflegung." (Rundschau, 3.3.91)
Massentourismus ist umwelt-verträglich? Ja, sicher.
Die Schädigung durch 48 Arbeitswochen Überdruck
tritt oft erst im Urlaub zutage, Tauchern gleich, die zu rasch aus dem
erhöhten atmosphärischen Druck unter Wasser auftauchen: Kollapse,
Lähmungen, Embolien usw. (Caissonkrankheit). Die unwillkürliche
Schutzmaßnahme dagegen: den Druck auch im Urlaub aufrechterhalten.
Bräuchte eine Arbeiterin nur so lange zu arbeiten,
bis sie ihren Brutto-Lohn erarbeitet hat, dann könnte sie jeden Tag
um 3/4 1 nach Hause gehen und käme nie in diese heillose Zweistundenfreizeit-Panik.
Aber sie muß von 1 bis 5 ja noch für die Aktienbesitzer arbeiten,
für die kreditierende Bank, für die Herren Manager usw. Das erst
bringt sie in diese eingeklemmte Situation.
Doppelsesselbahn, Dreiersesselbahn, Vierersesselbahn,
Bergbahn, Panoramabahn, Gletscherbahn, 6er-Gondelbahn, 6er-Umlaufbahn,
Gruppenumlaufbahn, Speicherteich, Schneeanlage, Kunstbeschneiung, Alpenstraße,
Hochalpenstraße, Gletscherstraße, Skizirkus, Skikarussell,
Skischaukel, Gletscherskischaukel - - -
Die kleine Vermieterin, die sechs oder acht Touristen
in ihr Haus bringt, die sie durch persönlichen Einsatz angeworben
hat, bringt diese Leute ja vor allem dem Liftbesitzer, dem Restaurantbesitzer,
dem Lebensmittelhändler. Für die kleine Vermieterin ist der Tourismus
ein mehr oder weniger notwendiges Zubrot. Sie ist nicht in der Lage, am
Gast, den sie sozusagen an Land gezogen hat, groß zu verdienen. Unter
sehr großem Arbeitsaufwand (Frühstückkochen, Frühstückservieren,
Abräumen, Abspülen, Bettenmachen, Zimmerputzen, Kloputzen usw.)
kann sie ihm vielleicht 200 Schilling abnehmen, die Liftgesellschaft hingegen
knöpft ihm im Handumdrehen 400 Schilling für den 1-Tages-Skipaß
ab.
Zu Ostern fliegen ein Schuldirektor und ein Marmeladenfabrikant
aus Tirol auf Foto-Safari nach Nepal. Der Träger I., ein altes einfaches
Mandl aus jener Gegend, begleitet sie. Am Schulschluß lädt der
Schuldirektor Freunde zu einem Nepal-Dia-Vortrag in Innsbruck - und wartet
mit einer Überraschung auf: Der Marmeladenfabrikant D. hat als exotische
Attraktion des Abends den alten Sherpa einfliegen lassen.
Problem Arbeitskräftemangel: "Wenn die Wirte in der
Wildschönau, die nicht stempeln gehen, jene Wirte, Wirtinnen und deren
Angehörige beschäftigen würden, die Arbeitslosengeld beziehen,
dann wäre das Problem schnell gelöst!"
Dummheit zum Tag: "Zum Thema Massentourismus meinte Schröcksnadel
(ÖSV-Präsident, TTV-Vorstandsmitglied), dies sei eine Frage der
Relativität. Niemand rege sich auf, wenn bei einem Fußballmatch
12.000 Zuschauer geballt zusammenkämen, während sich in einem
großräumigen Skigebiet ohnehin höchstens 10.000 Skifahrer
bewegten." (TT, 6.7.91)
Fußschmerzen, Rheuma in den Händen, Kopfschmerzen,
Raucherbein, Lungenbeschwerden, Herzbeschwerden, Kreuzbeschwerden, Krampfadern,
Überbein, Bandscheiben, Gelenksentzündungen, Hautausschläge
(am häufigsten genannte Gesundheitsschäden der Arbeiterinnen
und Arbeiter im Gastgewerbe)
"Einen 'touristischen Notfallsplan' entwickelte die FPÖ,
um dem akuten Personalmangel im FV zu begegnen. In Slowenien gebe es eine
große Anzahl von gut ausgebildeten Fachkräften, die derzeit
arbeitslos seien. Unter der Telefonnummer 03/06673054 könnten österreichische
FV-Betriebe in Portorocz anrufen, wo dem Unternehmen Name und Anschrift
der Fachkraft genannt werden."
"Gerade auch Reisen, Wandern und Urlaubsgestaltung gehören
zum Modernsten und Gewaltigsten, was in der Welt und vor allen Dingen im
Deutschland Adolf Hitlers geleistet wurde. Vor wenigen Jahren noch neu
und von vielen ungeglaubt, nahm hier eine Idee feste Gestalt an, die einen
Meilenstein in der Revolutionierung unseres ganzen Gesellschaftslebens
bedeutet. Die >Kraft-durch-Freude<-Züge, die im gesamten deutschen
Sprachgebiet Menschen aus den Fabriken und Stuben, aus den Zechen und vom
Pflug, von den Büros und aus der Welt der riesigen Mietskasernen hinausbringen
in eine schönere Welt, sind schon längst nicht mehr aus dem Bilde
unseres wiedererwachten Volkes hinwegzudenken."
"Als vordergründiges Ziel für die Zukunft bezeichnet
(der Direktor des nächtigungsstärksten Tourismusverbandes Tirols,
des Tourismusverbandes Innerötztal) Niederstetter eine gleichmäßigere
Auslastung der Saisonen von Anfang Juli bis Anfang Mai. Es gelte Spitzen
und Löcher zum Zwecke der Wirtschaftlichkeit auszugleichen. 'Wir arbeiten
seit zwei Jahren an einem Konzept, welches einerseits dem September und
andererseits dem April Chancen einräumt, als gute Monate zu gelten.
Ob wir auch in Zukunft mit Wachstum rechnen können, hängt von
der Bereitschaft ab, ob wir gewillt sind, noch mehr zu leisten.'" (TT,
14.7.93)
Die Millionen deutschen und österreichischen Jugoslawienurlauber
der letzten Jahre könnten in ihren Heimatländern (deren Regierende
allergrößte Schuld an der Eskalation in Jugoslawien haben!)
eine machtvolle Antikriegsbewegung bilden. Frieden ist schließlich
erste Voraussetzung dafür, Urlaub machen zu können. "Könnten"!
Aber in der kapitalistischen Wirklichkeit ziehen sie einfach weiter (bzw.
werden weitergetrieben von ihren Reisebüros und Fluglinien), z.B.
in die Türkei, ein Land, das ihnen vielleicht auch morgen schon der
Krieg wegnehmen wird.
"Millionenschaden richtete eine Mure in Kössen an.
Im Bereich des Staffenbergliftes hatte sich oberhalb des Berggasthofes
'Edernalm' eine große Mure gelöst, die eine zum Gasthof gehörige
Almhütte um ganze fünf Meter verschob und vollständig zerstörte.
Erst an den Mauern des Gasthofes selbst kamen die Erdmassen zum Stillstand."
(TT, 5.8.91)
"Medizinische Untersuchungen haben ergeben, daß
die Mehrheit der 'Normalverbraucher' mit einem 'Holiday-Syndrom', das heißt
mit Schlafstörungen, Erschöpfungs- und unklaren Angstzuständen,
nach Hause kommt, die darauf zurückzuführen sind, daß dem
Körper nicht genug Zeit gewährt wurde, sich auf Erholung ein-
und umzustellen. Dazu gesellt sich der seelische Kater: Nach dem Urlaub
warten 48 lange Arbeitswochen."
"Ischgl praktiziert >Tourismus light<"
Als 1989 Funktionäre des Massentourismus auf der
einen Seite über eine Verschuldung der Massentourismusindustrie von
mehr als siebzig Milliarden Schilling klagten, jubelte auf der anderen
Seite der Raiffeisen-Konzern darüber, daß er "den ersten Platz
bei der Finanzierung des heimischen Fremdenverkehrs einnimmt". "Rund 21,3
Milliarden Schilling beträgt das aushaftende Kreditvolumen, was einem
Marktanteil von knapp 30 Prozent bedeutet." (a3-gast 3/89)
"Wir sind stolz auf unsere Museen, wo wir eine Lebensform
zur Schau stellen, die wir unmöglich gemacht haben."
Es ist ihnen gelungen, den Leuten die Füße
(die zu einer Änderung der Verhältnisse schreiten könnten)
massenhaft in Plastikklumpschuhe zu zwängen und mit diesen noch auf
Kunststofflatten zu schnallen, ihnen die Hände (die mit den herrschenden
Zuständen aufräumen könnten) in dicke Fäustlinge zu
stecken, ihre Augen (die die Gründe der Misere sehen könnten)
mit schwarzen Brillen zu verdecken. Es ist ihnen gelungen, die hintergangenen
Massen massenhaft in Gondeln einzufangen, sie an Liftseile zu legen und
in ausgeleierte Schleppliftgeleise zu schubsen.
Das duty-free-shop am Innsbrucker Flughafen macht an Samstagen
in der Hochsaison mit an- und abfliegenden Massentouristen mehr als 400.000
Schilling Umsatz bei alkoholischen Getränken.
"300 Mio. S investieren Österreichs Seilbahnunternehmen
jährlich in den Umweltschutz." (T. Wirtschaft, 13.7.90) Abgesehen
davon, daß es nicht 300 Mio. S sind und abgesehen davon, daß
bei denen auch Pistenausbau unter Umweltschutz fällt: Wie viel müssen
die in die Zerstörung der Umwelt investieren, um Hunderte Millionen
in die Reparatur stecken zu können!
Massentourismus ist ein dreckiges Geschäft. Je brutaler
es zugeht bei Fiat in Turin und bei Oetker in Bielefeld (Arbeitshetze,
Absatzstau, Schichtarbeit usw.), desto schöner blüht der Massentourismus
auf Madeira und in Meran, in Antalya und in Adelboden, auf Zypern und im
Zillertal. So wird in, sagen wir, Berchtesgaden, Bad Kleinkirchheim, Bormio
nocheinmal Kapital geschlagen aus den Verhältnissen in, sagen wir,
Birmingham, Bremen, Basel. Und die Industrieknechte und -mägde werden
in den massentouristischen Zentren für deren eigenes Geld in den Zustand
der Wiederverwendbarkeit durch BASF, BP, Benetton gebracht. Massentourismus
ist ein dreckiges Geschäft.
Der "Vater des Massentourismus", Thomas Cook, war der
Vorsitzende einer Abstinenzlervereinigung. Er machte sich die neueste Errungenschaft
der Technik, die Eisenbahn, zunutze, um die Menschen aus den Schnapsläden
zu bringen. Am 5. Juli 1841 organisierte er eine Fahrt von Leicester nach
Loughborough. In den Waggons ohne Sitze drängten sich 570 Menschen.
Das Begleitprogramm war darauf ausgerichtet, neue Mitglieder für die
Abstinenzlervereinigung zu gewinnen.
Slogan der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung
(1987): "Fremdenverkehr ist, wenn Monika den Einkehrschwung so gut beherrscht
wie ihr Skilehrer."
Wenn den arbeitenden Menschen gehörte, was sie eigenhändig
herstellen, der Lederschuhnäherin der Schuh und dem Autokarosseriespengler
die Autokarosserie, wenn die arbeitenden Menschen nur für sich selbst
zu arbeiten hätten und nicht vor allem für die Rendite eines
jeden investierten Schillings, d.h. für den Profit der Leder &
Schuh AG da und den des Autohausbesitzers dort, bräuchten sie viel
weniger und viel weniger angestrengt zu arbeiten - und sich folglich im
Urlaub weniger brutal von der brutalen Arbeit abzusetzen.
Eröffnung einer neuen Schalterhalle der Sparkasse
Imst, Abfolge: Musikkapelle, Schützenkompanie, Segnung der Halle durch
den Dekan, zwei Reden von Bankern, Darbietungen des Imster Liederkranzes,
Übergabe eines Banken-Schecks in der Höhe von 150.000 Schilling
an den Dekan, Menue im Hotel Stern.
"In Innsbruck und in der Ostmark müssen nun Hotelbauten
errichtet werden, um Arbeitern und Arbeiterinnen, Angestellten und anderen
schaffenden Menschen Platz für ihre Erholung zu schaffen. Sie alle
werden zu >Kraft-durch-Freude<-Preisen ihren Urlaub verleben können."
Hier, weit weg davon, wo sie stets Knecht sind, geben
sie jetzt "den Herrn". Die, die 48 Wochen im Jahr auf Lohn gehalten werden,
auf Zuruf funktionieren, in Firmenmäntelchen gepackt, üben sich
hier in Kapitalist. Gehetzt vom Zwang, in den drei Wochen soviel wie irgendwie
möglich von den Früchten zu fressen, die sie das ganze Jahr über
nur für ihren Herrn produzieren.
Urlaub wird als Belohnung für fleißige Arbeit
vergeben, als Zuckerl. Anspruch besteht erst nach der (mindestens
sechsmonatigen) Arbeit. Leben ist im Kapitalismus kein Menschenrecht
an sich, sondern muß erst durch Arbeit für andere "erkauft"
werden.
">Scandinavians! We don't want you here anymore!! You
are ruining our village!!! Get out and never come back!!!!< Tausende
Flugblätter mit diesem Text bedeckten am Samstag die Straßen
in St. Anton. Alte-Post-Hotelier Michael Zanner: >Die Aktion Pro Qualität
wurde von deutschen Stammgästen initiiert. Ich beteiligte mich daran.
Die Gäste zahlen nicht länger 1500 Schilling pro Nacht, um dann
von grölenden Horden um ihren Schlaf gebracht zu werden."
Der staatlich geprüfte Schilehrer S. (55), sagt N.,
soll in der Schwarzen Abfahrt in H. eine siebzehnjährige Holländerin
vergewaltigt haben. - - - Das Schischulbüro habe, sagt er, dem Mädchen
Aufenthalt und Heimflug bezahlt. Nein, dem Schilehrer sei nichts passiert.
Faschismus ist Kapitalismus auf Teufel komm raus. Wenn
man seinen Blick auf ihn richtet, sieht man oft klar, was bei uns unter
vielerlei schein-demokratischer Verhübschung verschwindet: Das "Staatssekretariat
für Fremdenverkehr" war im Dritten Reich dem "Reichsministerium für
Volksaufklärung und Propaganda" von J. Goebbels unterstellt.
Urlaub ist das Geschäft mit falschen Hoffnungen.
Er täuscht über das Leben als Lohnarbeiterin oder als Lohnarbeiter
hinweg. Dabei ist es nicht einmal nötig, daß die Mehrzahl derer,
die das Milliardengeschäft mit diesen falschen Hoffnungen machen,
wissen, daß sie falsch sind. Auch der Nachrichtensprecher des ORF,
der Lügen verbreitet, braucht das nicht zu wissen. Umso überzeugender
kann er sie verbreiten.
"Ganz Österreich ein Golfplatz?
Der Gletscher-Millionär: "Die Erschließung
der Gletscher wird immer wieder kritisiert. Aber der Tourismus tut den
Gletschern gut. Wir haben in Tirol von 400 Gletschern 10 vermarktet, und
die sind die einzigen, die stabil geblieben sind, die anderen sind zurückgegangen."
"Gerade den älteren Jahrgängen müssen wir
es ermöglichen, einem weitgehendst gepflegten Volkssport huldigen
zu können. Der Sport und die körperliche Bewegung ist dem 40-
und 50jährigen Menschen notwendiger als der Jugend. Wir müssen
das überflüssige Fett beseitigen, damit der Körper wieder
die nötige Spannkraft erhält. Wir werden den Massensport pflegen."
Stell dir vor, die Massen österreichischer Touristen
in der Türkei hätten den Streik (1992/93) der beim "österreichischen"
Konzern Humanic dort in der Türkei auf Hungerlöhne gesetzten
Schuhnäherinnen hier in Österreich öffentlich machen können!
Stell dir vor, die Unmassen deutscher Touristen in Österreich hätten
den Widerstand gegen die von deutschen Energiekonzernen betriebene Ausplünderung
der Wasserkraft im Zillertal drinnen in Deutschland draußen öffentlich
machen können! Stell dir vor - - -
Als im Winter 1992 allein in Tirol nach und nach 30 Skifahrer
auf der Piste ums Leben kamen, wobei die Öffentlichkeit ständig
halblaut mitzählte, reagierten die Millionenverdiener am Massentourismus
schnell: In der folgenden Wintersaison wurden keine Zahlen mehr veröffentlicht.
Sölden, die voll auf den Massentourismus abgefahrene
Gemeinde, in der ich diese Sätze schreibe, hat jeden Winter soviele
Nächtigungen wie Ischgl und Kitzbühel zusammengenommen. Jeder
siebzehnte Tiroler Massentourist im Winter landet in dieser 2.700-Einwohner-Gemeinde.
Wäre in der Arbeit Befreiung, bräuchte es nicht
Befreiung von der Arbeit. Aber wer dazu verdammt ist, ein Frauenleben lang
Käsescheiben von Käsestangen zu schneiden oder ein Männerleben
lang volle Bierkisten in Getränkekeller zu karren und leere Bierkisten
auf Lkw-Ladeflächen zu stapeln - - -
Der Fotograf eines neuen Prachtbandes über das Zillertal,
L.H., "gab unumwunden zu, daß er beim Fotografieren 'Kamerakosmetik'
betreiben mußte. Im Klartext: Gar manches Wunschmotiv war wegen baulicher
oder anderer 'Verschandelungen' nicht oder nur schwer fotografierbar."
Das Fünfsterne-Hotel Europa in Innsbruck bietet den
Gstopften in einem Prospekt Partys im Olympia-Museum (70 DM pro Person),
Empfang mit Musikkapelle (700 DM) usw. Die Bonzen werden aufgefordert,
ihren jüngsten "Umsatzgipfel" entsprechend zu feiern. Dazu wird ihnen
angeboten: "Hissen Sie Ihre Firmenfahne auf einem Dreitausender mit dem
Mount-Everest-Bezwinger Wolfgang Nairz."
Der Urlaub, das ist das Ventil, das man den Leuten läßt,
damit sie nicht darangehen, die unerträglichen Arbeitsverhältnisse
umzuschmeißen. Der Urlaub hat in diesem System erstens die Arbeitskraft
der Massen wiederherzustellen und zweitens die politische Kraft der Massen
an Stränden und an Liften zu verpuffen.
Der Fremdenverkehrs-Landesrat: "Der Wissenschaftler hat
ebenso eine soziale Verantwortung für eine positive Einstellung zum
Tourismus, an dessen Erträgen er indirekt partizipiert."
