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Es ist möglich, daß der Leserin, dem Leser das, was in diesem Heft Darstellung der Gegenwart sein sollte, unter dem lesenden Auge schwubidiwupp zur Beschreibung von Vergangenem wird. Wenn nämlich wahr ist, was der Kurieran einem vollsonnigen Novembertag
mir zutrug - und hat der Kurierje Anlaß gegeben, an ihm zu zweifeln? - , dann
ist schon alles beschlossen und eingerenkt. Auch für Österreich soll es keine
Wurst geben. Völlig überraschend, gewiß, und doch haargenau das, was wir uns
immer gewünscht haben. Die über die Kurier-Doppelseite laufende Schlagzeile
„Demokratie und Rechtsstaat werden zur verpflichtenden Grundlage künftiger
Politik vom Atlantik bis zum Ural“ (22.11.90) ist deutlich genug. Alle Länder
Europas, Deutschland, England, Frankreich wie sie alle heißen, Österreich,
alle, ohne Ausnahme, sollen (laut der von den großen Männern Europas in Paris
mit teuerster Tinte auf teuerstem Papier unterschriebenen 'Europäischen
Charta') Demokratien werden. So wird denn, was hier geschrieben steht, schon bald nur noch von geschichtlichem Interesse sein, auch wenn das Verfallsdatum dieser Wahrheiten noch nicht genau feststeht. Die große Erklärung darüber, daß alle Länder vom Atlantik bis zum Ural Demokratien werden sollen, schweigt sich nämlich aus über das Wann. Möglich daß es an uns liegt.
Auf den nächsten zweiundzwanzig Doppelseiten laufen vier voneinander getrennte, aufs engste zusammengehörende Geschichten nebeneinander her. Jedes Viertel steht für sich und wird doch erst durch die anderen drei zu einem vollen Ganzen. Es hat keine Dings wo du anfängst mit dem Lesen. Du kannst die Häppchen nacheinander oder durcheinander lesen. In welches Eck du auch schaust: Es wird eng! Lies dort, wo du dich am wohlsten fühlst. Diese
Demokratie ist ein Mißbrauch des Wortes Demokratie. Der
Kapitalismus ist die extremste Form menschlichen Zusammenlebens Die
Preislage der Parteien
Wählen ist
beschämend primitiv, von entwürdigender Lächerlichkeit, alt und gestrig. In
nichts, dem was wir wollen, angemessen. In nichts. Eine elende, niedrige,
verrottete, steife Gewohnheit. Jeder
Universitätsprofessor läuft wie ein Trottel zur Wahl. Wählen heißt: seine
Stimme abgeben, seine Ansprüche. Wählen heißt resignieren. Wählen, in dem
Sinne, wie sie wählen sagen, ist Sprachquälerei. Wählen ist (hier)
zustimmen. Ist zustimmen wählen? Uns vorzumachen, wir könnten nur
zwischen vier oder sechs Parteien wählen, ist Manipulation pur! Ganz im
Gegenteil ist wählen etwas zwischen diesem gegängelten, bedrängten
Leben unter dem Kapitalismus und dem wie wir es uns vorstellen, wenn wir uns
trauen. Die Reduzierung auf
diese Stimmzettelwahlen ist schmutzige Propaganda! Auf fix und fertig
vorgegebenem Papier, mit Spalten und Linien vollgedruckt, in dafür
vorgesehenen Kästchen in vorgeschriebene Kreise ein Kreuz kreuzen zu dürfen,
dazu sagt euer Wörterbuch wählen? Wir haben nichts
herzugeben, absolut nichts. Wählen ist ein Ausdruck von Schwäche. Wir können
uns keine leisten. Daß die Mehrheit
nichts zu wollen hat in dieser Zeit, stimmt nicht. Was stimmt: In den Wahlen
kommt sie dem, was sie will, nicht näher. Die Wahlen
sind manipuliert. Eine Werbefirma dreht uns außer der
SPÖ noch Agfa und Tampax an, eine andere außer Möbel-Leiner-Möbeln noch die
ÖVP. Vor einer "Volksabstimmung" in der Schweiz wurde herausgefunden,
daß 70% der Menschen die Vorlage ablehnen würden. Der führende Werbemann
Europas wurde engagiert. Seine Maßnahmen führten dazu, daß 70% der Vorlage
zustimmten. "Gebt mir genügend Geld", sagte dieser Geschäftsmann
einmal, "und ich mache aus einem Sack Kartoffeln einen Minister!"
Eine große politische US-Werbeagentur hat von fünfundsiebzig geführten
Wahlkampagnen siebzig gewonnen. Die Chefin dieses Unternehmens auf die Frage,
ob sie ihren Rekord auch erreicht haben würde, wenn sie für die andere Seite
gearbeitet hätte: "Ich bin überzeugt, wir hätten fast jede davon
gewonnen." Die Werbemittel, mit
denen auf uns losgegangen wird, wurden bereits gegen andere eingesetzt. Die
deutsche Werbeagentur Mannstein hat (nicht nur) den ÖVP-Affen aus einer
CDU-Kampagne mitgebracht, und die französische Werbeagentur von Jacques
Seguela hat mit dem Trick Vranitzky bereits in Frankreich Erfolg
gehabt. Dort kam kürzlich auf, daß ein französischer SP-Minister lauter
gekaufte Leute (ca. 700 Schilling pro Kopf) in einer groß aufgezogenen
Parteiveranstaltung sitzen hatte (Kurier, 6.7.90). Und auch bei
Vranitzkys großer Stadthallen-Show (11.9.90) ging der Trug bis ins
Detail: "Da laufen (von vier Seiten) auch schon 100 Kinder auf Vranitzky
zu", hieß es im Regie-Papier des Wahlkampfmanagers. Und: "Aus dem
Publikum werden Vranitzky unzählige Blumensträuße überreicht." Die FPÖ fragt nicht
die Bevölkerung, sondern läßt eine Agentur ihre Kandidaten aussuchen. Riegler
hat nach der Wahl eine Schweizer Management-Firma eingeschaltet statt jetzt,
endlich jetzt, die Parteibasis einzuschalten. Die Wahlen sind
manipuliert. Weil die Wähler manipuliert sind. Trotz allen Aufwands,
trotz aller Maßnahmen gegen den Wählerschwund (Wahlpflicht, fliegende
Wahlkommissionen, Verlängerung der Öffnungszeiten der Wahllokale, Festsetzung
der Wahlen auf Herbst- oder Frühjahrssonntage, Senkung des Wahlalters,
Wahlrecht für Auslands-Österreicher usw.), trotz großangelegter
Wählermanipulation weitet sich der Wählerstreik massiv aus. Da nutzt auch
die Hatz auf Nichtwähler nicht mehr, etwa wenn die FPÖ, ausgerechnet die
Partei des Messerwetzers!, wie 1989 in Tirol, mit der Parole "Sie sind
Demokrat. Wählen Sie." zu schrecken versucht. Wird einerseits über die
Medien das Nichtwählen verbal verfolgt - "bedenklich" (TT),
"schlimm" (Presse), "bestürzend" (Kurier),
"nicht im Sinne einer funktionierenden Demokratie" (Industrie),
"ein Armutszeugnis für unsere Demokratie" (Krone), so tut
man dort andererseits alles, um mit knalligen Aufmachern, bunten Serien und
Gewinnspielen zum Gang ins Wahllokal zu bewegen. Um nur einen Blick auf die
Massenblätter des Krone-Kurier-WAZ-Konzerns zu werfen: Was dem Profil
sein "profil-Wahltoto", ist dem Trend sein
"trend-Wahl-Lotto". Und was der Kurier durch Beigabe von
Schnapser-Spielkarten mit Politiker-Karikaturen an Interesse keilen will
("Mischen Sie mit!"), versucht die Krone mit einer
"Wahl-Wette 90" ("Gewinnen Sie ein Abgeordnetengehalt für ein
ganzes Jahr - 1 Million brutto") noch zu überbieten. Während der Kurier
mit einer großangelegten Serie schon viele Wochen vor der Wahl sich abmüht,
eine spannende Entscheidung vorzutäuschen ("So wählt Österreich - ...
und wie wählen Sie?"), wirft sich die Krone mit einem
Extra-Aufmacher am Wahltag ("Wahl der Rekorde") nocheinmal extrem
ins Zeug, um den Niedergang der Wahlbeteiligung etwas zu bremsen. Der
VP-Generalsekretär K. vor der Wahl: "Der Wahlkampf verspricht ein spannendes,
nach wie vor offenes Rennen zu werden." (TT, 7.9.90) Der
VP-Generalsekretär K. nach der Wahl: "Ich hätte ja schlecht sagen
können, daß wir keine Chance haben." (Salzburger Nachrichten,
22.11.90) Aber es nutzt alles
nix. Mehr als 1,2 Millionen Österreicherinnen und Österreicher haben bei der
NR-Wahl 1990 nicht gewählt. Nichtwählen heißt, nicht akzeptieren, daß die
wichtigsten Entscheidungen gar nicht zur Wahl stehen. Nichtwählen ist ein
Zeichen von politischer Reife, nicht - wie die Zeitungen höhnen - von
politischer Unreife. 70.000 Tirolerinnen und Tiroler haben der Wahl, die von
oben her angesetzt worden ist, zuletzt ihre Anerkennung verweigert, durch