Gran Canaria oder Obergurgl sind ja nicht die gewachsenen
Bedürfnisse der Menschen - sagen wir - in Dortmund, sondern die manipulierten
Bedürfnisse, die an die Stelle der wirklichen, an die Stelle der für
die bestehende Ordnung gefährlichen zu treten haben.
"Um das Volk vor den Schädigungen zu bewahren, wie
sie eine Steigerung des Arbeitstempos verursacht, muß dafür
gesorgt werden, daß das Volk in seiner Freizeit eine völlige
Ausspannung von dem übersteigerten Tempo des Alltags erhält.
(...) Durch die Urlaubsreisen wird vor allem auch dem schaffenden Volksgenossen
ein tatsächliches Ausspannen, ein Herauskommen aus dem Allgewohnten,
Luftveränderung und damit wirkliche, durchgreifende Erholung als Anregung
neuer Schaffenskraft gewährleistet, in einer Weise, wie es früher
für den einfachen Mann undenkbar und unerreichbar schien. (...) Frische
und freudige Volksgenossen müssen geschaffen werden, dann werden auch
gute Leistungen erzielt werden. Ein frischer, ausgeruhter Arbeiter, der
mit Freude in den Betrieb geht, kann mehr leisten als ein müder und
zermürbter Mann, der nur widerwillig den Betrieb betritt. (...)
Die Drahtzieher des Massentourismus in Tirol wollen weg
von der Massennächtigungsstatistik. Weil sie zuwenig aussage, sagen
sie. In Wahrheit, weil sie zu ungeschminkt aussagt über die Massenhaftigkeit
des Tourismus hier. Weil diese bloße Statistik allein schon eine
unerträgliche Kritik an der Plünderung Tirols durch den Massentourismus
darstellt.
Jedes Hotel hat seinen Mülljugo und seinen Küchenjugo
und seinen Barjugo. Der Volksname Slawe ist identisch mit dem Wort Sklave
(griechisch sklabos). "Die Bedeutung 'Sklave' geht auf den Sklavenhandel
im mittelalterlichen Orient zurück, dessen Opfer vorwiegend Slawen
waren." (Duden)
"Der 35jährige Hotelierssohn Hannes Schneeweiß
aus Seefeld war während der Fahrt von Zirl nach Seefeld am oberen
Ende des Zirler Berges aus bisher noch ungeklärter Ursache auf die
Gegenfahrbahn geraten und dort mit seinem schweren Mercedes frontal gegen
das Auto eines Urlauberpaares aus Berlin geprallt. Der 39jährige Heinz
Josef Thiel und seine 33jährige Beifahrerin Franziska Goscinski waren
auf der Stelle tot." (Kurier, 9.2.93)
Unsere Großeltern haben nicht gesportelt. Der Sport
ist eine Seuche, die gezielt in die Masse hineingetragen worden ist. Wenn
heute Hunderttausende auf Schiern Tiroler Berghänge herunterrutschen,
so tun sie das auf innigsten Wunsch der Mächtigen in dieser Gesellschaft.
Pierre de Coubertin, der Neubegründer der "Olympischen Spiele" hat
nach dem 1. Weltkrieg kritisiert, daß die Nutznießer der kapitalistischen
Ordnung bislang versäumt hätten, bei den arbeitenden Menschen
"die Bitterkeit zu zerstreuen, - nein, seien wir ehrlich, und nennen wir
die Dinge beim Namen - , man hat versäumt, den konzentrierten Zorn,
die aufgespeicherten Haßgefühle zu beschwichtigen". Und er fordert:
"Nun muß das Leben der proletarischen Jugend von der Freude am Sport
durchdrungen werden. Es muß dies geschehen, weil sie das billigste
Vergnügen, das dem Prinzip der Gleichheit am besten entsprechende,
das wirksamste gegen den Alkohol und das produktivste an beherrschten und
kontrollierten Energien ist."
Wenn es im Jänner, sagen wir, in Kitzbühel keinen
Schnee hat, wird kurzfristig Personal gekündigt. Wenn es zur gleichen
Zeit, sagen wir, im Zillertal genug Schnee hat und der dortige Massentourismus
zusätzliche Abwäscher, Aufbetterinnen, Aufräumerinnen usw.
bräuchte, können die Stempelnden nicht dorthin vermittelt werden,
weil sie für den Fall des Falles, des Schneefalles nämlich, eine
Wiedereinstellungsbestätigung von ihren Kitzbüheler Hoteliers
haben. Das heißt, wir, du und ich, übernehmen das finanzielle
Risiko des Unternehmers und halten ihm für die Zeit, wo es wieder
Schnee und massenhaft Touristen hat, Abwäscher, Aufbetterinnen, Aufräumerinnen
usw. bereit, auf daß es in seinen Kassen wieder schebbert.
Die Körper essen den Seelen alles weg.
Auf dem St.-Peters-Friedhof zu Salzburg müssen die
Begräbnisse der Einheimischen um 8 Uhr 30 in der Früh stattfinden
- weil sich untertags Bäche von Massentouristen über den Friedhof
ergießen, d.h. damit sich untertags die Bäche von Massentouristen
über den Friedhof ergießen können.
"Die Tausend-Mark-Sperre hat über Mayrhofen im Zillertal
(Tirol) schweres Unglück gebracht. (...) Infolge der Tausend-Mark-Sperre
hat die Zahl der Fremden derart abgenommen, daß sie in den letzten
Jahren auf 20 Prozent gesunken ist. (...) Die traurigen Folgen sind Ausgleiche,
Konkurse, Arbeitslosigkeit und daher große Verarmung der Bevölkerung,
wie man sie früher nicht für möglich gehalten hätte.
Der Gefertigte betrachtet es als wichtige Pflicht, für seine verarmte
Pfarrgemeinde Gäste zu werben, um dadurch beizutragen zur Linderung
der Not. Daher erlaubt er sich, auch an Sie die Bitte zu richten, im kommenden
Sommer Mayrhofen als ihren Sommerfrischort zu wählen und auch auf
Ihre Freunde in diesem Sinne einzuwirken. Sie helfen damit die Notlage
unserer Pfarrgemeinde einigermaßen zu mildern. (...) Der Gefertigte
ist bereit, alle nur gewünschten Auskünfte zu erteilen. (...)
Sie werden bei uns sicher angenehme Urlaubstage verleben.
1986 versuchte die österreichische Fremdenverkehrswerbung
in einer großen Kampagne ("Fremdenverkehr ist, wenn ...") der vom
Massentourismus überrollten einheimischen Bevölkerung die Vorteile
solchen Überrolltwerdens vor Augen zu führen. In hartem Gegensatz
zu den netten Slogans aus den Werbebüros veröffentlichte ein
Unternehmermagazin damals ein paar selbstgebastelte, mehr an der Wirklichkeit
orientierte Sprüche. Z.B. diesen: "Fremdenverkehr ist, wenn ein Drittel
des Umsatzes schwarz gemacht wird." (a 3 gast, März/April 1986)
Wie die DDRler, als sie konnten, die DDR flohen, fliehen
die BRDler, wenn sie können, die BRD.
Ein FÖHN-Leser, Pensionist, früher im Gastgewerbe
tätig, schreibt: "Jemand, der so schreibt und recherchiert wie Sie,
sollte sich auch einmal mit der Schmarotzerbranche Fremdenverkehr befassen.
Fette Profithyänen auf dem Rücken billiger Arbeitskraft kriegen
noch beliebige Subventionen (...), aber ihrem Personal gönnen sie
in vielen Fällen nur die verkommensten, dreckigsten Unterkünfte,
die es im Land gibt, und das Essen ist zum Beispiel in einem 4 ½
Sterne-Hotel in Igls so, daß es Brot nur aus einem Plastik-Sack gibt,
in den alles Rückbrot aus den Restaurants hineingeworfen wird, und
wenn die Chefin sieht daß jemand vom Personal eine Semmel ißt,
dann heult sie auf, woher er die hat."
In der brutalen Wirtschaftsschlacht, die die deutsche
Industrie schlägt, ist Tirol das Feldlazarett. Mit über 400.000
Massentouristen-Betten hat Tirol soviel wie ganz Griechenland.
EG-Anschluß: "Gastwirte und Hoteliers reiben sich
bereits die Hände. Sie hoffen auf 'Billigkräfte' aus Niedriglohnländern,
die künftig in unbegrenzter Zahl eingestellt werden dürfen."
Die Flucht in den Urlaub hat ein hohes Image, statt -
wie es ihr eher zukäme - ein ganz niederes, mit "davonlaufen", "kneifen",
"Feigling", "Schwächling" verbundenes. Das Image dieser Flucht ist
gemacht.
"Die aus Kanonen kommende etwa 30 Zentimenter dicke, lockere
Schneedecke verhindert allzu starkes Auskühlen des Bodens und schützt
die feinen Wurzeln gegen thermische und mechanische Zerstörung. Die
'künstliche' übers Land gelegte Decke bringt alle Vorteile einer
vom Himmel gesandten und kann noch dazu vernünftig dosiert und im
richtigen Augenblick aufgebreitet werden. Die Bauernregel - 'wenn's früher
schneit, gibt's bessere Ernten im nächsten Jahr'- erhält neue
Aktualität. Schlafsaaten werden beschützt und wachen daher im
nächsten Frühjahr tatsächlich auf. (...) Die Seilbahnen
- Bergbauern mit Ideen und Engagement."
Über aushaftende Kredite sind (in Österreich)
die Banken mit vierzig Milliarden Schilling an Seilbahnen und mit über
100 Milliarden Schilling an Hotels beteiligt. Das heißt, jedes "private"
Hotel gehört zur Hälfte einem Kreditinstitut. Anders gesagt:
In jedem zweiten Hotel arbeiten Hausdiener, Kloputzerin, Direktor, Erdäpfelschälerin
usw. ausschließlich für die Bank.
Das auf eine weitläufige Alm - in ein Netz von Schlepp-,
Sessel- und Gondelliften - gesetzte Tagesrestaurant Giggijoch in Sölden
bietet Sitzplätze für ..., raten Sie! Für zweihundertfünfzig
Personen? Für vierhundert? Für sechshundert? Angabe der Skiliftgesellschaft,
die das Restaurant betreibt: "Mitarbeiteranzahl: 35", "Sitzplätze:
1200"
In den nur vierzehn Tagen vom 26.12.92 bis zum 8.1.93
flog der sogenannte Gipsbomber (eine Maschine der Tyrolean Air) zwölfmal
Massentouristen, die sich auf Skipisten in Tirol schwer verletzt hatten,
in ihre Heimat Deutschland, Holland, Belgien, Großbritanien aus.
(TT, 9.1.93)
Nicht irgendwann dann, wenn es so weitergeht, in der Zukunft
wird es Wahnsinn. Es ist es bereits.
In Tux im Zillertal wurde die 60-Jahr-Feier des Massentourismusverbandes
mit einem "Dankgottesdienst" in der Kirche begonnen. "Da an diesem Tag
das Wetter schlecht war, wurden die anschließenden Festreden der
Einfachheit halber auch in der Kirche abgehalten." (Leserbrief eines
Tuxers in der TT vom 6.2.93)
Pakistan soll eine "kräftige Finanzspritze aus dem
österreichischen Entwicklungshilfefonds" erhalten. "Ein Teil davon
soll für den Tourismus verwendet werden." "Mehrere Gespräche
mit heimischen Unternehmen", u.a. der Seilbahnfirma Doppelmayr, haben bereits
stattgefunden. "Doppelmayr hatte schon vor mehreren Jahren Liftanlagen
in Pakistan gebaut." (TT, 1.2.93)
"Für 7500 Kinder endet das Vergnügen auf Tirols
Skipisten im Krankenhaus. Insgesamt müssen sich in Tirol 42.000 Skifahrer
pro Jahr in ärztliche Behandlung begeben." (TT, 23.2.93) "Pro
Jahr verletzen sich in Österreich 60.000 Touristen beim Skifahren.
Rund 18.000 von ihnen müssen ins Krankenhaus, wo sie im Schnitt zehn
Tage bleiben." (TT, 26.2.93)
Neustift: "Wüste Prügelei nach lustiger Rodelpartie"
("Wie ein wildes Tier stürzte sich ein Landsmann auf E., riß
ihn zu Boden und prügelte auf den Kopf des Wehrlosen ein, bis er bewußtlos
war." Kurier, 31.12.92); Mayrhofen: "Vandalen wüteten in Mayrhofen"
("Seit zwei Nächten terrorisiert eine Bande von jungen Urlaubern die
Touristenhochburg Mayrhofen." Kurier, 31.12.92); Ischgl: "Amokfahrt
mit Pistenraupe" ("Der 27jährige Jürgen D. aus Ravensburg hatte
nach einer ausgiebigen Zechtour durch mehrere Lokale und eine Diskothek
kurz vor Mitternacht ... die Raupe in Betrieb genommen." Kurier, 9.1.93);
Aurach: "Vandalen aus Großbritannien trieben vorgestern, Donnerstag,
in Wiesenegg ihr Unwesen. Vermutlich stark alkoholisiert ..." (Kurier,
9.1.93); Mayrhofen: "Zillertaler wurde von Touristen krankenhausreif
geschlagen" (Kurier, 11.1.93); Fulpmes: "10 Schweden prügelten
Tiroler krankenhausreif" ("Wieder einmal kam es zwischen vermutlich betrunkenen
Touristen und Einheimischen in einem Urlaubsort zu einer Schlägerei
mit bösen Folgen." Kurier, 3.3.93); Sölden: "Rabiate Deutsche
verprügelten Holländer" (Kurier, 9.3.93); Wörgl:
"Der 18jährige Jürgen A. geriet mit zwei italienischen Gästen
in Streit" ("Der junge Wörgler hatte gegen die brutalen Italiener
keine Chance. Als Jürgen A. schon wehrlos am Boden lag, ..." Kurier,
24.3.93).
Im Unternehmermagazin Trend schreibt ein Gastwirt
unter dem Titel "Ich war ein Jahr lang Wirt - und gestehe alles":
"Da die Fremdenverkehrsverbände ihre Einnahmen zur
Abwicklung ihrer Arbeit benötigen, muß die touristische Infrastruktur
von öffentlicher Hand finanziert werden, wobei eine eventuelle Verschuldung
in Kauf zu nehmen ist." ('Strukturanalyse' der Handelskammer [WIFI] für
das Ötztal) Während die Verschuldung der Massentourismusgemeinde
Sölden wächst, suchen die Massentourismus-Industriellen des Ortes
auf der ganzen Welt hektisch nach hochzinsigen Anlagemöglichkeiten
für ihr Kapital.
Wenn man Faschismus richtig versteht, nämlich als
auf die Spitze getriebenen Kapitalismus, wundert es gar nicht, daß
die Arbeitszeitverordnung (AZO) in Deutschland gerade 1938 eingeführt
wurde. Die Regierung Hitler hat damit (vorerst freilich nur auf dem Papier)
die Fünf-Tage-Woche bei achtstündiger täglicher Arbeitszeit
durchgesetzt. Dahinter stand nicht Menschenfreundlichkeit, sondern Arithmetik:
Es läßt sich auf Mark und Pfennig ausrechnen, daß aus
ausgeruhten Arbeiterinnen und Arbeitern in vierzig Wochenstunden mehr herauszuholen
ist als aus völlig ausgepowerten in achtundvierzig.
Die Entrüstung über den von hunderttausend Skikanten
abgeschabten Wiesenrücken ist so lächerlich, als beklagte man
bei einem am Krebs Krepierenden die Beeinträchtigung seiner Haartracht.
Ein untrügliches Maß für die Unfreiheit
der Lohnarbeiterin und des Lohnarbeiters im Kapitalismus ist die Seitenzahl
des Neckermann-Kataloges.
Der Massen-Exodus aus dem Ruhrgebiet, das ist eine wirkliche
demokratische Abstimmung mit den Füßen über die dort herrschenden
Verhältnisse.
Franz Senn (1831-1884), Pfarrer von Vent, Nauders und
Neustift, ließ Saumwege im hintersten Ötztal anlegen, war ein
erster Organisator des Bergführerwesens in Tirol und Mitbegründer
des Deutschen Alpenvereins. Die Manager des heutigen Massentourismus haben
ihn zu ihrem Ahnherrn umgegossen. Zwei Legenden wurden in Umlauf gebracht.
"Neben den Einheimischen haben wir vor allem Mitarbeiter
aus Osttirol, Kärnten und der Steiermark. Mitarbeiter im Gletscherbahnbereich
stammen aus der Türkei, in der Gastronomie aus neun Nationen, wobei
sich besonders die Ungarn, Slowenen und die Türken bewähren.
Am weitesten her kommt Jonny aus Nigeria - unser Beitrag zur offenen Gesellschaft."
Wenn es heißt, in Tirol leben 15 Prozent direkt
vom Massentourismus und indirekt 35 Prozent, so wird verschwiegen, wieviele
Erwerbsmöglickeiten der Massentourismus (in Landwirtschaft, Handwerk,
Industrie usw.) vernichtet hat.
"Brandstiftung ist mit Sicherheit die Ursache von drei
Autobränden, die in der Nacht zum Donnerstag vor einer Fremdenpension
in Dorf Tirol stattfanden. Drei Personenwagen, Eigentum bundesdeutscher
Urlaubsgäste, wurden Opfer der Flammen, der Schaden beläuft sich
auf 50 Millionen Lire, etwa 600.000 Schilling. (..) In Kaltern wurden die
Scheiben von fünf deutschen und einem italienischen Touristenauto
eingeschlagen. (..) Die Episoden verraten unsinnigen Fremdenhass."
Der Arbeiter aus Wolfsburg, der am Freitag nach Schichtende
in Schiurlaub fährt und nach vierzehn Tagen erst am Samstag vor der
nächsten Montagschicht spätabends aus dem Schiurlaub zurückkommt,
der kann nicht auf "schlechte" Gedanken kommen, mit der Scheißarbeit
für die Herren Aktienbesitzer in Wolfsburg abzufahren. Vorstellbar
wäre ein Urlaub, der genützt wird, um sich gegen die Lohnarbeit
zu wappnen. Zigmillionenfach wird er genützt, um sich für die
Lohnarbeit zu wappnen.
Neustift im Stubaital, eine für den Massentourismus
umgebaggerte Gemeinde (über 1 Million Nächtigungen/Jahr), wehrt
sich gegen den Bau eines Wasserkraftwerkes der österreichischen Bundesbahnen:
"Der damit verbundene massive Eingriff in die Natur ist für die Tourismuswirtschaft
schwer zu vertreten. Eine ursprünglich erhaltene Naturlandschaft ist
ein unverzichtbarer Angebotsfaktor."