Fernbleiben oder durch einen Strich durch die Rechnung. In Innsbruck ist die
Zahl der Streiker größer als die Zahl der ÖVP- oder SPÖ-Wähler! Auch in
Salzburg! Auch in Wien! Dort hat die zuständige Magistratsabteilung noch in
teuren Zeitungsinseraten Druck auszuüben versucht: "Selber
Entscheidungen treffen, statt andere für sich entscheiden lassen. Das ist das
Wesen der Demokratie. Zum Glück haben wir eine und können uns frei
entscheiden." Diese Anspielung auf
Länder ohne kapitalistische Demokratie, jahrzehntelang Parade-Argument jeder
Verteidigung der hiesigen Wahltheater, verstehen wir und wollen daher einen
Seitenblick auf das neue Glück in den neukapitalistischen osteuropäischen
Staaten werfen. Beispiel DDR:
Im März 1990 bei der Volkskammerwahl wählten noch 93 Prozent, im Mai bei den
Gemeindewahlen waren es noch 75 Prozent, und im Oktober bei den
Landtagswahlen nur noch 70 Prozent. Beispiel
Polen: An der ersten Runde der sog. ersten freien
Präsidentenwahlen 1990 beteiligten sich 60 Prozent der Bevölkerung, bei der
Stichwahl waren es 53 Prozent. Zu den ersten freien Wahlen auf Gemeindeebene
im Mai des Vorjahres gingen ganze 42 Prozent hin. Beispiel
Ungarn: "Nur wenige Autostunden von uns
entfernt", hat die Österreichische Industrie-Zeitung einmal
geschrieben, "würden hunderttausende Menschen liebend gerne sogar auf
Knien zu einer freien, geheimen und demokratischen Abstimmung gehen." (April
1979) Wirklich? Zur sog. ersten freien Wahl zur Nationalversammlung
gingen beim ersten Durchgang im März des Vorjahres 35 Prozent nicht
hin, beim zweiten im April 55 Prozent nicht. Bei den sog. ersten
freien landesweiten Gemeindewahlen (September 1990) war die Wahlverweigerung
mit durchschnittlich 64 Prozent zum Teil so hoch, daß eine Wiederholungswahl
angesetzt werden mußte, zu der dann (Oktober 1990) mehr als 70 Prozent nicht
hingingen. Die Parteien im Osten,
mit der Hilfe westlicher Parteien gegründet, voran die mit Westkapital
ausgehaltenen Regierungen (Antall, Mazowiecki/Bielecki, Calfa u.a.m.) sind
allesamt ganz schnell durchgesaust. Und trotzdem sind sie durch Wahlen nicht
mehr wegzubringen. In Rumänien wurde im
Winter 1989/90 eine Clique durch eine andere abgelöst. Da die Mächtigen sehr
schnell erkannt haben, daß die im Kapitalismus gehandelte Art von Demokratie
kein Mittel ist, mit einem verhaßten System abzufahren, gab die Nationale
Front im Mai Wahlen (USA: "Nach unserer Ansicht war es eine ordentliche
Wahl."), bei denen sie "bestätigt" wurde. Für das Volk hat
sich nichts geändert. So haben sich auch
in Österreich im Machtvakuum nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus
Parteien an die Spitze gesetzt, die durch keine Wahl mehr wegzubringen sind.
Werden die Menschen in Osteuropa mit Sprüchen vom goldenen Kapitalismus zu
ködern versucht, so haben sie seinerzeit die Österreicherinnen und
Österreicher nach dem Erleiden von dessen schlimmster Ausgeburt, dem
Faschismus, mit Verheißungen einer neuen humaneren gesellschaftlichen Ordnung
kassiert. Renner (SPÖ): "Daß die Zukunft des Landes dem Sozialismus
gehört, ist unfraglich und bedarf keiner Betonung." (15.4.45) Figl:
"Das Österreich von morgen wird ein neues, ein revolutionäres Österreich
sein." (21.4.45) Wahlen
bewirken nichts. Die Konsum-Kassierin: Kann sie
wählen? Kann sie mehr Lohn wählen? Wenigerverschleißende Arbeit? Eine
billigere Garconniere? (Oder nur, wer zwischen halb acht und zehn vor acht
öfter aus dem Fernseher herausschaut?) In den Negerländern sind Wahlen -
sagen sie - oft nur eine Farce. Was sind sie bei uns? Wir können wählen, aber
wir können nichts entscheiden. Das schwer erkämpfte Wahlrecht für die Frauen
zeigt, daß sich damit an der Minderwertigkeit der Frau im Kapitalismus nichts
geändert hat. Für 51 Prozent Frauen sitzen acht Prozent Frauen im Parlament.
Nicht im Iran, in Österreich! Die Mehrheit der Frauen will nicht Kuli bleiben
und hat doch keine Möglichkeit, das durch Wahlen zu ändern. Wir können wählen,
aber wir können uns nicht gegen den in Tirol ausgetragenen internationalen
Verkehrs-Krieg entscheiden. Wir können wählen, aber wir können uns nicht
gegen die Zertrümmerung der Neutralität entscheiden. Wir können uns nicht
gegen den Ausverkauf von Grund und Boden und von Handels- und
Industriebetrieben entscheiden, aber wir können wählen. Wir können uns nicht
gegen die Wirtschaftsdiktatur entscheiden, aber wir können wählen. (Wählen
ist halt doch das falsche Wort.) Das allgemeine Stimmrecht ist im heutigen
Staat nicht imstande, den Willen der Mehrheit zum Ausdruck zu bringen oder
gar durchzusetzen. 72 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher (Fessel/Ifes
1989) sehen das ganz klar: "Leute wie ich haben keinen Einfluß auf
das, was die Regierung tut." (Profil, 27.8.90) Auf das, was
"die gewählte Regierung" tut. Wahlen sind
nicht der Weg zu einer besseren Welt. Trotzdem wählen wir.
Immer wieder. Verhalten uns wie abgerichtete Zirkustiere. Warum? Weil wir uns
unsere Machtlosigkeit nicht eingestehen wollen. Weil wir dazu erzogen sind.
Weil wir immer schon gewählt haben. Weil alle wählen. Weil es auch nix nutzt,
nicht zu wählen. Weil die Medien antreiben. Weil es Pflicht ist. Weil man ja
auch sonst nix zu wollen hat. Entscheidungen
fallen woanders. Nie wird ein Abgeordneter eingestehen,
daß er nichts zu melden hat. Er würde sich damit um seinen Posten reden.
Aber: Wo wir wählen, fallen keine Entscheidungen. Im Parlament. Und: Wo
entschieden wird, wählen wir nicht. Oberhalb. Die österreichische
Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit gegen den Anschluss an die EG ist,
hat ein Parlament gewählt, das eine Entscheidung für diesen Anschluß,
die außerhalb des Parlaments getroffen worden ist, mit 95-Prozent-Mehrheit
sanktioniert hat. "Demokratie" ist ein Wort aus einem Werbespot. (s.
Demokratie) In Österreich
herrscht ja nicht deswegen die Industriellenvereinigung, weil so eine
Regierung im Amt ist, sondern so eine Regierung ist im Amt, weil die
Industriellenvereinigung herrscht. Die ÖVP hatte nach der jüngsten
Wahl-Abfuhr nicht den Hauch einer Chance nicht in die sogenannte Große
Koalition zu gehen. Industriellenvereinigung und Bundeswirtschaftskammer
wiesen ihr den Weg. Dieses Beispiel zeigt die Ohnmacht der Wähler, der
Parteien - und die Dominanz des Kapitals. (Die Firma Henkel in Düsseldorf hat
viel mehr zu sagen in Österreich als die zehntausend Leser dieses
FOEHN-Heftes zusammengenommen, obwohl sie bei den Wahlen keine Stimme hat.)
Die, die eine Stimmzettel-Stimme haben, haben nichts zu sagen. Die das Sagen
haben, brauchen keine solche Stimme. Vom deutschen Kanzler Adenauer stammt
das treffende Wort: "Bevor wir etwas für die Wirtschaft tun können,
müssen uns die Arbeiter erst einmal wählen." (Wirtschaftswoche,
2.7.71) Das heißt, die
Wähler sind dazu da, das, was fürs Kapital getan werden muß, zu legitimieren. Wer wählt,
macht sich schuldig. Wer wählt, anerkennt das als
Demokratie, das als Wählen. Hingehn wählen, gleich was, heißt ja sagen
zu diesem Wahlsystem und den staatlichen Institutionen. Heißt dem Bluff
zustimmen gehn und noch dankesagen gehn fürs Bescheißen. Wenn wir wählen,
wählen wir überhaupt nix, sondern bestätigen was ist. Das System, unter dem wir
leiden (siehe Kapitalismus). Geben wir unsere Zustimmung zum
Weitermachen. Transit-Opfer
wählen, wenn sie wählen, Transitzuwächse, Frauen, wenn sie wählen, wählen
Unterdrückung, Tierversuchsgegner, die wählen, wählen Tierversuche, wählende
Anti-Rassisten wählen Ausländerbekämpfung. Hier wählen heißt doch,
einverstanden zu sein mit Wohnen als Ware, mit Gesundheit als Ware, mit
Arbeitskraft als Ware. Wahlgänge dieser Art sind dazu da, anderswo und vor
uns getroffene Entscheidungen durch uns gutheißen zu lassen. Aber wir können der
Regierung nicht dienen dabei, noch mehr Verkehr durch unser Land zu
schleußen, die Souveränität unserer Heimat um die Ecke zu bringen, noch mehr
Gift in die Natur zu kippen, zu schütten, zu blasen. Wählen, egal was,
hieße die Mitverantwortung für die in den Industrie-Hauptquartieren in Wien
und Bonn und Brüssel vorgegebene Politik zu übernehmen. Für eine, die allein
in Österreich achthunderttausend Arme produziert, die jetzt auch noch zur
Ausplünderung Osteuropas eilt, die zigtausend unserer Bauern den Garaus
macht. Wir würden ja,
hätten wir zu wählen, nicht zulassen, z.B. daß am Tiroler Inn zwölf neue
Kraftwerke gebaut werden, z.B. daß tausende Ausländer mitten in Österreich
wie Viecher gehalten werden, z.B. daß Menschen am Atmen sterben. Und doch hat
nicht das Parlament diese Verbrechen zu verantworten, sondern wir: wenn wir
wählen. Der wirkliche
Zweck der Wahlen: Sind Wahlen, wie sie sagen, in den
Diktaturen eine Farce, so sind sie in unserer kapitalistischen Demokratie eine
blutige Notwendigkeit. Die Wahlzeiten dienen dazu, die wahren
Machtverhältnisse immer wieder frisch zu tarnen, die
Administrationsebene/Regierungsebene als Entscheidungsebene darzustellen.