Als die Gewerkschaft eine "kürzere Lebenserwartung
von Mitarbeitern im Fremdenverkehr", gemeint ist: von 60-, 80-, 100-Wochenstunden-Angestellten
im Massentourismus, feststellt, wischt dies der zuständige Tiroler
Landesrat, ein frömmelnder Fabrikant und Seilbahn-Unternehmer, so
vom Kirchenstuhl: 'Diese Behauptungen seien "weit außerhalb der Bandbreite
sachlicher Meinungsverschiedenheit".' (TT, 2.12.87)
"Kraft durch Freude": "Wintersport muß Spaß
machen. Alle Marktforscher sind sich darin einig, daß Fun and Emotion
Voraussetzungen für das Schnee-Erlebnis darstellen."
Urlaub könnte ein ganz gefährlicher Ort sein
für die bestehenden Verhältnisse. Die vom Fließband, von
der Kaufhauskassa, vom Firmencomputer Wegtretenden könnten darauf
kommen, sich ein für allemal von der Herrschaft des Geldes zu befreien.
Stattdessen ist es so eingerichtet, daß jeder, der sich genug Tausender
vom Lohn abgespart hat, sich zwei oder drei Wochen lang selbst ein wenig
in Herrschaft ergehen, in Befehligen üben und in Bedientwerden gefallen
darf. Der Urlauber kündigt hier also nicht die eigene Lohnarbeit auf,
sondern begründet neue, und er schüttelt nicht das Diktat des
Geldes ab, sondern festigt es.
Anschaulich gesprochen: Man muß sich die mit Schneemaschinen-Schnee
angeschneiten Talhänge als mit Leim angestrichene vorstellen, von
denen Millionen Menschen angelockt werden um dort festzusitzen.
Die Bergbahn-AG, der Disko-Wirt, der Obstler-Fabrikant
leben sehr gut davon, daß sie ABB, BMW, CA, DAF, EVS usw. die Arbeiterinnen
und Arbeiter behüten.
Der Kapitalismus ist eine solch ungeheure Verbrechensmaschine,
daß er sogar noch seine Opfer zu Verbrechern verstümmelt. Auf
diese Weise muß muß muß sich die Gewalt des kapitalistischen
Systems im Urlaub der von ihm Getretenen fortpflanzen bis in die letzte
Bergbauernstube und bis in den dicksten afrikanischen Urwald hinein und
dort alles zusammenhauen.
In Kitzbühel fliegen die Fäuste, in Kirchberg
die Gläser, in Kufstein die Schneestangen usw. Es ist die blöde
und verblödende Maloche bei Mannesmann und beim Ottoversand, die brutalisiert.
"Wenn wir darum kämpfen, daß der deutsche Arbeiter
einen ausreichenden Urlaub erhält, so hat er nicht nur ein Recht auf
die von uns geschaffenen Erholungsreisen, sondern auch die Pflicht zur
Teilnahme."
Dreiundachtzig Prozent der Massentouristen, die sich im
Winter in Tirol aufhalten, sind nach eigenen Angaben hier, um "Sport zu
treiben". "Sport" kommt vom englischen "sport", einer Bildung aus "disport"
(lat. "deportare"), was soviel wie zerstreuen heißt. Der Massensport
ist die gelungenste Massenzerstreuung, die sich denken läßt.
Domino: Zu Zigmillionen stürzen sie aus den Industriestädten
der Hoechst Chemie und der Henkel Chemie, der Klöckner-Stahl und der
Krupp-Stahl, der Ford-AG und der Volkswagen-AG hinaus, sodaß Fluchtwege
entstehen in alle Richtungen, planierte, betonierte, asphaltierte, vierspurige,
achtspurige, zehnspurige, und diese Wucherung rundum wieder Millionen Menschen
in die Flucht schlägt.
Kraft durch Freude: "Skilauf ist der gesündeste und
fröhlichste Sport, den Sie sich vorstellen können. Unser Produkt
ist die Freude. Kann man etwas Schöneres produzieren?"
Im Winter schießt in der Schi-Abfahrt die Schneekanone
(eine Latemar Snowgun), im Sommer die Saatkanone (eine Aebi TP 65).
"Während des Urlaubs darf der Arbeitnehmer keine
dem Urlaubszweck widersprechende Erwerbstätigkeit leisten."
Zur hunderttausendfachen Hausfrauenarbeit und zur vieltausendfachen
Kinderarbeit und Schwarzarbeit kommt im österreichischen Massentourismus
die ausgewiesene Lohnarbeit von 126.000 Inländern und Ausländern
im "Beherbergungs- und Gaststättenwesen". Das hierhergekarrte massenhafte
Leid aus den Großraumbüros, aus den Montagehallen, aus den Kunstlichtkaufhäusern
schafft hier massenhaft neues Leid, ohne daß es damit auch
von dort beseitigt wäre. Die Lebenserwartung (was für
ein nobles Wort in diesem Zusammenhang!) der im Massentourismus Arbeitenden
zählt zu den niedrigsten aller Branchen, die Invaliditätsrate
(auch so ein gewerkschaftlich verhübschter Ausdruck) ist im "Hotel-
und Gastgewerbe" am höchsten. Auf jeden Arbeiter im Massentourismus,
der das reguläre Rentenalter erreicht, kommen zwei, die vorzeitig
in Invaliditätspension gehen müssen, auf jede Arbeiterin im Massentourismus,
die es bis zur Alterspension schafft, kommt eine, die schon vorher die
Arbeitsunfähigkeitspension (ab 4.537.- Schilling inkl. Zulagen) nehmen
muß.
Ein Finanzwissenschafter: "Da Saalbach-Hinterglemm einem
Konzern von über 4.000 Mitarbeitern entspricht, sollte man ein Management
aus Fremdenverkehrs- und Gemeindevertretern installieren, das sich an den
Methoden der Konzernleitung orientieren sollte."
Der Mensch kommt nicht mit dem Bedürfnis zur Welt,
ein Tourist zu werden. Dazu machen ihn zum einen die realen Lebens-Verhältnisse
und zum anderen die Köder der Reiseindustrie, die jedes Bedürfnis
nach Ausrasten, Erholen, Stärken in eine Reise ummünzt, sodaß
als Ergebnis der totalen Manipulation das Wort Urlaub (das heißt:
Arbeitsfreistellung)
nichts anderes mehr als Wegfahren bedeutet.
Die Leute, die die Altstadt hinunter- und die Altstadt
herauftreiben: Wie bis oben hin zugeschissen sie sind! Opfer unzählbarer
Verbrechen. Sie sind nicht faul, sondern kaputt, kaputtgemacht nämlich,
sie sind nicht blöd, sondern blödgemacht. Wie ferngesteuert kräuln
sie herum! Sie suchen etwas, aber was suchen sie? Gewiß nicht das
Goldene Dachl, das hilft ihnen nicht.
Plan des Wirtschaftsministers Sch.: "Österreich kann
zum Erholungsraum für ganz Mitteleuropa werden." (Kurier, 21.6.90)
"Wir Nationalsozialisten fordern den Urlaub aus der vernünftigen
Erkenntnis heraus, daß das Volk noch besser arbeiten kann. Es ist
dem Arbeitgeber nicht von Nutzen, wenn ein müder und abgespannter
Mensch dort schafft. Ist der Mensch aber frisch, dann holt er leicht das
ein, was der bezahlte Urlaub ausmacht."
Massentourismus ist ein Auswurf des Kapitalismus. Den
vom Massentourismus erzeugten Problemen kann nur durch den Sturz des kapitalistischen
Systems, aus dem er sich speist und das er speist, begegnet werden.
Grün-Stuß: sanfter Tourismus, sanfte Touristen,
sanfte Tourismustagungen, sanfte Tourismusentwicklung, sanfte Schritte,
ökologische Korrektur, ökologischer Ausgleich, Ökologisierung
des Tourismus, Ökotourismus, landschaftsschonende touristische Erschließung,
umweltverträgliche Tourismuspolitik, umweltorientierte Tourismuspolitik,
Umwelt, Umwelt, Umwelt usw.
Wundert's, daß der ewige Geh-her-da einmal im Jahr,
und sei es unter Aufzahlung des gesamten Jahres-Ersparten, wie ein Mensch
angeschaut und behandelt werden möchte - und sich als Gast ausgibt?
Der Krieg ist der Vater aller Dinge: In den Fernen Osten
kamen zuerst die amerikanischen Soldaten, und mit ihnen kam die Prostitution.
Wegen der Prostitution kommen seither die Touristen.
In die 2.700-Einwohner-Gemeinde Sölden, in der ich
dies schreibe, kommt pro Jahr die Masse von 330.000 Touristen, um hier
im Schnitt sechsmal zu nächtigen. Der TUI-Winterkatalog 93-94 bezeichnet
den Ort dieses Massakers als "quirligst": "Ski-total und Ski-apres, lebhaft
und unterhaltsam zugleich!"
Ohne unten gibts kein oben, ohne oben gibts kein unten
- das macht die Physik. Es gibt keine Knechte, wo keine Herren sind, und
es gibt keine Herren, wo keine Knechte sind - das macht der Kapitalismus.
Wenn nun die, die immerzu unten sind, einmal oben sitzen probieren wollen,
die, die immerzu dienen, einmal bedient zu werden probieren wollen, wenn
also die Knechte einmal ein paar verwackelte Schnappschüsse lang Herren
darstellen wollen, brauchts Legionen neuer Knechte. (So pflanzt sich das
Unglück aus den deutschen und österreichischen und holländischen
und französischen Städten über den ganzen Erdball fort.)
Die Massen kleben am Skilift wie Fliegen am Insektenstrip.
Wenn man die Massen so in den Sport hineinderdrängt
hat, wie sie es heute sind, dann ist für die Stabilität des Systems
schon viel getan. Der Traum der Mächtigen ist die Wirklichkeit: Wie
sie millionenzählig unablässig auf tausend Schibergen vorn und
hinten hinunterbretteln! Hier wird mit Aggressionen abgefahren. Hier wird
Arbeitskraft erschwitzt. Hier werden Milliarden an Auslagen für die
Volksgesundheit eingespart. (Und es geben die Massen hier noch Abermilliarden
für diese Gängelung aus.)
Auf den Skipisten von Sölden wurden im Sommer 1986
124 Tonnen "Biosol" der Firma Biochemie Kundl (Sandoz) aufgebracht.
"Das kleine Königreich Bhutan beschloß schon
1988, nur noch 2400 Touristen pro Jahr in bestimmte Landesteile zu lassen,
und das in streng kontrollierten Kleingruppen. Pro Tag muß jeder
Tourist dafür 150 Dollar hinlegen. Am Fremdenverkehrssektor werden
prinzipiell nur Bhutanesen beschäftigt. Vorbeugend schloß das
Königreich im Himalaja alle Fremdenverkehrsbüros im Ausland.
Ihm sei das Wohl seines Volkes wichtiger als das Bruttonationalprodukt,
erklärte Bhutans König gegenüber verblüfften Weltbankmanagern."
In einer vom Bischöflichen Ordinariat in Innsbruck
1973 gedruckten Schrift zur "Verkündigung im Fremdenverkehr" werden
"Segensformeln und Weihegebete" für Einweihungen von Einkaufszentren,
Gaststätten, Sportheimen und Liften vorgeschlagen. Beispiel: "Herr,
unser Gott, schenke allen Menschen, die diese Seilbahn benützen, um
Freude und Erholung zu suchen und ihren Körper zu ertüchtigen,
deinen Geist, und laß sie echte Freude finden. Bewahre sie vor jedem
Unfall und Schaden. Lehre sie Rücksicht und Hilfsbereitschaft und
schenke ihnen die Erkenntnis, daß du der Herr und die Quelle allen
Lebens bist. Segne auch alle, die diese Anlage betreuen und hilf ihnen,
ihren Dienst gewissenhaft und mit Freude zu tun. Gottes Huld und Segen
komme über uns und über all das, was wir Menschen hier zum Guten
geschaffen haben, im Namen des Vaters, ... Amen."
In welchem Dreck müssen diese Menschen zuhause stecken,
damit sie sich hier wohler fühlen! Schaut euch die den ganzen Samstag
verstopfte Brennerbundesstraße an! Setzten diese Menschen hier alles
auf diese 1-Meter-Stoßstangenfreiheit, wenn sie zuhause nicht erbärmlich
eingeklemmt wären?
Über Auftrag des Kitzbühler Hoteliers Hagsteiner
karrte der Busunternehmer Feller kurz vor Weihnachten 1989 sechzig jugoslawische
Arbeitskräfte für die Wintersaison an. Sie wurden gleich in den
Speisesaal des "Penzinghofs" gebracht und dort den prüfenden Augen
der eiligst zusammengetrommelten Hoteliers aus Kitzbühel wie Viecher
vorgeführt: "Noch bedenklicher war dann das folgende Gesellschaftsspiel
um die 'Ware Gastarbeiter'. Um die große Personalnachfrage auf diesem
improvisierten Arbeitsmarkt unter Kontrolle zu halten, ließen sich
die Hoteliers zu einer Tombola um Koch und Kellner hinreißen." (Es
wurden Zahlenlose aus einem Hut gezogen.) "Wer die Nummer 1 hatte, durfte
dann als erster seine Mitarbeiterwünsche deponieren und sich reichlich
bedienen." Natürlich hatte die Arbeiterinnen und Arbeiter aus Istrien
zu dieser Zeit auch keine Arbeitsbewilligungen. Übrigens: Geleitet
wurde die Tombola vom Sohn des Kitzbühler Fremdenverkehrsobmannes.
Der Urlaub von 48 Wochen Lohnarbeiterei gerät zum
großen Bluff: Man verkleidet sich wie kein Lohnarbeiter, man
läuft herum wie Millionäre herumlaufen, liegt in gemachte Betten,
hockt zu gedeckten Tischen, scheißt in parfümierte Klos, und
keiner lacht einen aus - am Ort dieser Trickserei nicht und am Arbeitsplatz
nicht. Solcher Urlaub ist in dieser Gesellschaft eine nicht nur gebilligte,
sondern hochangesehene Form des Selbstbetrugs. Das mühsamst zusammengesparte
Eintrittsgeld in dieses Theater, das sich Massen von Arbeitern und Angestellten
hier vorspielen, zahlen sie ja in andrer Leute Taschen.
Als der Kapitalismus in Deutschland mit aller Gewalt betrieben
wurde, das ist, als auch Österreich besetzt wurde, da war der Gau
Tirol-Vorarlberg als das Krafthaus der deutschen Wirtschaft ausersehen.
Dieses Gebiet sollte rund 6,5 Milliarden Kilowattstunden Energie für
die reichsdeutsche Industrie zur Verfügung stellen. (Allein im hinteren
Ötztal waren fürs erste vier Stauseen geplant.) In der kapitalistischen
Wirklichkeit von heute funktioniert die Energiezufuhr an die deutsche Wirtschaft
(abgesehen von der aus den Kraftwerken Achensee, Kaunertal, Sellrain-Silz,
Zemm-Ziller) so: Millionen ausgepowerter Arbeiterinnen und Arbeiter aus
der deutschen Industrie werden hergeschickt zum "Energie tanken in Tirol"
(Slogan der Tirol Werbung). Allein im hinteren Ötztal ...
Der Kapitalismus verhunzt den Menschen. Als Freude bleibt
ihm die Urlaubsfreude, als Spaß der Freizeitspaß, als Glück
das Ferienglück, als Ruhe die Feiertagsruhe, als gute Stimmung die
gute Ferienstimmung, als Traum der Urlaubstraum und als Ziel das Flugziel.
So wie die meisten meinen, die Schule wäre für
unser
Leben da und nicht vielmehr, um erstens das Stillsitzen zu lernen und zweitens
das Lesen der Lügenzeitungen, so glauben sie auch, sie sportelten
aus Liebe zu sich selber.
Marihuana rauchen, Kokain schnupfen, LSD schlucken, sich
Heroin spritzen: dieses Sich von der Realität wegkatapultieren, dieses
Sich in bunte Illusionen flüchten, nennt man bezeichnenderweise "auf
einen trip (= eine 'Reise') gehen". Für das Sichwegdrehen vom
Alltag, für das Davonlaufen vor den Zuständen mithilfe von Drogen
hat die Gesellschaft kein treffenderes Wort gefunden als sie es für
das Sichwegdrehen vom Alltag, für das Davonlaufen vor den Zuständen
mittels Urlaubs-Trip schon gehabt hat.
Welche Arbeitspeitsche - so ein TUI-Katalog! Die schnalzt
in den Schädeln der Straßenbahnschaffner in Hamburg ("Bucht"!,
"Sandstrand"!, "Fischerdorf"!) und wiederhallt in denen der Bankangestellten
in Bremen ("Pulverschnee"!, "Sonnenterrasse"!, "Disco"!). "Gemma! Gemma!"
treibt jede Seite des Katalogs an. Diese Keule in den Köpfen ("Pizza!,
"Pisten"!, "Pesetos"!) erübrigt den Aufseher im Betrieb.
Lehrling T.: "Das Aufstehen stinkt mir immer. Habe am
Morgen von Anfang an ein Gehetz. Wir haben so viel Arbeit, und ich denke,
man muß Zeit sparen, wo man nur kann. Ich muß in die Arbeit
hineinliegen, damit ich vorwärtskomme. Ich will die Arbeit einfach
durchhaben, dann ist sie gemacht. Das hier ist eine vielseitige Arbeit.
Wir haben immer wieder etwas anderes: Zahlungsbefehle, Rechtsvorschläge,
Pfändungsabschriften, Verlustscheine. Das alles muß man bearbeiten
und kontrollieren. Dann haben wir viel Registerarbeit: Eigentumsvorbehaltsregister,
Viehverschreibungsregister, Betreibungsregister. Immer bin ich im Streß.
Ich möchte meine Arbeit gut machen. Das wird einfach von einem erwartet.
Wenn man Konflikte mit den Vorgesetzten vermeiden will, macht man die Arbeit
gleich beim erstenmal recht: dann hat man seine Ruhe. Man schwimmt immer
mit. Das ist einfach so. Wie will man es ändern? Etwas muß man
einfach machen, damit man existieren kann, sonst ist man ein Nichts.
In Sölden, dem Ort, an dem ich dieses schreibe, wurden
im Jänner 1993 336.478 Touristen-Nächtigungen verzeichnet. Im
Februar waren es 332.845 und im März 331.495. Das heißt,
daß im Schnitt an jedem Jännertag und an jedem
Febertag und an jedem Märztag 1993 zwischen 10.800 und 11.800
(gemeldete!) Touristen da waren, mehr als 55.000 verschiedene Massentouristen
im Jänner und mehr als 55.000 verschiedene Massentouristen im Feber
und mehr als 55.000 verschiedene Massentouristen im März.
Norbert Gstrein, Tiroler Nobelhure auf dem Frankfurter
Literaturstrich, ist auch in seiner Kritik am Massentourismus schamloser
Opportunist. Opportunist nicht in Bezug auf die Menschen hier, über
die er schreibt, sondern auf die dort, für die er schreibt.
Schaut euch den vollgerammelten Campingplatz im Dreitagesregen
an!
Ein Massentourismusberater: "Für die Wiederherstellung
einer erfolgsträchtigeren Umwelt ist ein Reperaturfonds zu empfehlen."
Die Tirol Werbung dienert sich der betriebenen politischen
Rechtsentwicklung in Deutschland schamlos an. Ihre teuersten Werbekataloge
("Starkes Land 1", "Tiroler Bauern", "Starkes Land 2") greifen offen auf
Mittel faschistischer Propagaganda-Kunst zurück. Ich spreche nicht
von den wuchtigen Formaten und nicht vom eingesetzten Schwarweiß-Druck
und Braunweiß-Druck. Und ich spreche hier auch nicht von der aus
dem Keller geholten deutschen Fraktur-Schrift für den neuen "Tirol"-Schriftzug.
In dieser Gesellschaft, in der alles - von der Taufe (500.-)
bis zum Begräbnis (1.000.-) - in Geldwert umgerechnet wird (alles!),
ist jede Not der einen Seite (jede!) ein Geschäft der anderen. Was
den Baufirmen und den Immobilienhändlern und den Hausbesitzern die
Wohnungsnot und der Filmindustrie und der Werbewirtschaft und den Zuhältern
die sexuelle Not ist, das ist den Alkoholproduzenten und der Valium-Branche
und den Ayatollas aller Religionen und Sekten die psychische Not der Menschen.
Absolut jeder gegen absolut jeden, das ist die extremste Form menschlichen
Zusammenlebens, die sich denken läßt. Und so sind auch die von
Arbeit Erschöpften, Ausgebrannten, Abgehetzten, Zermürbten, die
ständig Getretenen, Schikanierten, Gedemütigten, Übervorteilten
überall dort, wohin sie flüchten, nichts als fette Beute. Das
ist dann Fremdenverkehr.
Die massentouristischen Dörfer in Österreich
leben zu einem guten Teil von der kriminellen deutschen Industrie: z.B.
von der deutschen Chemieindustrie, die Gift produziert, z.B. von der deutschen
Gen-Industrie, die pflanzliche, tierische und menschliche Zellen umbaut,
z.B. von der deutschen Atomindustrie, die AKW-Bausätze in alle Welt
liefert. Hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter aus Deutschland, die
schuldlos an diesen Kapitalverbrechen beteiligt sind, kommen hierher und
werden hier wieder fitgemacht für ihre kriminelle Arbeit dort. Zum
Beispiel für die berüchtigte deutsche Waffenindustrie. Sie bauen
bei AEG Chips für Feuerleitradar und Artillerieraketen bei Krauss-Maffei,
bei Dornier Kampfbomber und bei Thyssen Jagdpanzer, bauen bei Krupp U-Boote,
bei Rheinmetall Kanonen, bei Siemens Waffenelektronik, bei MBB Panzerabwehrraketen,
bei MTU Triebwerke für Bomber und Panzer, bei HDW Kriegsschiffe, bei
Heckler & Koch Schnellfeuergewehre, bei Diehl Granaten und in hundert
anderen Betrieben noch an tausend anderen Mordwaffen. Durch die Wiederherstellung
der geschundenen Industriearbeiter im massentouristischen Verfahren profitiert
Österreich von diesen Blutgeschäften. Und die verbrecherische
deutsche Wirtschaft profitiert von der Wiederherstellung ihrer Arbeitskräfte
in Österreich. Und immer so weiter.
Die größten Rummelplätze heißen
jetzt Silvretta-Arena (Ischgl) und Ötztal Arena (Sölden),
als hätten ihnen die erbittertsten Gegner des Massentourismus Spottnamen
verpaßt. Die Arena war doch im Altertum der Kampfplatz der
Unfreien (Kriegsgefangenen, Sklaven, Verbrecher), wo sie sich in grausamen
Schauspielen zum Gaudium der Massen und vor allem deren Beherrscher duellierten.
Sprachmode: "Kraft durch Freude" sagt heute niemand mehr.
Momentan nennt man es "Fit & Fun".
Die großen Industriebetriebe (AEG und BMW und VW
und Mercedes und viele andere) im Umkreis nationalsozialistischer Konzentrationslager
(Buchenwald, Dachau usw.) konnten bei Bedarf bei der SS Kontingente an
KZ-Häftlingen als Arbeitskräfte für Dreck- und Schwerstarbeit
anfordern. Wenn heute große Tourismusbetriebe beim Sozialministerium
Kontingente von Gastarbeitern als Saisonarbeitskräfte für Dreck-
und Schwerstarbeit anfordern, so kann man doch das eine mit dem anderen
nicht vergleichen. Auch wenn es im Aufmacher der Fachzeitung "tourist austria"
vom 14.3.86 heißt: "Jetzt würgt die Gewerkschaft auch die Gastarbeiterimporte
ab", dann ist das noch nicht dasselbe. Daß die Ingenieure der großen
deutschen Industriebetriebe selbst in die KZ kamen, wenn sie spezielle
Facharbeiter brauchten, ist die eine Sache, daß die Direktoren der
großen Tiroler Hotels heute selbst in die Steiermark und nach Istrien
fahren, wenn sie spezielle Facharbeiter brauchen, die andere.
Die Gewerkschaft ist zur verläßlichsten Mitarbeiterin
der Unternehmer aufgestiegen. Etwa nur damit, die von Lohnarbeit freie
Zeit der Massen nicht dazu nutzen, diese zum Kampf gegen die menschenwidrige
Einrichtung Lohnarbeit zu befähigen, gibt sie sich nicht zufrieden.
Statt einer Zukunft ohne Arbeitshetze und Lohnknechtschaft in Österreich
bietet der ÖGB seinen Mitgliedern "ausgezeichnete, moderne Hotels
zu günstigen Preisen, exclusiv für GÖD-Mitglieder (= Gewerkschaft
öffentlicher Dienst) und ihre Angehörigen reserviert" in der
Türkei und "First Class Hotels, Lodges und Camps mit Bad/Du/WC, Vollpension"
in Kenia. (Angebote Sommer 1993) Auf Kosten türkischer und
keniatischer Lohnknechte bewahren die Gewerkschaftsführer die österreichischen
Arbeiterinnen und Arbeiter (für deren erspartes Urlaubsgeld) davor,
sich in der Zeit, die sich dafür eignen würde, mit ihrer Situation
und den Zuständen in Österreich auseinanderzusetzen.
"Die technische Schnee-Erzeugung stellt eine nutzungsorientierte
Unterstützung der Natur dar."
"Der Fremdenverkehr kann auch der Kirche finanziellen
Nutzen bringen, was in der heutigen Zeit der Not gewiß nicht zu verachten
ist. Beim Gottesdienst sind die Fremden gerne bereit, auch ihr Scherflein,
und zwar ein etwas größeres, in den Klingelbeutel zu geben.
Unsere Stellung zum Fremdenverkehr darf also in keinem Falle ablehnend,
sondern muß zumindest wohlwollend sein."
Der Kärntner Campingplatzbesitzer A. Arneitz über
die Selbstversorgung seiner großteils deutschen Gäste: "90 Prozent
der Lebensmittel werden zu Hause eingekauft." (SN, 16.8.89)
"Wo immer Skifahrer in Rudeln beisammenhocken - Obstbrand,
Glühwein oder Gerstensaft sind nicht fern. Vor allem in Skizentren
wie Sölden, Saalbach oder St. Anton laden Schneebars und Berghütten
zur feuchtfröhlichen Einkehr. Zum Ansturm beim Apres-Ski arbeiten
die Wirte gleich auf Vorrat. Etwa in der Skibar des Hotels 'Valentin',
gegenüber einer Liftstation der Söldener Gaislachkogl-Bahn. Um
15.30 Uhr hat der Wirt quadratmeterweise Tabletts mit Stamperln präpariert
- gefüllt mit Feigen- oder Melonenstückchen. Der Trick ist ebenso
simpel wie durchschlagend: Dank der milden Südfrüchte wird dem
Konsumenten die Schärfe von Wodka oder Obstler gar nicht bewußt.
Der Saalbacher Bergretter Werner Binder konstatiert, daß 'Ski und
Schnaps eine so enge Beziehung erreicht haben wie der Skistiefel zur Bindung'."
Kommt der Massentourismus von den Massentouristen oder
ist es umgekehrt?
Nur Leute, die außer sich (gebracht) sind,
kann man so zum besten halten: in Eiseskälte schicken, an Liftseile
hängen, mit Industriepommfrit abspeisen, in Tanzkellern stapeln usw.
Als im Ötztal durch Hochwasser, Überschwemmungen
und Vermurungen im August 1987 13 Menschen ums Leben gekommen waren, hat
der Fachverband der Seilbahnen in der Bundeswirtschaftskammer eine "Analyse
der Ursachen" bei drei Fachleuten (Patzelt/Innsbruck, Strobl/Salzburg,
Zisler/Pinzgau) bestellt. Die umgehend abgelieferte "Analyse" entlastet
Seilbahnbauer und Pistenbaggerer nicht nur, sondern lobt sie auch noch
für ihre "intensiven Pflegemaßnamen" in der Natur. Es heißt
dort: "Schwarzmalerei im Zusammenhang mit den jüngsten Schadensfällen
hilft niemandem. Positive Beispiele zeigen, daß der Mensch der Naturgewalt
nicht zwangsläufig hilflos gegenübersteht. (...) Auch was den
behutsamen Umgang mit der Natur betrifft, gibt es nachahmenswerte Beispiele.
In Zusammenarbeit mit den Einheimischen wurde in Obergurgl im Rahmen eines
UNESCO-Forschungsprojektes ein Konzept für die künftige Fremdenverkehrs-Entwicklung
erarbeitet. (...) Ein Bettenausbaustopp wurde vereinbart."
"Ihr lebt ja von uns!", sagte der deutsche EG-Parlamentarier
(SPD) zu mir, als wir gleich nach seiner Ankunft über den von der
EG verursachten Transit-Schwerverkehr durch Tirol und die Politik, die
ihn möglich macht, in Streit geraten waren. Dann fuhr er zur Fremdenpension
und packte sein Zeug aus. Zuletzt schnappte er sich den aus Deutschland
mitgebrachten Sack Kartoffeln aus dem Gepäcksraum und trug ihn in
das von ihm gemietete Urlaubsappartement.
Aus einem Schuldiktat 1932: "Hunderte von Fremden kommen
alljährlich zu uns. Wie froh sind sie, wenn sie wieder einmal den
Großstadtlärm, die staubigen Straßen, die rauchenden Fabriksschlote
losbekommen. Wie fühlen sie sich wohl in unserem stillen Bergdörflein.
Die vielen Ausflugsmöglichkeiten, die gute Luft, die wohltuende Höhensonne,
die sprudelnden Quellen sind in hohem Maße geeignet, den Fremden
erquickende und angenehme Erholung zu bieten. Die 3, 4 Wochen Erholung
müssen ihnen für 11 lange Monate Erfrischung, Aufmunterung und
Anregung sein.
Der Urlaub, wie er millionenfach hier verkonsumiert wird,
mag vielleicht die Sehnsucht nach einem anderen Leben als Antrieb haben,
inhaltlich aber hat er gar nichts von dem, was wir uns als zu erkämpfendes
Leben jenseits der kapitalistischen Knute vorstellen. Der Urlaub passiert
auf der selben Stufe des Bewußtseins, auf der auch tagaus tagein
die entfremdende Arbeit passiert, und er kann nur dort passieren. Der Urlaub,
wie er millionenfach verkonsumiert werden muß, ist die auf den Kopf
gestellte Arbeitswelt. Die Fratze des Kapitalismus bleibt sich natürlich
gleich, ob sie umgedreht wird oder nicht.
Sölden, die Gemeinde, in der ich dies schreibe, hat
in etwa gleichviele Touristen-Nächtigungen pro Jahr wie das ganze
Burgenland.
Die gigantische Tourismus-Werbe-Industrie ist in allem,
was sie tut, klar gegen die Urlaubsreisenden gerichtet. Wer wollte das
bestreiten? Daneben durchwuchert eine sogenannte "Tourismusforschung",
in die von Staat, Banken und Massentourismus-Unternehmen Unsummen investiert
werden, immer mehr Universitätsinstitute. Auch sie wird gegen die
Urlaubsreisenden zum Einsatz gebracht. Der noch besseren und massenhafteren
Verwertbarkeit wegen werden sie in Umfragen ausgehorcht und in Tiefeninterviews
regelrecht ausgeweidet. So tief hat Goebbels (aufgrund noch mangelnden
Instrumentariums) nicht in die Menschen hineingesehen. Analysen der Reisemotivationen,
Studien zum Urlaubsverhalten, Werbemitteltests, Konsumkraftberechnungen
- alle diese "Forschung" genannten Ausspionierungen der Menschen haben
nur den Zweck, sie noch gezielter lenken und auspressen zu können
und ihren wirklichen Interessen zuvorzukommen. Die erarbeiteten Statistiken
sind Schlachtpläne, nichts anderes.
Warum Abfahrten begrünt werden sollen? "Ein wirksames
Sommer-Präparierungsprogramm (Grasansaat und Mulchen) kann den Verschleiß
an teuren Präpariergeräten spürbar verringern." (aus
einer Seilbahn-Studie, Ötztal 1993)
Drei Tage im Schnee (Sölden): Am Donnerstag gegen
12 Uhr wurde Herr O. ca. 100 m oberhalb der Einstiegsstelle zum Wasserkarlift
von dem nachkommenden W. niedergefahren. Beide Schifahrer kamen zu Sturz,
wobei O. eine Fraktur im linken Schulterbereich erlitt. Am Freitag mittags
stießen R.W. und K.St. im Schigebiet Giggijoch zusammen, wobei W.
unbestimmten Grades verletzt wurde und ins Krankenhaus nach Zams gebracht
werden mußte. Etwas später rutschte der Italiener R. im Bereich
Gaislachkogel mit seinen Schiern auf einer Eisplatte aus und stürzte
ca. 50 m über felsiges Gelände ab, wobei er eine Halswirbelverletzung
erlitt. Er wurde vom Hubschrauber in die Klinik nach Innsbruck gebracht.
Am Sonntag gegen Mittag wollte der Holländer V. mit dem Wasserkarlift
fahren. Nach Passieren des elektronischen Schrankens rutschte er aus und
fiel gegen eine Eisenstange. Er erlitt eine Rißquetschwunde am Hinterkopf.
Kurz darauf geriet der Franzose L. im Schigebiet Gaislachkogel über
den Pistenrand hinaus und zog sich dabei eine Kopfverletzung unbestimmten
Grades zu. Er wurde mit dem Hubschrauber in das Landeskrankenhaus nach
Innsbruck geflogen. Wenig später fuhr der Österreicher G. vom
Giggijoch talwärts. Im Ortsteil Grünwald mußte er einem
Schifahrer ausweichen. G. geriet dadurch über den Pistenrand hinaus
und stürzte ca. 15 m in den Wald, wo er mit einem Unterschenkelbruch
liegenblieb. Er wurde mit dem Hubschrauber Christophorus 5 in das Krankenhaus
Zams gebracht.
Weil sie eine zu kleine und zu schlechte Wohnung haben,
müssen sie in den Urlaub fahren. Weil damit das Geld für den
Urlaub draufgeht, können sie nur eine zu kleine und zu schlechte Wohnung
haben und müssen in den Urlaub fahren. Weil sie in den Urlaub fahren
wollen, müssen sie eine schlechte, brutale Arbeit annehmen. Weil sie
eine schlechte, brutale Arbeit haben, müssen sie in den Urlaub fahren.
Usw.
Werbewörter, die nicht lügen können: Skizirkus,
Skikarussell, Skischaukel. Wer sind die abgerichteten Affen in diesem
Zirkus? Wer wird in diesem Karussell schwindlig gedreht? Wer wird verschaukelt?
Ein Volksschüler in Obergurgl: "Mein Papa ist nicht
zufrieden, wenn er nicht jedes Jahr Hausbauen kann." (TT, 20.10.90)
"Wir werden gezwungen sein, auf gewissem Gebiet, um überhaupt
wieder exportfähig zu werden, das Arbeitstempo zu steigern. Deshalb
wollen und müssen wir dem schaffenden deutschen Menschen in seiner
Freizeit eine völlige Ausspannung seines Körpers und seines Geistes
geben."
Schon lange bevor der Staplerfahrer im Schraubenlager
bei Opel in Rüsselsheim noch seinen Monatslohn gesehen hat, ist er
um dessen selbstbestimmten Verbrauch gebracht. "Fahr in Urlaub!" (wörtlich!)
heißt (und befiehlt) der Neckermann-Winter-Katalog 1993/94. Um das
bißchen Geld, das ihm die Opel-Aktionäre als Lohn lassen, balgt
sich die Konsumgüterindustrie. Er muß sozusagen schon die Fixausgaben
für Wohnung, Strom, Heizung, Kleidung, Nahrung, Toilette usw. zäh
gegen die tausend Anschläge der vorgeschalteten Werbeindustrie verteidigen.
Auch im massentouristischen Unternehmen ist nur die menschliche
Arbeit in der Lage, Kapitalgewinn zu schaffen. Liftstationen werfen nichts
ab, keinen einzigen Schilling, und Zirbendecken im Speisesaal zinsen nicht,
kein Zehntelprozent. Weil ein immer größerer Anteil des gesamten
im Massentourismus eingesetzten Kapitals nur in Bauten, in Ausstattung,
in Maschinen investiert wird, muß die Rendite ständig sinken.
Nicht obwohl das Anlagevermögen im Massentourismus ständig
vermehrt wird, fällt die Profitrate, sondern weil. Sie fällt,
weil (im Gegensatz zu den Anfängen im Tourismus) ein immer größerer
Anteil des erwirtschafteten Gewinns (oder des aufgeliehen Kredits) in Massentouristische
Anlagen gesteckt wird, in Seilbahnmonster, in Restaurant-Automatisation,
in Plunder fürs Auge. Und ein im Verhältnis dazu immer kleinerer
in die menschliche Arbeitskraft. Der ganze Kapitalismus funktioniert nach
dem "Naturgesetz", daß nur die Arbeit von Menschen in der Lage ist,
einen Wert zu erzeugen und damit Profit. Es ist so, ob man's sich's eingestehen
will oder nicht, ob man das für gut hält oder nicht. Wenn das
Hotel Ideal heute vierzig Millionen in einen Um- und Zubau steckt und zehn
Millionen in zusätzliche Angestellte, dann tragen nur jene zwanzig
Prozent des ausgegebenen Kapitals Früchte, die in die Arbeitskraft
investiert werden. Das heißt, die Profitrate von den ausgelegten
fünfzig Millionen ist heute viel niedriger als vor zehn oder zwanzig
Jahren, wo der größere Teil einer solchen Summe noch für
den Einsatz von Arbeitskräften hat aufgewendet werden können.