Weil die tatsächliche Politik den Glauben an eine Volksregierung täglich
Lügen straft (s. 19.30 FS 1 und FS 2), sind immer wiederkehrende
Wahlinszenierungen so zwingend. Die
hundertemillionenteuren Schauspiele haben nicht den Zweck, vier oder sechs
oder zehn Mandate einer Partei wegzunehmen und einer anderen dazuzugeben,
sondern den, die Illusion der Bevölkerung, eine Demokratie zu haben, neu
anzufachen. Wahlkämpfe dienen
dazu, die Regierten aufzuspalten, Gruppen gegeneinander auszuspielen, ihre
Solidarität gegenüber den Herrschenden zu zerschlagen, Widersprüche zuzudecken:
Daniel Swarovski und sein letzter Schleifstaubschlucker haben je eine Stimme.
Klassengegensätze werden in Parteienzank umgeleitet. Den Besitzenden und den
Habenichts, die eben noch eine Welt getrennt hat, trennt nun nur noch die
Hinneigung des einen zu Vranitzky und des anderen zu Riegler. Die gegen uns
aufgebotenen Parteien streiten sich zu diesem Zwecke im Schutze ihrer
Immunität vorzüglich, heißen einander "Taschlzieher",
"Gauner", "Lügner", gar "kriminell". (Uns
stockt fast der Atem vor soviel Unversöhnlichkeit.) Ein Wahlkampf
ist ein Kampf gegen den Wähler. Es gilt, seine in
vier Jahren gewonnene Einsicht zu trüben, ihn hinsichtlich seiner
Möglichkeiten zu desorientieren, ihn von Konsequenzen abzuhalten. Wahlen sind
das Einschreiten dagegen, daß die Menschen ihren Interessen selbst
nachkommen. (Hier liegt die machterhaltende Funktion der
Naturschützer-Partei.) Wahlen dienen der Abwehr der Eigeninitiative. Wahlen
sollen Verwirrung stiften, den Blick auf den Ausweg verstellen. Die am Gift
der Lastwagenkolonnen Erstickenden von der Straße zurückholen. Die Wahlen
sind daher mit 500 Millionen Schilling nicht zu teuer. Wahlen sind gerade das
Mittel, das Volk von der Politik fernzuhalten. Hier von einem Wahlrecht zu
sprechen, ist möglicherweise in gewisser Hinsicht vielleicht ein bißchen
durchtrieben. Der ganze
(finanzielle, mediale, personelle) Wahl-Einsatz hat die Aufgabe, das bei dir
und mir schnell entstehende Gefühl, nichts zu melden zu haben oder gar die
Bildung des schon politischen Bewußtseins, sich damit nicht mehr
abzufinden zu müssen, immer wieder abzuwürgen. Alle paar Jahre wieder auf
Null zu bringen. Die Wahlen sind nicht dazu da, politisches Engagement zu
entfachen, sondern es auszulöschen. Die Mobilisierung, zu der alle Medien
trommeln, ist eine Demobilisierung. Die betriebene Aktivierung des Wählers
ist nur auf das Zustimmen, auf Machtdelegation gerichtet - Nichtwähler und
Ungültigwähler sind sozusagen das Wasser, das bei dieser Prozedur verschüttet
geht -, der dann auch der Rückfall des Wählers am Tag nach der Wahl in
Apathie folgen soll. Wenn die Wahl-Ware wie eine Konsum-Ware angeboten wird,
ist das die Einladung, die Politik zu konsumieren, Objekt des Geschehens zu
sein. Wahlen haben die dringende Funktion, die Menschen, die sich aus der
Rolle des Objekts der Politik herausarbeiten, wieder in diese zurückzustoßen.