Massentourismus ist die Auswirkung. Ihn abschaffen,
ohne die Verhältnisse, die ihn unaufhörlich und stets noch monströser
hervorbringen müssen, abzuschaffen, kann nicht gehen.
Aus dem Wörterbuch der Massentourismus-Strategen:
Lifte betreiben heißt "Skifahrer auf den Berg pumpen", künstlich
Schnee erzeugen heißt "Schnee kultivieren", unerschlossene Kare und
Grate heißen "potentielle Bergsportplätze".
Nacht in Europa: Am Kamin die Deutschen, an der Bar die
Holländer, hinter der Theke österreichische Bardamen, die Kisten
und das Bierfaß bringt der kroatische Hausdiener aus dem Keller,
in der Küche bastelt eine tschechische Hilfskraft belegte Brote und
schiebt die Gläser in den Geschirrspüler, und zwei Türkinnen
säubern am nächsten Morgen das Lokal von Verschüttetem und
die WCs von Erbrochenen. Das ist das Modell des Europäischen Hauses
(1:1.000.000), wie es ungezählte Male in Saalbach, Seefeld, Sölden
usw. steht.
Ach, wir! Statt der Freiheit nehmen wir 1 Woche Kreta.
Statt mehr Lohn verlangen wir eine Superpiste. Statt Widerstand zu leisten,
leisten wir uns etwas Besonderes. Statt mit den Verhältnissen abzufahren,
fahren wir ab! Statt ein anderes Leben wählen wir eine andere
Destination.
Sanfter Tourismus: Gibt's irgendwo sanften Kapitalismus?
Sanfte Renditen? Sanfte Ausbeutung? Sanfte Skikanten?
Die wir hierherbekommen, sind allesamt schwer mißgestaltet,
von der alles erdrückenden Medien-Apparatur (Goldenes Blatt, Stern,
TZ, Bild, Spiegel, Abendzeitung, Tempo, Echo der Frau, Zeit usw., RTL,
ARD, SAT 1, Eurosport, MTV, ZDF usw.) übelst zugerichtet, ein jeder
und eine jede zigtausendmal davon betrogen, als Mensch, wie er und sie
auf die Welt gekommen sind, bereits schrecklich entstellt, ramponiert von
zigtausenden Anschlägen der Werbe-Industrie, von sich abgebracht zum
Beispiel auch durch Köder der Nahrungsmittelchemie wie Geschmacksinhaltsstoffe,
Geschmacksveredler, Geschmacksverstärker, Farbstoffe. Verhaut, vermurkst,
verkrüppelt.
"Ich war 1936 durch KdF im Bayrischen Wald. Die Reise
war durchorganisiert von A bis Z. Politik wurde da nicht gemacht. Nein.
Es war wie mit einem heutigen Reiseveranstalter. Nur eben billiger. Aber
das war ja auch staatlich." (Ein KdF-Reisender)
Für die Nazis waren die österreichischen Alpen
ein einziges Wasserschloß und ein einziger Erholungsraum für
ihre "Kraft-durch-Freude"-Urlauber. Die Amerikaner ordneten nach dem Krieg
den Abtransport von hier erzeugtem und hier benötigtem elektrischen
Strom in die deutschen Industriezentren an und förderten mit ERP-Geldern
den Umbau Österreichs zu einem einzigen Erholungsraum. Die EU-Politik
rottet die letzte konkurrenzfähige Industrie in Österreich aus
und legt sich die Alpen endgültig als Erholungsmeile Europas zu. Und
die Grünen, die immer noch ein bißchen vetrottelter sind als
man eh schon weiß, fordern im Juli 1993 in einem Massenflugblatt:
"Liebe Leute, die Regierung muß etwas tun gegen das Gift in der Luft.
Wenn wir die Alpen als Erholungslandschaft für ganz Europa noch retten
wollen, dann muß auch jeder selber etwas tun." (Alternative Liste
Innsbruck)
Die Gackspuren aus der Klomuschel bürsten, das Danebengefetzte
auftrocknen, die Zigarettenstummel aus den Pissoirschalen klauben, das
Schöne an der Arbeit im Tourismus ist der Umgang mit Menschen,
das Erbrochene vom Nachtkastl wischen, die Glasscherben aus dem Teppichboden
fingern, Alkoholflecken im Bettzeug, Lippenstiftflecken und Brandflecken,
unser
wertvollstes Kapital ist unsere natürliche Gastfreundschaft, verklebte
Papiertaschentücher einsammeln, die Bierdosen aus dem Zimmer tragen,
die Whiskyflaschen.
Im Skigebiet Hochsölden, in dem sich etwa ein Drittel
der Pisten der Gemeinde Sölden befindet, ist im Winter 91/92 (gegenüber
dem Vorwinter) die Zahl der bekanntgewordenen Skiunfälle offiziell
"von ca. 250 auf ca. 300 angestiegen". Im darauffolgenden Winter 92/93
"von rund 300 auf ca. 390".
Sölden (wie Saalbach, Seefeld, Serfaus, St. Anton
usw.) wandelt sich immer mehr zu einer einzigen riesigen Dorfdisco, die
Pisten eingesäumt von Schnapsbuden, Almhütten, Bergrestaurants,
durchsetzt von Eisbars, Imbißlokalen, Terrassencafes, schwere Lautsprechermusik
den einen Skihang hinauf und die andere Skiabfahrt hinunter. Die Menschen
im Ausgeh-Dress, Schi-Mode, Schuh-Mode, Stock-Mode, Handschuh-Mode, Brillen-Mode,
Mützen-Mode, geschminkt, bemalt, herausgemacht. 100 Kilometer Pisten
als Ort der Selbstpräsentation und der Nachstellung. "Nach Sonnenuntergang
ist der Tag keineswegs beendet. Sölden (der Ortsteil allein) bietet
ein Nachtleben, das sich mit einer Großstadt gut messen kann. Rund
85 Discos, Pubs, Bars, Restaurants und Clubs stehen zur Auswahl." (Werbetext
1993)
Ihr eingezwängtes Leben wird den Menschen mit einem
Urlaub abgegolten, einem, den sie sich selbst bezahlen müssen. Frage:
Womit fahren denn die Leute in den Urlaub? Mit dem Auto, dem geleasten
womöglich, dem der Bank geschuldeten. Nein, das meine ich nicht. Ich
meine, mit welchem Geld sie herfahren, wenn nicht mit gepumptem. Die Lohnfortzahlung
geht für die laufenden Kosten (Miete, Betriebskosten, Raten, Kleidung,
Lebensmittel, Schule usw.) auf. In vielen Familien müssen Überstunden
gearbeitet werden, um sich von der Arbeit erholen zu können. In noch
mehr Familien muß die Frau arbeiten gehen, damit sie sich einmal
im Jahr von der Hausarbeit ausruhen kann. Für sehr viele Haushalte
ist (laut Statistik) der Urlaub die teuerste Einzelanschaffung des ganzen
Jahres.
Die deutsche Papierindustrie: die Abwässer kommen
in den Rhein und die ausgelaugten Arbeiter in die Alpen, die belgische
Schwerindustrie: die Abgase strömen in die Atemluft und die verbrauchten
Schwerarbeiter in die Alpen, die französische Atomindustrie: der Atommüll
wird in die Erde entsorgt und die erholungsbedürftige Belegschaft
in die Alpen, die deutsche Autoindustrie: den Schrott kippen sie auf den
Müll und die ausgebrannten Fließbandhackler in die Alpen, die
holländische Schweinefleischindustrie: die Gülle schieben sie
ins Meer und die geschundenen Knechte in die Alpen, die deutsche Chemieindustrie:
der Giftmüll landet in den Hungerländern und der kaputtgearbeitete
Kuli in den Alpen.
Pistenrowdys: Das sind die mit den Kettensägen, die
mit den Preßluftbohrern, die mit den Donaritstäben, die mit
den Schubraupen und die mit den Kunstdüngerstreuern.
Das Vier-Sterne-Hotel B. im Massentourismusort S. in Tirol
bietet im Hochsommer das "Wiener Schnitzel vom Schwein mit Pommes" um S
65.- an. Welch gigantische, unüberblickbare Kette von Verbrechen ist
dazu vonnöten, am tschechischen Küchenmädchen angefangen
und an den Lohnsklaven, die den Kunstdünger für das Schweinefutter
Soja brauen, noch lange nicht zu Ende! Wer bringt die Saat aus für
das Frittier-Öl, und wer preßt es unter Einsatz seiner Gesundheit?
Wer spritzt den Weizen für die Brotbrösel und wer stellt in welchem
Dritteweltland die Spritzmittel für den Weizen her? Wer fährt
das Fischmehl für die Hennen von Norwegen nach Ungarn und wer die
Eier von Ungarn nach S.?
Schon die kleinen Fluchtburgen in der Stadt sind auf Urlaub
geschminkt, z.B. in Innsbruck: Cafe Arcos und Atrium, Cafe Bon-Jour und
Brasil, Cafe Ciao und Cappuccino, Cafe Don Camillo - - -
Die Landschaft wird der Touristenzahl angepaßt statt
die Touristenzahl der Landschaft.
Doppelmühle: Im Urlaub sammeln die Arbeiterinnen
und Arbeiter Kraft für die Arbeit und bei der Arbeit sammeln sie Kaufkraft
für den Urlaub.
Zwei Tiroler Zeitungsmeldungen innerhalb von acht Tagen:
"Tirol muß an der Spitze aller deutschen Gaue stehen,
in denen der deutsche Arbeiter der Stirn und der Faust Erholung und neue
Kraft für die gewaltigen Anstrengungen im Dienste unseres ganzen Reiches
holen kann. Wenn wir sorgen, daß der deutsche Gast neugestärkt
und froh aus unseren Bergen an seine Arbeit zurückkehrt, dienen wir
dem ganzen Reich und damit auch uns selbst."
Aus bekanntem Anlaß erkunden Frühgeschichtler
mehrerer Institute seit zwei Jahren unaufhörlich die Ötztaler
Hochlagen. Auf einer Rinderalm bei Sölden, mehr als zwei Gehstunden
weg von jeder Dauersiedlung, an die zehn Kilometer entfernt von der nächsten
Skipiste, finden sich als Spuren frühester Besiedlung Mauer-Reste
einer bäuerlichen Anlage. - Nein, fangen wir anders an: Massentouristen
brauchen ultrahocherhitzten Kaffeeobers in braunen Plastiktögelchen
mit Aludeckelchen und zwischen Alu- und Klarsichtfolie eingeschweißte
Tabletten und übers Barglas gehängte knallbunte Plastikgiraffchen.
Ein Teil dieses Drecks verschwindet in Hotelküchengullis, in Appartmentküchenausgüssen,
in Kloschalen von Fremdenpensionen. PVC-Handtuchaufhänger aus dem
Bad, Abziehfolien von Damenbinden, Partyspießchen aus Plastik landen
im Klärwerk und flutschen durch den weiten Rechen zum Klärschlamm.
Zu diesem Klärschlamm, voll von Gummibandln, Plastikringeln, Kunststoffpickerln,
Staniolknäuel, Hansaplaststreifen usw. sagt der Bürgermeister:
"Wir haben kein schlechtes Gewissen hinsichtlich unseres Klärschlammes,
da dieser vorbildlich deponiert wird. Laut Untersuchungsergebnissen der
Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Versuchsanstalt Rotholz ist die
Qualität sogar so gut, daß der Schlamm auf Ackerböden aufgebracht
werden könnte." (Blickpunkt, 7.7.92) Und so findet sich dieser
massentouristische Auswurf denn auch auf der Milchkuh-Weide auf zweitausend
Metern Seehöhe, auf dem Platz unmittelbar vor den Resten der oben
beschriebenen frühgeschichtlichen Siedlung: Verhütungsgummis,
Wattestäbchen, Zäpfchenverschweißungen, Plastikeinlagen
von Damenbinden.
Sie schreien am falschen Ort, sie kotzen am falschen Ort,
sie schlagen am falschen Ort zu. Sie lassen hier den Dampf ab, den
sie dort bräuchten, die Dinge zu ändern, die ihn erzeugen. Die
uns ihr mörderisches System hierherspeibt, speiben uns hierher. "Der
reißende Strom wird gewalttätig genannt / Aber das Flußbett,
das ihn einengt / Nennt keiner gewalttätig." (B. Brecht)
Niemand vermöchte das Wesen der lautesten - Gänsestrichchen
unten - Fremdenverkehrskritiker - Gänsestrichchen oben - radikaler
zu enthüllen als die Wirklichkeit selbst. Die vorzugsweise vom ORF
als Endlosschleife gespielten dumpen, dumpfen und - schlimmer - verdunkelnden,
verdummenden Auslassungen eines Hans Haid verdanken sich nämlich im
wesentlichen dem feisten Budget der Tirol Werbung. 1988 förderte sie
ihn mit einer Veranstaltungsreihe "Bis an die Wurzeln", 1989 trat sie als
Sponsor seiner Veranstaltungsreihe "Vom neuen Leben" auf, 1990 finanzierte
sie ihm seine "Widerständigkeiten"-Veranstaltungsreihe, schickte ihn
auf ihre Spesenkosten zur Internationalen Tourismus-Börse nach Berlin,
ermöglichte sein Tourismussymposion in Vent, wofür er sich mit
einer Einladung an den Direktor der Tirol Werbung als Referent erkenntlich
zeigte, wofür sich wiederum der Direktor der Tirol Werbung mit einer
ganzseitigen Anzeige im Symposiumsheft erkenntlich zeigte. Und so weiter.
Bevor du sagst, die Freizeit hat leicht zugenommen, mußt
du sagen, die Produktivität hat rasant zugenommen. In etwas weniger
Jahresarbeitszeit wird jetzt viel mehr produziert. Überall wurden
die Bänder auf schneller geschaltet. Aus den vor kurzem noch siebenhundert
am einen Band zusammengesteckten Apparaten pro Tag sind bei Blaupunkt schon
neunhundert geworden. Die Arbeit, die früher fünf Frauen getan
haben, tun jetzt vier. Der gesteigerte Druck bei der Arbeit hat den Druck
im Urlaub erhöht. Je brutaler die Konkurrenz am Arbeitermarkt wird,
desto brutaler geht es zu auf der Skipiste, je gehetzter die Arbeit am
Band ist, desto wilder das Besäufnis, je höher der Ausstoß,
desto weiter der Charterflug.
"Mit seinen aus mehreren Häusern bestehenden 'Familienbetrieb'-
eine neue Anlage ist derzeit im Bau - bewältigt Friedrich Kaltschmid
rund zehn Prozent der Gästenächtigungen Seefelds."
Eine Frau vom Massentourismusverband Sölden sagt
im Sommer 1993: "Bei uns werden in diesem Winter erstmals - sofern es die
Schneelage zuläßt - die Lifte bis zum 1. Mai in Betrieb sein.
Vom 28. April bis zum 1. Mai planen wir ein großes Winterfinale.
Ein deutscher Reiseveranstalter hat uns für diesen Termin bereits
3000 Gäste vermittelt." (TT, 4.9.93)
Schweden hat, lese ich, Anfang der 70er Jahre seine nationalen
Tourismusämter im Ausland geschlossen und die Mittel für die
Fremdenverkehrswerbung im Ausland drastisch gekürzt, um das Land vor
allem den Schweden selbst als Ferienland zu reservieren.
Massentouristen leben in der Angst, das falsche Urlaubsziel
zu wählen, mit der Entscheidung für das eine vielleicht das noch
bessere zu versäumen. Der Anreise-Stau beweist ihnen, daß sie
auf dem richtigen Weg sind. Das Gedränge im Skidorf beweist ihnen,
daß sie im richtigen Ort sind, daß sie das Maximum aus ihrem
Urlaub, auf den das ganze Jahr ausgerichtet ist, herausholen. Und trotzdem
leiden sie in der vollen Bude in Kappl unter der Vorstellung, in Galtür
könnte mehr los sein, und in der Liftschlange in Galtür stehend,
fürchten sie, auf den Pisten von Ischgl etwas zu versäumen. Darum
Massentourismus.
Warum wurde der Schisport zu dem Massensport unserer Zeit?
Er ist, so wie er heute in großindustrieller Form betrieben wird,
zum einen Reaktion auf das Leben unter dem Kapitalismus: die Bewegung auf
die Starre am Arbeitsplatz, der Aufenthalt in der Natur auf das Eingeschlossensein
im Betrieb, das Abfahren - mit den Aggressionen eine auf das Aufstauen
derselben usw. Aber der Schisport, wie er heute ausgeübt wird, ist
noch viel mehr die geradlinige Fortsetzung des Lebens in der kapitalistischen
Gesellschaft: als Einzelsport in dichtester Masse, als unausgesetzter Konkurrenzkampf
auf der Piste und im Gedränge am Lift, als Endloswiederholung des
Immergleichen (für den zur Repetiermaschin' umgebauten Menschen, der
x-mal dieselbe Liftpiste abfährt! Man stelle sich einen Wanderer vor,
der x-mal hintereinander das selbe kurze Wegstück hinauf- und heruntergeht.).
So ist ein großer Teil der Alpen Auslaufpiste für die auf persönlichkeitszerstörende
Arbeit gesetzten Massen aus den europäischen Industrie- und Verwaltungszentren.
Hier können sie als das weitermachen, auf was sie dort gequält
worden sind.
Der US-Konzern Kaiser Aluminium hat 1966 in einer Jubelschrift
einmal groß herausgestrichen, was er für die Lohnarbeiterinnen
und Lohnarbeiter in seinem Betrieb alles getan hat (Durchführung von
Fußball- und Kegelturnieren, Organisation von Betriebsausflügen
und Weiterbildungskursen usw.). "Wir taten es nicht aus Altruismus (= Selbstlosigkeit),
es war die Erkenntnis der Tatsache, daß unser Verhältnis zu
den von uns beschäftigten Menschen sich über den Arbeitstag hinaus
erstreckte. In hohem Maße ist die Einstellung unserer Mitarbeiter
gegenüber ihrer Arbeit die Wiederspiegelung davon, wie sie ihre Freizeit
verbringen, und ihre Produktivität unmittelbar davon abhängig,
wie sie die Stunden nutzen, in denen sie nicht arbeiten. Wir wissen nicht,
was in den nächsten zwanzig Jahren geschehen wird - vielleicht werden
wir Karnevalsumzüge veranstalten müssen, oder Folksong-Festivals
oder Tanzparties. Was immer es sein mag, wir werden es tun, wenn es höhere
Arbeitsmoral, höhere Warenqualität und besseren Kundendienst
für die von uns belieferten Industrien bedeutet."
Im Massentourismus werden Animateure eingesetzt, um die
Arbeiterinnen und Arbeiter in ihren freien Tagen nicht auf Gedanken kommen
zu lassen. Man stelle sich vor, es würden politische Animateure eingesetzt,
die dazu anleiteten, die Verhältnisse, unter denen die Massentouristen
arbeiten, zu zerschlagen.
Die Leute schifahren sich besoffen. Der ständige
Wechsel der Meereshöhe (1500 m - 2500 m - 1500 m - 2500 m usw.) und
die ungewohnte Kraftanstrengung führen zur Ausschüttung von Endorphinen
(schmerzstillenden Hormonen) im Hirn, die "ähnlich wie Morphium wirken"
(Kurier, 25.9.93). Der Körper wird als Mittel verwendet, sich
in Stimmung zu bringen. Schifahren als Einstiegsdroge, und wenn die Dosis
nachläßt wird mit Alk nachgefüllt.
Die Arbeit ist es, die den Menschen formt, nicht die Freizeit.
Die Arbeit tut es, auch - und vor allem - die ungeliebte, die fremdbestimmte,
die verdummende. Auch historisch hat sich der Mensch nur anhand
seiner Arbeit voranentwickelt. Wenn sie zu ihrer Freizeit kommen, sind
die Menschen längst verwirklicht, wenn auch meistens nicht selbstverwirklicht,
sondern eben fremdverwirklicht. Beim Schifahren, beim Mountainbiken,
beim Schlauchbootfahren findet keine Persönlichkeitsentwicklung statt.
Dort stellt man den auf die Schier, setzt den aufs Rad oder ins Schlauchboot,
zu dem einen die Arbeit gemacht hat. Wer so eifrig die Verwirklichung des
Menschen in der Freizeit propagiert, will damit seine Vernichtung in der
heutigen Lohnarbeit kaschieren.
"Wir schickten unsere Arbeiter nicht auf eigenen Schiffen
auf Urlaub oder bauten ihnen gewaltige Seebäder, weil uns das Spaß
machte oder zumindest dem einzelnen, der von diesen Einrichtungen Gebrauch
machen kann. Wir taten das nur, um die Arbeitskraft des einzelnen zu erhalten
und um ihn gestärkt und neu ausgerichtet an seinen Arbeitsplatz zurückkehren
zu lassen. >Kraft durch Freude< überholt gewissermaßen jede
Arbeitskraft von Zeit zu Zeit, genau so wie man den Motor eines Kraftwagens
nach einer gewissen gelaufenen Kilometerzahl überholen muß."
Wo ist die Alternative? Wo ist der Ansatz? Muß man
schauen, Liftstützen zu verhindern? Muß man einen Protestbrief
an den Landeshauptmann schreiben? Muß man eine Bürgerinitiative
machen, damit Darbo die portionierte Marillengeschmack-Konfitüre nicht
mehr in Plastik abpackt? Muß man mehr Podiumsdiskussionen zum Thema
ansetzen? Die Alternative zum kapitalistischen Massentourismus ist: den
Kapitalismus vernichten.
Geld hat keinen irgendwie unangenehmen Geruch: Vor ein
paar Jahren ist ein kritisch sein wollendes Buch über den Fremdenverkehr
in Tirol erschienen, in dem das Wort "Bank" überhaupt nicht vorkommt
(herausgegeben von einer den Tiroler Bauernrevolutionär Michael Gaismayr
damit arg verhöhnenden Michael-Gaismair-Gesellschaft). Kein Kreditinstitut,
keine Raiffeisenkasse, keine Sparkasse, kein gar nix. Doch, entschuldige,
eine schon. Auf dem Vorsatzblatt des Werkes steht: "Gedruckt mit Unterstützung
durch das Amt der Tiroler Landesregierung und das Bundesministerium für
Wissenschaft und Forschung sowie der Sparkasse Innsbruck-Hall". Die Sparkasse
Innsbruck-Hall mit ihren ca. 60 Filialen ist neben dem Raiffeisenkassen-Konzern
der Hauptprofiteur des Massentourismus in Tirol.
Speiben im Hotelzimmer gehört zu den Extras. Dafür
werden derzeit 150.- Schilling in Rechnung gestellt.
Woher kommen die Bedürfnisse? Wie entstehen sie?
Was hat der Mensch, wenn er geboren wird, für Bedürfnisse? Das
nach Doppelumlaufseilbahnen? Nach Schneediscos? Nach den "aktuellen Gilets
im Oversized-Schnitt" von Zentrasport? Ein Glück, daß das Snowboarden-Bedürfnis
nicht vor dreihundert Jahren entstanden ist, sondern heute, wo die Industrie
genügend Boards (Sandwich-Konstruktion, ABS-Seitenwangen, Starke Taillierung)
produzieren kann. Heute sind die Menschen um das Raften glücklicher
als früher. Und zusätzlich auch noch um das Paragleiten und das
Squashen und das Mountainbiken.
In der Gemeinde Sölden, in der ich dies schreibe
(2.700 Einwohner), werden mit Massen-Massentourismus im Jahr zwischen drei
und vier Milliarden Schilling umgesetzt. Jugendzentrum hat die Gemeinde
keines.
Ein Sporthaus-Gedicht: "It's crazy! Vormit- / tags wedeln
wie / Tomba la Bomba. / Nachmittags im / wilden Snow- / Board-Ritt über
die / Buckelpiste. Surfin'/ the snow - Easy / Rider am Brett! Und / Abends
geht's im / schrillen Outfit ab / in die nächste / Disco. Schließlich
heißt der / Mega-Trend des heurigen / Winters: Volle Power - nur
/ kein Pistenvergnügen aus- / lassen - der Winter geht / sowieso viel
zu schnell vor- / bei!"
Der Ötztaler Hotelier, Massentourismusverbandsobmann,
Landtagsabgeordneter: "Ein florierendes Unternehmen braucht gute Arbeiter
und Angestellte, und mein Anliegen ist es, daß die Kontakte zwischen
dem Unternehmer und seinen Mitarbeitern besser werden." (Blickpunkt,
21.8.85) Derselbe später: "Sie war vor zwei Jahren in meinem Hotel
als Schankmädl und Kellnerin. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden.
Im Frühjahr 1991 ist es dann passiert. Nach einem Fest nahm ich sie
in meinem Jeep mit, fuhr durch die Gegend, parkte mich an einem abgelegenen
Ort ein - und dann haben wir uns geliebt." (Täglich Alles, 20.9.92)
"Der Politiker", so dieses Blatt weiter, "streitet nicht ab, mehrmals mit
seiner Angestellten ein 'Schäferstündchen' verbracht zu haben."
Sie können das Problem mit der zu kleinen Wohnung,
das mit dem vielen Durchzugsverkehr durch ihre Straße, das Problem
mit dem Kindergartenplatz, das mit der Lohnabrechnung, das mit der städtischen
Müllgebühr nicht lösen, weil sie am ersten Tag, wo die Arbeit
ihnen Zeit dazu ließe, wegfahren. Auf diese Weise kehren sie immer
in dieselben beklemmenden Verhältnisse zurück bzw. in immer beklemmender
werdende.
"Man sollte in Sölden Tourismusindustrie betreiben.
Das heißt, die vorhandene Infrastruktur noch verbessern, sprich den
ganzen Ort zubetonieren, denn für die Einheimischen gibt es dort ohnehin
keine angemessene Lebensqualität mehr. Es müßten außerhalb
des Dorfes neue Wohnmöglichkeiten für die Sölder geschaffen
werden, damit sie nicht in einem Industriegebiet wohnen müssen."
Ausländerkriminalität? So wie wir unter Ehrendelikten
die Delikte an der Ehre zu verstehen haben, so unter Ausländerkriminalität
die Kriminalität an den Ausländern. Die Ausländerkriminialität
nimmt wirklich rasant zu. Die Täter im Bereich Massentourismus: Unternehmer
im Baugewerbe und im Baunebengewerbe, im Gastgewerbe und in hunderten dem
Gastgewerbe zuarbeitenden Betrieben wie Pommfrittfabrik, Vorhangfabrik,
Prospektdruckerei. Kein Schmied und kein Bodenleger, der ohne "Du das machen!"-Sklaven
auskommt, und kein Nachtclub und keine Schihütte, keine Pension garni
und keine Liftgesellschaft. Der größte Hotelier im Ort ist der
größte Ausländerkriminelle im Ort. Seine Verbrechen an
den Ausländern: Verstoß gegen den Kollektivvertrag, gegen das
Arbeitszeitgesetz, gegen das Arbeitnehmermeldegesetz, gegen das Sozialversicherungsgesetz,
gegen die Menschenrechte, Versicherungsbetrug, Steuerbetrug etc.
Der Urlaub in Tirol ist vor allem ein Urlaub von Deutschland.
Die Millionen Menschen aus den deutschen Wirtschaftszentren fliehen nicht
bewußt
hierher. Bewußt nehmen sie nur reißaus aus den großen
Industrie- und Verwaltungsstädten, dabei rennen sie halt den ausgetretensten
Fluchtwegen nach. Weil sie nicht wissen, warum sie hier sind, müssen
sie ständig nach einem Sinn suchen, nach Gründen, nach Anlässen
für ihr Hiersein. Weil es aber keinen Sinn geben kann, hier zu sein
(da ihr wirkliches Leben ganz woanders ist), müssen tausend Nichtigkeiten
hier zu Wichtigkeiten aufgeblasen werden. Darum muß hier alles greller
als grell, lauter als laut, schärfer als scharf, schneller als schnell
sein, die Bergstation die höchste, die Abfahrt die längste, die
Gondel die modernste, die Hütte die urigste. Der Aufenthalt am falschen
Ort will unablässig gerechtfertigt sein.
Die laufruhigen, wendigen, eisgriffigen, drehfreudigen,
spurgenauen Schier mit dem fetzigen Design sind mit Expoxidharzen zusammengeleimt,
einem aggressiven, mit Härtern versetzten Kleber, der die jungen Frauen
und Männer in den Schifabriken krankmacht. Als Reaktion auf diese
Tatsache hat eine österreichische Schifirma ihre hellhäutigen
Beschäftigten durch dunkelhäutige Gastarbeiter ersetzt, weil
diese solche Giftstoffe besser vertrügen. Und sie klagen wirklich
weniger über ihre Ekzeme, ihre Allergien, ihre verschwollenen Augen,
ihre Reizungen der Atemwege und ihr Bronchialasthma, weil bei ihnen zur
Angst um den Arbeitsplatz noch die Angst vor dem Verlust der Beschäftigungsbewilligung
dazukommt.
"Die Rasenflächen rund um die 18 Löcher am geplanten
Golfplatz Eichenheim (Kitzbühel) werden nach unten wie eine Sondermülldeponie
abgedichtet, damit es zu keiner Grundwasserverunreinigung kommen kann."
(TT, 24.3.93)
Das Problem der kapitalistischen Wirtschaft ist, daß
zuviel erzeugt wird, nicht zuwenig, zuviele Kartoffelchips, zuviele Wohnwägen,
zuviele Fremdenbetten, zuviele Computerspiele, zuviele Schibindungen. Es
reicht vorn und hinten (neben dem Geld) die Zeit nicht, alle diese Dinge
wegzukonsumieren. Weil die Menschen beim wirtschaftlich notwendigen Kartoffelchipsessen
die Zeit immer noch zuwenig auch zum wirtschaftlich notwendigen Computerspielen
nutzen, und weil das wirtschaftlich notwendige Schifahren während
der Arbeit im Büro und während der Arbeit am Betonmischer nicht
geht, muß muß muß Freizeit dafür zur Verfügung
gestellt werden. Denn, wenn die Massen nicht jedes Jahr mindestens drei
Prozent mehr Liftkarten und mehr Satellitenschüsseln und Energy-Drinks
kaufen, stürzt der Kapitalismus unrettbar in sich zusammen.
Es gibt eine Verschuldung der Gastwirte, die in jedem
Jahr weit höher ist als die öffentlich beklagte Verschuldung
der Gastwirte gegenüber den Banken: die niemals öffentlich beklagte
Verschuldung der Gastwirte gegenüber den Arbeiterinnen und Arbeitern
im Gastgewerbe.
Tiroler Maler malen malerische Berge für die Tirol
Werbung, Tiroler Schreiber schreiben schreiende Texte für die Tirol
Werbung (W. Klier: "so viel Freude wie eine einzige Gletscherbahn hat selten
eine ganze Batterie Götter unter die Menschen gebracht"), Tiroler
Musiker musizieren für die Tirol Werbung, Tiroler Filmer filmen für
die Tirol Werbung, das ist: für noch mehr Massentourismus, für
noch mehr Menschenschinderei, für noch mehr Vermieterinnenkrebs!
Die Schneekanonen, mit denen hier Nacht für Nacht
zig Hektar Wiesen, Weiden, Waldschneisen beschossen werden, hängen
an zweihundert Kilometer langen Stromkabeln, die bei den Kernkraftwerksblöcken
Isar I und Isar II eingesteckt sind.
Nicht wenige Deutsche haben, dem Lockruf der heimischen
Banken folgend (Sparkasse: "Geldanlage in Österreich - die interessante
Alternative für Sie", Hypobank: "Ihr Geld in Tirol gut angelegt",
Raiffeisen: "Lassen Sie Ihr Geld in Österreich Wurzeln schlagen!"),
einen Teil ihrer Barmittel nach Tirol verbracht und finanzieren sich aus
dem Zins hier den jährlichen Urlaub. Die Knechte in der Tourismusindustrie
(vom polnischen Betonschaler über den einheimischen Kochlehrling bis
zur serbischen Staubsaugerin), die durch ihrer Hände Arbeit ja den
Kreditzins des Tourismusindustriellen erarbeiten, machen es möglich.
Um "die Schwachstellen in der Optik des Ortes" auszumerzen,
wurde in Saalbach Hinterglemm 1986 eine "Arbeitsgruppe Ortsdesign" eingerichtet.
"Alles andere denn seelenruhig ging es zu Allerheiligen
im Ötztaler Gletscherskigebiet zu. Am Tiefenbach- und am Rettenbachferner
ereigneten sich am Montag gleich drei Unfälle mit Snowboardfahrern,
bei denen insgesamt fünf Personen verletzt wurden."
"Zwei Schnapsln beim Skifahr'n ham noch nie g'schadet,
da fahrt man weicher". (Der Tourismusindustrielle und ÖSV-Präsident
P. Schröcksnadel, Kurier, 3.3.92).
Kapitalismus ist, es kann anders nicht sein, Krieg nach
allen Seiten, unaufhörlicher, erbitterter, blutiger Wirtschaftskrieg:
Kampf um Rohstoffe, Eroberung von Märkten und Verteidigung von Märkten,
Abwehr von Importen, Ausschaltung von Konkurrenz. ("Markt" ist das nette,
sanso-weiche Wort, mit dem dieser Krieg umschrieben wird.) Die Front verläuft
rundum um jeden Betrieb und rundum um jede Wirtschaftsregion und rundum
um jeden Industriestaat - und rundum um jeden einzelnen Arbeiter und jede
einzelne Arbeiterin. Vorne, hinten, links, rechts, rund herum um jeden
jeder ein Konkurrent, jeder ein Feind: das ist Kapitalismus.
Die 'NS-Gemeinschaft' "Kraft durch Freude" (KdF) hat,
nachdem das Organisieren von Reisen für die Volksgenossen auf die
Wehrmacht übergegangen war - - -, die "Truppenbetreuung" in der deutschen
Armee übernommen. KdF hatte schon vor dem Krieg Unterhaltungsabende
für Rüstungsarbeiter abgeführt und mit eigenen Reichsautobahn-Bühnen
die Schwerstarbeiter beim Autobahnbau bei Laune gehalten und hatte schon
von allem Anfang an die Teilnehmer an KdF-Urlaubsreisen mit Theater, Konzerten
und Kabaretts zu zerstreuen versucht. Die logische Weiterentwicklung dieser
Betreuung im Krieg war das Fronttheater, nach Goebbels "eine der wichtigsten
Voraussetzungen für die Standhaftigkeit und Durchhaltekraft der ganzen
Nation in ihrem Schicksalskampf". Hinter den Fronten traten in steter Folge
Musiker, Sänger, Schauspieler, Kleinkünstler auf, um die Soldaten
für ein paar Stunden von ihrem Handwerk abzulenken. In Paris beispielsweise
gab Herbert von Karajan mit seinem Orchester ein Konzert vor 3500 Wehrmacht-Soldaten,
im besetzten Polen gastierte der Dichter Karl Heinrich Waggerl, und bei
der Truppenbetreuung in Norwegen kam ein Tiroler Bauerntheater zum Einsatz.
Die Aufgabe der Künstler war es, den Soldaten das Totschießen
und das Totgeschossenwerden gemütlicher zu machen.
Das Ötztal bietet sich in seinem Werbekatalog "In
Scene" den Fronturlaubern aller tobenden Wirtschaftskriege als Fronttheater
an: "Auf 60 km Bühne erleben Sie ein Winterprogramm vom Feinsten."
"Wo heute unsere Soldaten ihre Pflicht erfüllen, erscheinen die deutschen
Künstler, um ihnen die Kampfpausen oder Ruhestunden zu verschönern",
schrieb der Leiter des Sonderreferats Truppenbetreuung in Goebbels Propagandaministerium
1941 ("Die neue Linie", Juli 1941). Was damals Johannes Heesters,
Peter Frankenfeld oder Evelyn Künnecke besorgten, dafür werden
in der Wintersaison 1993/94 in Seefelder Nachtbars zum Beispiel Rex Gildo,
Roberto Blanco oder Chris Roberts herangezogen. In diesem Hinterland wird
alles getan, um die rückverlegten Teile des Arbeiterheeres möglichst
rasch wieder einsatzfähig zu machen. Die Siemens-Truppen werden hier
wiederaufgerichtet gegen das Sony-Bataillon und die Daimler-Benz-Brigaden
gegen die BMW-Batterie. Mit Fun werden die Jungs wieder nach vorne gepeitscht.
Wir hier sind das, was z.B. Marilyn Monroe im Koreakrieg und Bob Hope und
Sammy Davis jr. im Vietnamkrieg waren. Indem wir mithelfen, den kapitalistischen
Rundumkrieg unterhaltsamer zu gestalten, helfen wir mit, ihn zu verlängern.
"Das künstliche Weiß von Schneekanonen sorgte
bei den Marienbergliften in Biberwier nicht nur für weiße Pisten,
sondern auch für eine verschneite Fahrbahn - dies wurde Freitag abend
einer Autofahrerin zum Verhängnis. Die 18jährige Ulrike G. aus
Reutte geriet auf der verschneiten Straße ..."