Fünfhundert Millionen sind dafür kein zu hoher Preis. Die Wahl ist eine
einfache Erfindung nach dem Prinzip Finger in den Mund stecken, mit
deren Hilfe die Menschen um ihre politische Angefressenheit erleichtert
werden. Der Wahlkampf selber dient der Massierung jener Körperregion, wo die
Frustrationen sitzen. Damit der Schuß aber nicht nach hinten losgeht, hat der
Wahlkampf die wachgekitzelten gegen die Mächtigen gerichteten Emotionen so zu
lenken, daß sie von der Macht vereinnahmt und sogar gegen die Ohnmächtigsten
gekehrt werden können: Die Umpolung der Aggressionen gegen oben in solche
z.B. gegen Ausländer findet in jedem Wahlkampf statt. Von unten
hinaufwählen! Es ist trottelhaft in ein Meer seinen
Tropfen zu tropfen und darauf zu warten, daß es sich verfärbt. Reden wir von
später: Die Tiroler Bauern sind alle miteinander gegen den sie vernichtenden
EG-Einschluß Österreichs. Der Wahlkampf verführt sie dazu, einen ganz oben
zu wählen, dem es nicht um ihre Interessen zu tun ist, statt immer nur einen
unter sich auszusuchen, der ihre Entscheidung vertritt. Es wäre ja so
einfach: Von unten hinaufwählen! Kleine Einheiten wählen sich eine
Vertreterin, einen Vertreter, diese Vertreterinnen und Vertreter der kleinen
Einheiten wählen unter sich wieder eine Vertreterin, einen Vertreter ... und
so fort. Bis die letzten zehn Vertreterinnen und Vertreter, wenn es das
braucht, eine Landesvertreterin, einen Landesvertreter wählen. Immer nur aus
dem eigenen Kreis wählen, nie einen Stellvertreter woanders her (wie heute,
wie pervers: einen aus der ÖVP, einen aus der SPÖ!). Unsere, entschuldigen
Sie hier den Ausdruck, Demokratie ist mit Berechnung so angelegt, daß der
Wille der Basis immer ausgedrückt wird im Sinne von ausgemerzt.
Wenn die Menschen in ihrem engsten Bereich selbst entscheiden können, geht es
vielen Problemen bevor sie groß werden an den Kragen. Z.B. die Schönberger
und die Vomper entscheiden sich gegen den EG-Schwerlasterverkehr durch ihre
Dörfer, "Jawohl, das ist die Mehrheit!", und sind ihn damit los.
Aber hier heißt das Demokratie, wenn sie sich zwischen Riegler und
Vranitzky entscheiden. Wahlen haben zu
verhindern, daß Menschen mit ihren hautnahen Bedürfnissen durchkommen, sie
werden alle zusammengeworfen und dann verarscht in einer Politik entfremdeter
Interessen. (Als rührte der jahrelange Lucona-Schaukampf an unsere wirklichen
Bedürfnisse! Zum Beispiel.) Die Sache, die hier
gelöst werden kann, muß hier gelöst werden: im Wohnblock, in der
Straße, im Ortsteil, im Dorf usw. Wir brauchen keine fernen Politiker
anzustellen! Der Schuldirektor, die Schuldirektorin, wenn es solche braucht,
werden in der Schule gewählt. Die Entscheidungen, die die Gruppe betreffen,
werden in dieser Gruppe gefällt, die die Abteilung betreffen, in der
Abteilung, die den Betrieb betreffen, im Betrieb, nirgends sonst. Die
Wohnstraße ist nur im Viertel, nicht im Stadtgemeinderat, wo andere
Interessen dominieren, durchzusetzen. (Warum sollen wir, denen hier Wohnungen
fehlen, uns auseinanderspalten lassen in eher Voggenhuber-Wähler und eher
Dimpflhuber-Wähler!) Was uns angeht,
entscheiden wir selbst. Den Standpunkt unseres Ortsteils vertritt der Helmut,
nicht ein angedienerter Parteidiener Lanner oder Müller. Wer als Vertreter
unserer Haltung seiner Aufgabe nicht nachkommt, ist schon nicht mehr unser
Vertreter. Es ist jeden Tag kontrollierbar, wie unsere Interessen durchgesetzt
werden. Jeden Tag kann Neuwahl sein, jeden Tag Abwahl. (Was böte uns eine
nicht im Dienste unserer Beherrschung stehende Technik für großartige
Formen, zu jeder Stunde wirklich demokratische Entscheidungen, das ganze Land
betreffend, zu finden! Welches Niveau von Demokratie wäre - etwa über ein
empfänger- und senderfähiges Fernsehen - möglich, wenn diese Apparatur nicht
in den Fängen jener wäre, die mit allen Mitteln Demokratie verhindern! Mit
Licht-Test, mit Telefonanruf schon könnte über wichtige Fragen (EG-Anschluß,
Neutralität usw.) abgestimmt werden. Eingesetzt wird dieses Mittel dafür, uns
am Samstagabend darüber befinden zu lassen, ob in der TV-Show der Charles
Aznavour-Nachäffer den Charles Aznavour oder die Gitte-Nachäfferin die Gitte
besser nachgeäfft hat.)