Natürlich gibt es Sklaverei im Massentourismus, ohne
sie sind die schwulstigen Holzdecken nicht zu denken. Wenn die Kontrollore
des Arbeitsinspektorats ins Tal einfahren, wird das von Gastbetrieb zu
Gastbetrieb bis ins hinterste Tal hineintelefoniert. "Aufgrund entsprechender
Vorwarnungen", stellt die Arbeiterkammer fest, werden dann z.B. "die in
der Nacht mit Küchendiensten oder Serviertätigkeiten beschäftigten
Jugendlichen rasch vom Arbeitsplatz abgezogen und müssen sich oftmals
im Quartier verstecken oder werden - auch im Winter - aus dem Hause geschickt,
bis die Inspektion vorüber ist." (Fremdenverkehr heute und morgen
- Perspektiven aus Arbeitnehmersicht, 1991)
Der Skitag versinkt bis zum Arsch im Alkohol. Schwaden
von Glühwein und Jagertee liegen über dem Apres-Ski-Strich. Wenn
ich sie hier sehe, die Fast-food-Urlauber, vor den Rausch-Läden links
und rechts der Hauptstraße, durchgepeitscht von dröhnender Herzschlag-Musik,
torkelnd, brüllend, weiß ich, wie es ihnen dort geht.
Exzesse haben nichts mit Freiheit zu tun, im Gegenteil. Wo ist die Caritas?
Weit weg in Guatamala und im Sahel. Wo bleibt Amnesty?
Ein 19jähriger Kellner aus dem Burgenland nach zwei
Wochen Wintersaison in Sölden: "Ans versprich i dir, sobald die Saison
aus is', fliag i für sechs Wochn mitn erstn Fliaga ganz wurscht wohin,
wo halt noch a Platz frei is'."
Die Menschen werden der großen Auswahl an Parfümeriedüften
und Knabberplätzchen zum Trotz den Instinkt nicht los, daß das
Leben anders sein müßte. Aber weil sie sich in den von
Kindergarten, Schule, Kirche, Medien bis unter die Kopfhaut randvoll zugeschissenen
Köpfen dieses anders, eingeklemmt da, wo sie leben, einfach
nicht vorzustellen vermögen, wird aus dem Drang, anders zu
leben, zwangsläufig der, wo-anders zu leben.
"Keine Frage, Snowboarden macht süchtig. Darauf fährst
du voll ab. Es ist ein Rausch. Du bist nicht mehr zurechnungsfähig,
wenn du auf dem Board stehst. Der ultimative Trip, würd' ich sagen."
(Ein Snowboarder im Reisemagazin Saison 12/1993) Weil jeder weiß,
daß es aus diesem System eine Flucht nur gibt in eine Sucht, kann
man das auch ganz offen benennen. Die Dealer sind hochgeachtet und haben
die besten Standplätze im Ort: "Warnung des Gesundheitsministers:
Snowboarding macht spontan süchtig und kann Euren Winterschlaf gefährden!"
(Motto des Zentrasport-Katalogs "Snowboard 93")
Hier spricht ein (nicht ganz) Dichter: "Was ist Tirol?
Am, am ehesten ist Tirol äh für mich Landschaft, die Landschaft
ist etwas, was ich nach wie vor äh sehr mag äh an diesem Land.
Und so etwas ist natürlich nicht laut auszusprechen, solche Programme,
und also auch nicht ernst zu nehmen, wenn ich's jetzt tu' - und trotzdem
tu' ich's: Äh könnte man einen äh Großteil der Bevölkerung
evakuieren, äh dann wär's vermutlich sehr sehr schön, hier
zu leben."
Sölden/Chronik: Der Playboy-Fotograf M. fotografiert
für den Ortsprospekt; der Pornomagazin-Fotograf V. fotografiert Auszieh-Models
für die Gästezeitung; die Hardcore-Fotogeschichte für das
Erotik-Kontaktmagazin ÖKM wird im Hotel des Massentourismusverbandsobmanns
F. geknipst, der mit dem Verlegen von sexistischen Ansichtskarten sein
Landtagsabgeordnetengehalt aufbessert.
Man muß auch das Positive sehen: In Österreich
geht die Zahl der Lehrlinge im Gastgewerbe radikal zurück. Statt 6712
im Jahr 1984 haben im Jahr 1991 nur noch 4281 Jugendliche eine Kochlehre
absolviert.
Später, ja, später, wird es in der Kriminalgeschichte
des Kapitalismus stehen: >Nach dem Tiroler Tourismusgesetz von 1991 wurde
die Demokratie in den örtlichen Tourismusverbänden jeweils von
einer Handvoll massentouristischer Großindustrieller (Seilbahnunternehmer,
Mehrfachhoteliers) diktiert. Von den zusammen 1185 Stimmen, die sich für
sämtliche 428 Zwangsmitglieder des Tourismusverbandes im Ort A. errechneten,
wurden die fünf Großindustriellen vom gewählten Landtag
mit je (!) 79 Stimmen ausgestattet, 28 Hoteliers und Geschäftsleute
mit je 14 Stimmen, wodurch sich für den gezählten Rest von 395
kleineren und etwas größeren Vermieterinnen nur mehr gerade
je eine Stimme ausging.<
Der Arbeitsalltag, so liest es sich in diesem Heft, erzeugt
das Bedürfnis nach Flucht aus ihm: in Freizeit total, in Alkohol,
in Urlaubsreisen, in Zerstreuung. Das ist nicht ganz richtig: Der bedrückende
Arbeitsalltag läßt ganz natürlich das Bedürfnis
nach Veränderung dieses Arbeitsalltages entstehen! Dagegen ist das
Bedürfnis, sich abzuwenden von den veränderbaren unerquicklichen
Zuständen, davonzufahren vor der Bekämpfung derselben ein künstlich
geschaffenes. Es den Menschen aufzunötigen, lohnt sich für die
Herrschenden doppelt: Zum einen ist dieses Bedürfnis nach Ablenkung
und Flucht auf tausenderlei Arten zu Geld zu machen, zum anderen garantiert
es, daß die unerträglichen Verhältnisse unangetastet bleiben.
Wirte stehlen in Massen. Sie stehlen, z.B., ihren Lehrlingen
das Geld aus den Hosensäcken. Allein "die Lehrlinge im steirischen
Gastgewerbe werden pro Jahrgang um rund 40 Mill. S 'geprellt'." (Salzburger
Nachrichten, 4.5.90). Tausende Wirte stehen Schmiere, wenn ihre Gattinnen
den Arbeitslosenfonds plündern gehen. In einem einzigen Bezirk in
Tirol, sagt der Sozialminister, haben über 600 Frauen aus dem Gastgewerbe,
die von ihren Männern zum Schein angemeldet waren, mit Stichtag Arbeitslosengeld
bezogen. (J. Hesoun im ORF-Mittagsjournal, 7.5.91) Mit den vorgestreckten
vielleicht tausend oder zweitausend Schilling Arbeitslosenbeitrag pro Monat
in der Hochsaison verschaffen sie sich Zutritt zur staatlichen Arbeitslosenkassa,
die sie zwischen den Saisonen dann regelrecht ausräumen. Manch geschnitzte
Hoteltür, manch schwarzbeschäftigter Geschirrspüler im Ort
verdankt sich dieser Diebsbeute.
"'Essen auf Rädern' für Gäste von Tiroler
Vier-Sterne-Hotels ist der letzte Schrei im Kampf gegen steigende Personalkosten,
Krankenstände im Küchenbereich und stagnierende Pauschalpreise.
(...) Uneingeschränktes Lob für die Cateringküche kommt
aus den Igler Vier-Sterne-Betrieben 'Alt Igls' und 'Aegidihof'. Bruno Gerber
vom 'Alt Igls': "Mein Jugoslawe, der das angelieferte Essen fertigmacht,
war vier Jahre Beikoch. Der Mann hat zusätzlich Kurse absolviert,
um die Speisen schön präsentieren zu können. Das funktioniert
perfekt." (Kurier, 12.3.93)
Fünftausend, achttausend, elftausend Schifahrer knäueln
sich in einem Schigebiet, die Lifttrasse hinauf, die Pistentrasse herunter,
die Lifttrasse hinauf, die Pistentrasse herunter, die Lifttrasse hinauf,
die Pistentrasse herunter, die Lifttrasse ..., als suchten sie, neurotisiert
wie der Tiger im Zoo, auf und ab und auf und ab nach einem Ausschlupf aus
dem ganzen, und das in immer höherem Tempo. Auch wenn da ein Auslaß
wäre, vermöchten sie ihn wohl nicht mehr wahrzunehmen, geschweige
denn zu nützen.
Die Arbeiterhaushalte von Wörgl, Schwaz, Hall, Innsbruck
usw. finanzieren mit ihren Stromtarifen den Seilbahnunternehmern in den
Hintertälern den elektrisch hergestellten Schnee. "Die Betreiber von
Kunstschneeanlagen (sprich Liftgesellschaften) sind fast ausnahmslos Sonderabnehmer,
für die die TIWAG aufgrund der Tarifstruktur keinen vollen Kostendeckungsbeitrag
verrechnen kann." (Kurier, 26.4.90)
Der Tourismusunternehmer im besonderen nimmt sich die
billige Arbeitskraft, wenn er sie braucht, z.B. zwei Tage vor Weihnachten,
und schmeißt sie weg, wenn er keinen Bedarf mehr hat, z.B. drei Tage
nach Ostern. Er hat sozusagen mit dem Staat einen Service-Vertrag abgeschlossen,
wie bei der Espressomaschine mit dem Maschinenhändler. Im Falle eines
Defekts ist ihm promptes Service zugesichert. Ein Gerät, das ausfällt,
bekommt er durch ein anderes ersetzt. Dafür zahlt er monatliche Raten.
Das gleiche beim Getränkekellner aus Leibnitz. Fällt er aus,
bekommt er einen anderen. Braucht er ihn nicht mehr, wird er für ihn
gewartet, zwei, vier oder sechs Monate lang. Auf Kosten des Staates, seines
Lieferanten. Auch für die Reparatur des Ausgeschiedenen braucht er
nicht aufzukommen. Auch das macht der Staat, der Service-Partner des Unternehmers.
Die anfallenden Full-Service-Gebühren (Arbeitslosenversicherung, Sozialversicherung)
kann der Tourismusunternehmer von dem Haufen Geld, den der Arbeiter ihm
erarbeitet hat, mit links zahlen.
Ausländerkriminalität? 1990 wurden in Tirol
mehr als dreimal soviele Vergehen und Verbrechen von Touristen wie von
Gastarbeitern registriert. Von den Betrugsdelikten von Ausländern,
z.B. fingierte Diebstähle, wurden 89 Prozent von Urlaubern verübt.
Es gibt eine Hand voll namhafter ernstzunehmender Kritiker
der deutschen Zustände, aber Zigmillionen namenloser ernstzunehmender,
von denen niemand spricht. Es sind Kritiker der Tat, nicht der Phrase.
Einige Millionen Müllers und Meiers stellen jedes Jahr allein in Tirol
ihr Land an den Pranger. Indem sie diese Landschaft aufsuchen, kritisieren
sie die vom Kapitalismus zerstörte bei ihnen zuhause. Indem sie hier
demonstrativ gesunde Atemluft einziehen, beklagen sie sich über ihre
schwere Luft zuhause. Über die Menschen dort ziehen sie her, indem
sie zu den Menschen hier flüchten. Ihre Abscheu vor der in Deutschland
auszuübenden Lohnarbeit bringen sie mit ihrer Urlaubsbeschäftigung
zum Ausdruck. Die gemietete Ferienwohnung brandmarkt die gemietete Stadtwohnung,
und ihr Lebensgefühl außerhalb von Deutschland ist vernichtende
Kritik ihres Lebensgefühls in Deutschland.
Freiwillig würden sie das, was sie tun, niemals tun:
sich in Eiseskälte frühmorgens auf ein Drahtseil über schroffe
Abgründe hängen, geschlagen mit Plastikklumpfüßen,
in schreiendes 100 % Polyester eingepackt. Aber sie sind auf der Flucht.
Sie haben bereits Unsummen an gerissene Schlepperbanden (Reisebüros,
Busunternehmen, Liftbetreiber) bezahlt und versuchen jetzt verzweifelt
auf eigene Faust, mit dem Skipaß in der Hand die Grenzen ihrer
Alltagsexistenz zu überwinden.
Vorher: "Ein Freudensprung ins Wochenende. Nichts
im Wege steht Pistenfreuden jeglicher Art an diesem Wochenende. Sowohl
für Samstag als auch für Sonntag prophezeien die Wetterfrösche
für das ganze Land schönes Wetter mit milden Temperaturen." (TT,
22.1.94, Titelseite-Aufmacher mit Farbfoto)
Ein Unterschied zu KdF ist, daß es damals beim Urlaub
um die ideologische Abrichtung der Menschen ging, so wie heute. Während
seinerzeit mit dem Urlaub Einverständnis produziert wurde mit den
Machthabern, wird das heute auch getan. Im Gegensatz zu damals, wo die
Urlaubsfahrt eine einzige Propaganda für die Segnungen des Systems
war, ist sie das heute ebenso.
Der Urlaub in der gehandelten Form ist ein Konsumprodukt,
das über sein Luxus-Image verkauft wird. Luxus scheint überhaupt
etwas ganz Tolles zu sein. Das Wort Luxus bedeutet wortgeschichtlich (lat.
luxus)
indes genau das, wofür heute das Wort Luxation steht: Verrenkung,
Ausrenkung.
"Von einem Bahnhof kann man nicht in die Freiheit fahren."
(Deutsches Sprichwort)
"Die Frühjahrs-Flugreise für Rundschau-Leser
nach Kemer in die Südtürkei wird wohl so schnell keiner der zahlreichen
Teilnehmer wieder vergessen können. Angefangen von der Anreise ...
bis zum Flug ... Es war ein schönes Gefühl, als wir dann zum
erstenmal die großzügig angelegte Ferienanlage Simena, in der
uns nun 7 Tage Schlemmen, Faulenzen, Sporteln und Unterhaltung - kurz Glück
und Zufriedenheit - erwarteten, besichtigten. Die besonders schöne,
saubere, gepflegte und ruhige Anlage übertraf sogar die ohnehin hoch
gesteckten Erwartungen ... Sämtliche 110 Teilnehmer waren hellauf
begeistert. So verging ein schöner Tag nach dem anderen, und plötzlich
war es leider schon wieder Zeit, an die Heimreise zu denken ... Man konnte
so manchen anderen Gast und auch das Personal sagen hören, wie leid
es ihnen tat, daß die 'lieben Tiroler' wieder abreisen müssen."
(Rundschau, 23.5.90)
Alkoholtourismus.
Die Antwort auf die Frage: Wie sieht der fortschrittliche
Standpunkt zum Massentourismus aus?, ist: Welches ist der fortschrittliche
Standpunkt zu einem Krebsgeschwür? Wie kritisiert man eine Auswirkung?
Kann man eine Explosion tadeln? ("Dummes Feuer!"? "Blödes Donarit!"?)
Hinter dem Exzess Massentourismus steht ein brutales System,
aus dem er sich unaufhörlich speisen kann. Aus diesem System wollen
die Menschen - oft unter Riskierung ihres eigenen Lebens - hinaus. Zahlen
aus Österreich (in Deutschland ist es schlimmer!):
Die 100.000 Ski-Unfälle pro Saison in Österreich
mit den 30.000 Verletzten und 86 Toten (1991/92), das sind größtenteils
keine Freizeit-Unfälle, sondern Arbeits-Unfälle. Geschehen beim
sich Herauskatapultieren aus dem Arbeits-Alltag.
Die Freizeit ist dazu da, das wegzukonsumieren, was in
der Arbeitszeit produziert worden ist. Weil in immer gehetzterer Arbeit
immer noch mehr produziert wird, muß in immer gehetzterer Freizeit
immer noch mehr konsumiert werden. Weil jetzt auf Teufel komm raus Schi-Hosen
und
Apres-Ski-Hosen und Snowboard-Hosen hergestellt werden, müssen
jetzt auf Teufel komm raus Schi-Hosen und Apres-Ski-Hosen
und
Snowboard-Hosen verbraucht werden. Wir werden auf den industriellen Ausstoß
angesetzt wie jene Sorte von Würmern auf den anfallenden Sondermüll,
den sie vertilgen indem sie sich durch ihn durchfressen. Der ganze Plunder
wird nicht deswegen produziert, weil wir ihn konsumieren wollen, sondern
weil wir ihn konsumieren müssen.
Wir sind hier mit Tirol nichts anderes als die Fabrikskantine
der BRD-Fabrik, der Pausenraum.
Die Menschen scheinen voreinander unaufhörlich rechtfertigen
zu müssen, wie sie den Urlaub verbracht haben (Warst du? Was hast
du gemacht? Wie war es? Du warst gar nicht?) Dazu, daß sie 48 Wochen
im Jahr Muttern an Schrauben ansetzen oder Staubsaugerbeutel verkaufen,
verlangen sie einander keine Erklärung ab.
10.000 Models auf einer Piste: "edles Changeantgewebe",
"lässiger Schnitt", "Metallic-Effekt", "Stick am Rücken", "Allover-Optik",
"dekorativer Beinzipp", "aufwendiger Stepp" - - -
Der Fremdenverkehr, sagt ein grüner Trottel, zerstört
die Landschaft. Es ist der Fremdenverkehrs-Unternehmer, der sie zerstört.
Wenn wir die aus den Wirtschaftskriegen dieser Welt in
unser Hinterland zurückflutenden Fronturlauber hassen, so schrecklich
anzusehen sie sind, so übel zugerichtet, hassen wir die Falschen.
Weder haben sie die Kämpfe, in die sie hineingeraten sind, selbst
losgetreten, noch nehmen sie die Beute, die sie erringen, selbst in Besitz.
Nur die Verwundungen, die sie erleiden, gehören wirklich ihnen. Statt
diese Kriegskrüppel noch zu verlachen, sollten wir alle Verachtung
zusammensparen für ihre Kommandeure und Befehlsgeber, ihren jeweiligen
Hauptmann, das heißt: Landeshauptmann, und ihren jeweiligen General,
das heißt: General-Direktor.
"Sie sind oft die meistunterschätzten Mitarbeiter
im Tourismus: die Liftwarte und Kassiere bei Bergbahnen. In Wahrheit freilich
haben sie soviel Kontakt mit Gästen wie kaum ein anderer in der gesamten
Branche. Die Edinger Tourismusberatung bietet daher ein spezifisches Training
für Kassenkräfte und Einstiegshilfen. Schwerpunkt der Schulung,
die am besten direkt im Betrieb stattfinden soll, ist das Auftreten in
kritischen Situationen (...)."