Wer Volksvertretung zum Nationalrat sagt, hat noch
Probleme mit seiner Sprache. Das Parlament in Wien, der Landtag in Innsbruck:
das ist alles Unfug, hat mit uns nichts zu tun, ist milliardenteurer Bluff.
Betrug an uns, den wir selbst bezahlen (s. Parteien). Die leeren Parlamentarierbänke haben wir
(überhaupt) nicht zu kritisieren. Das Fehlen bei den Sitzungen ist gerade die
Kritik der Parlamentarier an ihrem Amt. Wenn ein deutscher Abgeordneter den
Bundestag aus seiner Kenntnis als "unglaubliche Alkoholikerversammlung,
die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt" (Profil, 30.5.83),
bezeichnet, so wollen wir darüber nicht spotten. Wer selbst gesehen hat, wie
im Tiroler Landtag nicht nur Die ganze Woche von Abgeordnetenbank zu
Abgeordnetenbank geht, sondern wie sich dort Hinterbänkler über Köpfe hinweg
Zuckerln zuwerfen, der wird das als unmittelbare Reaktion auf die ihnen
bewußt gewordene Deplaziertheit nehmen. (Jeder, der das gesehen hat, weiß,
daß dort keine Entscheidung fällt.) Mögen sich die Zeitungsschreiber des
großen Geldes entrüsten über einen mager besetzten Plenarsaal, über
schlafende Abgeordnete und lesende: Ihnen ist der schöne Schein was wert, uns
gilt er rein gar nix. Noch Tropf Nr. 183 weiß vor Betreten des Saales, ob er
für oder gegen das zu beschließende Gesetz zu stimmen hat. Die halbtägigen
Spiegelfechtereien sind reine Fernseh-Inszenierungen. Dutzende Argumente
dafür und Dutzende dagegen, die niemanden interessieren. Die nur Maske sind. Das ist nur für die Fernsehsendung: Wie die
Fernsehfamilie in Wirklichkeit keine richtige Familie ist, ist auch die
Volksvertretung in Wirklichkeit keine richtige Volksvertretung. Da gehts
stundenlang um Dinge, die (z.B. Nachtfahrverbot, z.B. Dorfertalkraftwerk)
schon viel weiter unten (Vomp, Kals) entschieden werden könnten und um
wichtige Dinge nicht, die schon viel weiter oben entschieden worden sind. Das Parlament ist nicht sinnlos. Auch wenn das "Hohe
Haus" nicht den Zweck erfüllt, unsere Interessen durchzusetzen, so
erfüllt es einen genauso wichtigen Zweck: unsere Ansprüche an den Staat hier
abzufangen, Anfragen daraus zu machen und Anträge. Der Nationalrat ist kein
umgekehrter Trichter, der von unten nach oben leitet, das ist nicht seine
Aufgabe, sondern ein Sack, der alles zurückhält. Viel eher sind die 183
Abgeordneten dazu da, von oben nach unten zu vermitteln, nämlich die oben
beschlossene Politik, einer Gießkanne mit 183 Löchern gleich, unter die Leute
zu bringen. Mit Bedeutung aufgefettet wird das Hohe Haus auch
dadurch, daß dort in super color mitunter auch wirklich Mächtige zu sehen
sind. Der Anblick des Konzernherrn Taus etwa läßt das schon beinahe
mitleiderregende Gefühl entstehen, daß auch er sich in ein
Abgeordnetenbänklein zwängen muß und gegen die 182 sich nicht wird erwehren
können. Die sichtbare Anwesenheit von ein paar Mächtigen
(Wirtschaftsbund-Boß, Bundeswirtschaftskammer-Boß, Gewerkschaftsbund-Boß
usw.) im Sitzungssaal des Nationalrates heißt nicht, daß hier der Ort ihres
Wirkens ist, sondern soll das nur glauben machen. An sich hätte ein Taus -
wie die abwesenden, trinkenden, lesenden, schlafenden, schäkernden
Abgeordneten auch - Besseres zu tun. Aber wenn ein paar dieser Mächtigen dann
außerhalb wirklich Politik machen, genießen sie auch dabei noch das Ansehen
von ja gewählten Parlamentariern. Trotzdem er dort absolut nichts erreichen kann,
bläst nichts den Landtagsabgeordneten Lintner oder Bußjäger mehr auf als das
Sitzen im Hohen Haus. Die wirklich "unseren" Staat in den Händen
haben, spielen ein leichtes Spiel mit der Eitelkeit der Abgeordneten. Um die vierzigtausend S gehts auch, ja. Aber