Weshalb die Tiroler Gastwirte grausame Rache an den Türken
nehmen müssen: "Als ich 1953 das Bürgermeisteramt übernahm,
bestand Fiss aus 60 alten Häusern, von denen kein einziges über
Wasserinstallationen oder gar ein Spülklosett verfügte. Die jungen
Dorfbewohner sind in die Schweiz gezogen, um Arbeit zu finden. Meine Frau
war vor unserer Hochzeit Dienstmädchen in der Schweiz und sie hat
mir berichtet, daß die Tiroler dort so behandelt wurden wie heute
bei uns die Gastarbeiter."
Mehr als du aus jedem Leitartikel über die Zustände
in Deutschland, Holland usw. in Erfahrung bringen kannst, kannst du aus
dem Gesicht fast eines jeden Sommertouristen herauslesen, wenn die hier
ihr beschissenes Leben ausführen. Stumm schreiendes Elend. Rotgesichtige,
abgearbeitete Leute mit leeren, hängenden Blicken, gar nicht mehr
auf der Suche nach irgendwas in ihrem Leben, an eine Bild-Zeitung geklammert,
in billiges Ost- oder Fernost-Gewand gewickelt, an ein Hündchen angebunden:
eine unaufhörliche Opferschau. Es sagt der 74jährige in seinen
Mokasinschuhen zu seiner 72jährigen Frau in ihren Mokasinschuhen auf
dem Parkplatz am Gletscherrand: "Irjndwie müssn wa ja 'n Tach totkriejn!"
"Separatisten haben Freitag früh auf der französischen
Mittelmeerinsel Korsika 30 Ferienhäuser in die Luft gesprengt. Die
Angreifer überfielen ein Urlauberdorf bei Porto Vecchio, forderten
die Touristen zum Verlassen ihrer Unterkünfte auf und zündeten
dann die Sprengsätze." (TT, 23.5.92)
Der in ein unmögliches Leben als Untergrundbahnschaffner
der Düsseldorfer Verkehrsbetriebe Eingezwängte flieht in den
Urlaub nicht nur vorm Gedröhn und vorm Gedränge, vor der Dunkelheit
der Schächte und der Grellheit der Scheinwerfer, sondern auch vor
sich selber: Er hält den, der dieses "Leben" 48 Wochen lang aushält,
nicht aus! Er muß weg von dem!
Bild: Frau, vorgebräunt und nachkoloriert, auf 40jährige
gestrafft, mit Designerwässerchen abgeschmeckt usw., und Mann, eine
Zehn- oder Zwanzigtausend-Mark-Brille als Zehn- oder Zwanzigtausend-Mark-Brille
im fetten Gesicht, in Nobelparfum gebeizt, aufgeblasen zu etwas usw., aus
der Hotelhalle des Fünfsterne-Hotels tretend.
Die neue Bahn auf den X., sagt ihr Besitzer, wurde hervorragend
in die Landschaft eingepaßt. Gehen wir das Wort selber fragen: "Bahn
gehört wahrscheinlich zu der germanischen Wortgruppe von gotisch banja
'Schlag; Wunde' und bedeutete demnach ursprünglich etwa 'Waldschlag,
Durchhau im Walde'." (Duden)
Ein großer Teil der Wintertouristen verbringt den
Urlaub in Narkose. Sie halten nicht nur ihre Maloche nicht aus, sondern
auch ihren Urlaub nicht! Der Alkohol legt sich wie eine Schutzschicht über
die unausstehlichen Verhältnisse, er hüllt sie wie in Watte,
auf daß sie nicht beschädigt werden können. (Um ja am zugrundeliegenden
System nichts ändern zu müssen, haben die Herrschenden dafür
die Lebertransplantation zur Serienreife entwickelt.)
Weil der Tiroler Tourismusindustrielle nicht gut mit seinem
Rohstoff Tirol in ein Billiglohnland übersiedeln kann, holt er sich
die Billiglohnarbeiter aus dem Billiglohnland zu seinem Rohstoff Tirol
und schafft sich seinen Auslandsbetrieb im Inland.
"Unser deutscher Arbeiter ist in der Lage, sich zu begeistern
und glücklich zu sein. Diese Begeisterungsfähigkeit und ihre
Erfüllung ist ein Bestandteil seiner Leistungsgrundlage. Wenn unser
Arbeiter einmal im Jahr durch eine Urlaubsfahrt glücklich gemacht
wird - und es ist unser Bestreben, ihn möglichst zu verwöhnen
-, dann kehrt er freudiger zu seiner Arbeitsstelle zurück."
Die Unternehmer gewähren Urlaub? Streut der Mäster
der Sau Stroh, weil er ihr Gutes tun will oder weil er sich Gutes tun will?
Die Massentourismus-Gemeinde Sölden, in der ich dies
schreibe, zählt in etwa soviele Winternächtigungen wie der Bezirk
Reutte mit den Gemeinden Bach, Berwang, Biberwier, Bichlbach, Breitenwang,
Ehenbichl, Ehrwald, Elbigenalp, Elmen, Forchach, Grän, Gramais, Häselgehr,
Heiterwang, Hinterhornbach, Höfen, Holzgau, Jungholz, Kaisers, Lechaschau,
Lermoos, Musau, Namlos, Nesselwängle, Pfafflar, Pflach, Pinswang,
Reutte, Schattwald, Stanzach, Steeg, Tannheim, Vils, Vorderhornbach, Wängle,
Weissenbach am Lech und Zöblen.
Die normale Reaktion auf das Einnähen von Rock-Ärmeln
im Akkord ist nicht der Wunsch nach "Ekstase im Tiefschnee" (Prospekt
Gurgl), sondern der nach dem Nichteinnähen von Rock-Ärmeln
im Akkord, genauso wie die normale Reaktion auf die Schichtarbeit im Kaltwalzwerk
der Wunsch nach Aufhören mit der Schichtarbeit ist und nicht der nach
"Höhenrausch" und "Gipfelhalluzination" (Tirol Werbung).
>Mit Raupen und Bullys wird die Piste planiert.< Ein
klarer Satz, der in heutigen Ohren schon fast wie die Beschreibung einer
Idylle klingt. Aber war eine Raupe nicht einmal etwas, was der Vegetation
stark zusetzt, ja, ein Schädling, der mitunter ganze Landstriche leerfrißt?
Bully
ist eine Koseform zum englischen Bulldozer, das soviel heißt wie
"Einschüchterung durch Gewalt". Die Piste geht über das
italienische pestare, "stampfen", auf das lateinische pistum,
"zerstoßen, zerstampft", zurück. Das Planieren leitet
sich ab aus dem lateinischen plan, das soviel wie "Kampfplatz" heißt.
Die Wörter haben ihre wahre Botschaft noch nicht ganz vergessen.
">In Klosters gingen junge Schweizer auf die Straße
und verteilten ankommenden Skifahrern Flugblätter mit der unfreundlichen
Aufforderung: Bleiben Sie zu Hause - wir wollen Sie nicht.< So geschehen
im März dieses Jahres." (F. Rundschau, 1.11.89)
Wo der Urlaub, wie vor allem der Winterurlaub, im Sport
aufgeht, wirft er fürs System besonders viel ab. Hier wird, wie es
am Arbeitsplatz gebraucht wird, in Selbstdressur Tempo gelernt, Härte
gewonnen, Leistung trainiert. An die Umlaufbahn in Kappl gehen sie heran
wie ans Förderband in Kiel: alles im Akkord. 22 linke vordere Kotflügel
grundiert, 22 Abfahrten bei der Rößlbahn geschafft. Noch das
Sonnen auf Leistung (Stunden, Körperfläche, Braunton) und noch
das Saufen (Getränkezahl, Getränkeart, Geschwindigkeit)! Als
wären sie allesamt nur auf betriebliche Nachjustierung hier: jeder
ist - wie im wirklichen Leben - eines jeden Konkurrent, jeder Parallelschwung
hat jeden Parallelschwung eines jeden anderen auszustechen, und jede gezeigte
Hocke hat alle anderen pistenweit gezeigten in den Schatten zu stellen.
Auf eigene Kosten vervollkommnen sich hier die Lohnarbeiter quasi im Trockentraining
für den brutalen Konkurrenzkampf zuhause - zum Nutzen ihrer Lohnherren.
Diese Abrichtung durch Sport, genauer: Massenabrichtung durch Skisport,
treiben die österreichweit durchgeführten WISBI-Rennen auf die
Spitze, wo die Freizeitsportler scharenweise in den indirekten Vergleich
mit der Weltspitze der Leistungssportler gehetzt werden.
Der Skiberg: ausgeholzt, abgeschält, aufgerissen
und aufgeschnitten und aufgeschlitzt und aufgefetzt, durchbohrt, umgebaggert,
umgemodelt, nein: umgebaut, gehäutet, zerhackt, zerschnitten,
zerstochen, gesprengt, aufgetürmt, abgeschabt, eingetetscht, geradegebogen,
plattgewalzt, zerkratzt, abgeschürft, wundgescheuert, geschunden,
geschlagen, getreten, m-a-l-t-r-ä-t-i-e-r-t ! (Der Skiberg unterm
Schnee schaut aus wie der Niki Lauda unterm Kappl.)
Man kann den Prospekt der Tirol-Werbung als Anklageschrift
gegen die Zustände in den Industrieländern lesen, in die er massenhaft
verschickt wird. Stilistischer Trick dieses Pamphlets ist es, die Unerträglichkeit
des Dahinvegetierens in Marseille, Mailand, Manchester, Magdeburg, Mechelen
dadurch zu enthüllen, daß von ihr gesprochen wird, ohne von
ihr zu sprechen. Die Anprangerung des Fabriks- und Verkehrslärms dort
liest sich hinterfotzigerweise als Anpreisung "grenzenloser Ruhe" hier.
Mit dem Hinweis auf "Geborgenheit und Entspannung" in der Hetzschrift der
Tirol-Werbung wird augenfällig das Leben unter dem Industriekapitalismus
gegeißelt, das nur Entfremdung und Streß zuläßt.
Der Werbekatalog ("Frei sein!", Wärme tanken", "Mensch sein") ist
indirekt nichts anderes als ein einziger Mängelkatalog, der die Verhältnisse
beschreibt, unter denen die angesprochenen Empfänger leiden (Unfreiheit,
Kälte, eine Maschine sein).
Wenn etwas eine neue Funktion bekommt, braucht es einen
neuen Namen: Das Wurtenkees heißt jetzt, zum Sommerschigebiet umgebaut,
Mölltaler Gletscher, und der Schafberg Hartkaser (Ellmau) heißt,
als Liftberg herausgemacht, jetzt Hartkaiser, die zwei Bergbauerngemeinden
Mauterndorf und Mariapfarr werden als Skigebiet unter dem Titel Samson
Valley auf den Markt gebracht. HMS Reisen Offenburg bieten die umfunktionierte
Sennhütte bei Auffach als die "Kumpelhütte" und die Koleralmhütte
bei Fügen als die "Ramba Zamba Hütte" an.
Eine Umfrage in Deutschland hat ergeben, daß siebzig
Prozent der Tirol-Urlauber mit der Umweltsituation in Tirol nicht mehr
zufrieden sind. Sechzig Prozent der deutschen Massentouristen wünschen
sich ein schöneres Ortsbild in ihrem Tiroler Urlaubsort. (Ö
2 Tirol-Journal, 20.3.1991) 600.000 Tirolerinnen und Tiroler müssen
365 Tage im Jahr in dieser Umwelt und in diesen Ortsbildern leben.
Durch die Ausbeutung² der "Dritten Welt" ist es Ausgebeuteten
der sogenannten "Ersten Welt" möglich, Ausbeuter-Urlaub in der "Dritten
Welt" zu machen. "Zwei Wochen Türkei, Flug, NF um DM 999.-", z.B.,
sind Hehlerei.
Was, sagen wir, der Prater für Wien, ist Tirol (im
Winter) für Westeuropa: ein einziger Freizeitpark, in der Sprache
der Tirol-Werbung: "ein Abenteuerspielplatz mit 12.648 Quadratkilometern
Fläche", 120 Tage Kirchtag am Stück, das ganze Land Festwiese,
Rummelplatz, Vergnügungsviertel, Bude an Bude, Attraktion neben Attraktion:
"Flutlichtrodelbahn", "Pistenteppich", "Sportgerät Berg" (Tirol Werbung),
"Gletschersolarium" (Tirol Werbung). Hinter dem Sportpark jede Menge Freizeittechnik:
Sprengseilbahnen, Schneefabriken auf 2.800 m, Speicherseen.
Einerseits: "Das Eigenartige ist, daß diese Tirol
Werbung versucht, immer mehr Leute einzubinden, von denen ich eigentlich
erwarte, daß sie sich nicht einbinden lassen, immer mehr Künstler,
die ganz offiziell und offenbar ohne Unbehagen für die Tirol Werbung
arbeiten. Wenn es so etwas gibt, wie einen, wenn schon nicht Feind, aber
dann jemanden oder etwas, das auf der anderen Seite des Flusses ist, und
im Augenblick ist keine Brücke, dann äh kann das in Tirol nur
der Tourismus sein."
Das Bedürfnis der Menschen nach Änderung ihrer
Lebensverhältnisse wird korrumpiert mit tausend schillernden Lockangeboten,
nämlich Weglockangeboten. Und weil der als Ersatz angedrehte Bacardi
kein Ersatz ist, muß er bis zum Exzeß gesoffen werden, und
weil der als Ersatz gekaufte Schipaß keiner ist, muß er bis
zum Exzeß ausgefahren werden. Je weiter weg die Leute von den Problemen
gelockt werden, desto unmöglicher ist deren Lösung und desto
verzweifelter werden die Fehlversuche.
Die Drei-Mann-Liftgesellschaft in Sölden, die im
Lauf der Jahre aus der Arbeit Hunderter Liftarbeiter im Ort ein paar hundert
Millionen Schilling Reingewinn gezogen hat, ist jetzt rund um den Erdball
auf der Jagd nach Rendite für dieses Kapital, sucht nach einem Ort,
wo eine große Menge Arbeiter wiederum durch deren Hände Arbeit
aus dem zusammengerafften Geld mehr Geld macht. Gerüchten nach überlegen
sie, in Kanada und im Kaukasus in Skigebiete zu investieren, Berichten
nach versuchten sie zuletzt in Hoch-Oetz mit 260 Millionen Schilling einen
Lift-Zirkus zu errichten (1989), 1991 in Umhausen auf 60 Hektar Bauernwiesen
einen Golfplatz hinzupragsen, 1992 in der Hohen Tatra (Slowakei) ein Skigebiet
auszubauen, 1993 sich groß am Liftprojekt in Imst zu beteiligen und
mit 200 Millionen Schilling eine Schischaukel Kals-Matrei zu realisieren.
Alles gescheitert! Das Geld modert vor sich hin, das Fieber steigt. Fortsetzung
folgt.
Auch bei Kärnten im Winter hat man an Massentourismus
zu denken: Bad Kleinkirchheim, Hermagor, Heiligenblut, Katschberg, Turracher
Höhe, Velden, Villacher Alpe, Naßfeld, Feistritz, Lesachtal,
Obervellach, Mallnitz, Spittal, Weißensee, Dobratsch, Bleiburg, Seeboden,
Innerkrems, Gerlitzen ... Sölden, die Tiroler Gemeinde, in der ich
dies alles schreibe, zählt (im Winter) ziemlich genau halb soviele
Nächtigungen wie das ganze Tourismusland Kärnten (im Winter).
Sie schreien um Hilfe, keine Frage, Nacht für Nacht,
um ein Uhr, um zwei Uhr, um drei Uhr, um vier Uhr, keiner hört sie,
in Kirchberg, in Neustift, in St. Anton (...), krakeelen ihren Schmerz
hinaus, ihre Verzweiflung, jeder hört sie. Sie schlagen Radau
und meinen Alarm. Welches Leid vor unserer Haustüre, und wir drehen
uns auf die andere Seite!
Wer die wirklichen Bergbauernförderer sind? Die Seilbahnunternehmer!
Auf den von ihnen mit Maschinenschnee beschossenen Wiesen haben die Bergbauern
laut Tirol werbung einen bis zu 43 Prozent höheren Heuertrag als auf
den noch nicht mit Maschinenschnee beschossenen Wiesen. (TT, 16.11.91)
"Mit Hilfe der Stubaier Gletscherbahn wurde eine Höhenloipe
auf 2600 Metern erschlossen, die vom Herbst bis ins Frühjahr optimale
Schneebedingungen garantiert. Direkt vom Eissee verlaufen die neuen 4,5
Loipenkilometer in Richtung Wilde Grube, mit einer Umkehrschleife am Ende
des Daunferners." (TT, 16.12.93)
"Eine junge Westendorferin: 'Wenn unsere Generation einmal
das Sagen hat, werden wir wohl viele Lifte wieder abreißen!'"
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Es gibt keine
"andere Form" des Tourismus im Kapitalismus, keinen "sanften Tourismus",
keinen "intelligenten" und keinen "sozialverträglichen Tourismus".
Die Alternative zum Massenauszug ist nicht "sinnvoll reisen", sondern nicht
wegfahren müssen.
Davor: "Es existiert von ihm ein Brief aus dem Jahre 1956,
in dem er sich als Schriftleiter des Alpenvereins vehement gegen die Technisierung
der Berge einsetzt." (a3 eco, 9/90) Er steht auf der Seite der Naturschützer,
die ein Seilbahnprojekt im Rofan verhindern wollen. "Sie müßten",
klagt er damals einem anderen Umweltschützer in einem Schreiben, "über
die Macht des Geldes Bescheid wissen, wir sind immer dem Kapital unterlegen."
Die Flüchtlinge, die überall in unser Land hereindrängen,
sind Opfer der politischen Zustände in ihrer Heimat. "Aber Österreich
ist ein zu kleines Land um alle aufzunehmen!" - "Der Österreicher
hat gewiß ein Herz für Menschen, denen es schlecht geht, die
unter einem unmenschlichen System leiden, aber ...!" - "Davonlaufen ist
keine Lösung!" - "Man muß ihnen helfen, die Lebensverhältnisse
in ihrer Heimat zu verbessern!" - "Dort muß sich etwas ändern!"
- "Die können doch nicht alle herkommen!" - "Wer soll denn die Zustände
dort ändern, wenn die alle abhauen!" "Man muß die positiven
Kräfte in diesen Ländern unterstützen, damit möglichst
viele Leute dort bleiben wollen, wo sie geboren wurden und wo sie ja hingehören!"
Das heißt, die Ursachen, die immer wieder Anlaß geben zur Massenflucht
in unser Land, die mörderischen Lebens- und Arbeitsbedingungen, müssen
nachdrücklich beseitigt werden, in Deutschland, in Holland, in Belgien
usw.
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