zuerst um die Ruhmsucht, die hier befriedigt wird. Ein verbrecherisches Bundesverfassungsgesetz - "Die Mitglieder des Nationalrates und die Mitglieder des Bundesrates sind bei der Ausübung dieses Berufes an keinen Auftrag gebunden." (Art. 56) - entläßt die Abgeordneten nach der Wahl vollständig aus der Verantwortung gegen die Wähler. Der Vergleich mit einer Demokratie ist weit hergeholt: Aber dort würden nicht die privaten Ansichten der Mandatare oder die ihnen nahegelegten, sondern die Interessen derer, die sie gewählt haben, zählen. (In ein Gewissen, das ist der Vorteil, läßt sich mit allerhand eingreifen: mit Pöstchen und Ämtchen und Sümmchen z.B., in eine Verantwortung mit nichts!) Es gleicht der
Volksvertreter dem, sagen wir, Krawattenvertreter, der ja Krawatten auch
weniger vertritt als verkauft. Noch eins drauf: Über
die Arbeit in den Ausschüssen, wo die Gesetze zustimmungsfertig gemacht
werden, haben sich die Abgeordneten Verschwiegenheitspflicht den Regierten
gegenüber auferlegt. Auch hier ist die Fraktion der Naturschützer
einverstanden. Ja, warum sollte sie es, die es überall ist, denn hier nicht
sein? Hampelmandatare. Einhundertelf
von einhundertdreiundachtzig solcher ungebundener Parlaments-Fuzzis sind
"im weitesten Sinne Beamte und Funktionäre von Gewerkschaften und
Arbeiterkammern, Angestellte in Sozialversicherungsanstalten" (Profil,
22.12.86) jeder Fraktionsfarbe. Dazu gesellen sich reihenweise
Partei-Angestellte und Handelskammervertreter und sogenannte
Bauernfunktionäre. Was hat ein Arbeiter gewählt, wenn er gewählt hat? Einen
Arbeiterkammerfuzzi oder einen Versicherungsdirektor. Ein Bauer, der gewählt
hat, hat einen Genossenschaftsvize gewählt. Dreitausend
Swarovski-Lohnarbeiter, die weit über 100 Millionen Schilling an Lohnsteuer
im Jahr zahlen, haben natürlich keinen "Vertreter" im Landtag. Die
Familie Swarovski, die Milliarden Schilling an Profiten ins Ausland
verschiebt, hat natürlich ihren direkten Vertreter im Landtag. Demokratie und
so - das läßt sich doch heute alles nicht mehr glauben. Für 10.000 kleine
Zimmervermieterinnen räkelt sich ein handelskämmernder Hotelier auf dem
Landtagssitz. 10.000 Arbeiter haben dort einen SPÖ-Fuzzi sitzen. Für 10.000
Bergbauern lümmelt ein Raiffeisen-Funktionär im Hohen Haus. Für nocheinmal
10.000 Bergbauern noch ein Raiffeisen-Funktionär. Neunzig Prozent der
österreichischen Bauern sind entschieden gegen die Auslieferung Österreichs
an die EG. Hundert Prozent ihrer, verzeihen Sie dasWort, Vertreter haben im
Parlament für diese Auslieferung gestimmt. Es sitzt kein Vertreter der
Durchschnittsverdiener im Nationalrat. Die Mehrheit der Arbeiter und
Angestellten, die ja an diesen statistischen Durchschnitt nicht herankommt,
hat hier nichts zu wollen. Denn jeder Abgeordnete, der wie auch immer ins
Parlament hineinkommt, wird verordnetermaßen schon mit dem allerersten Gehalt
über die Mehrheit seiner Wähler gestellt (und ist damit als ihr Vertreter
todsicher aus dem Rennen). Das hat seinen tiefen Sinn. Den Zeitungen des
Großen Geldes, die pausenlos sagen, Politiker müßten mehr verdienen, damit es
möglich sei, Manager in die Politik zu bringen, antworten, daß wir dort keine
Manager wollen, sondern Volksvertreter, ist müßig. Die kapitalistische Demokratie beruht auf einigen
wenigen nobelpreiswürdigen Erfindungen. Eine solche ist: Das Parlament
hat die Gesetze, denen es zustimmt, nicht auszuführen. Dafür ist eine (von
uns) unabhängige Staatsmaschine zuständig, die nicht einmal zum Schein
gewählt ist. Diese "Gewaltenteilung" wird uns natürlich, denen auch
Whisky als Glücksmittel verkauft wird, als Schutz gegen politische Willkür
verkauft und ist doch Schutz gegen jeden Einfluß des Volkes. Ein Apparat aus
sechs- oder siebenhunderttausend Staats-Soldaten verwaltet dieses
unabwählbare System. Eine Beamtenschaft, wie sie bereits die Stütze des
Kaisers war. Richter und Staatsanwalt, Polizeioberst und
Bundesheeroberst, Senatsrat und Oberrat, Hofrat und Ministerialrat,
Magistratsdirektor, Bezirkshauptmann, Minister werden von oben herunter
ernannt. (Der Feuerwehrhauptmann in der 200-Seelen-Gemeinde wird gewählt, der
Bezirkshauptmann nicht. Jeder Briefmarkenzüchterverein bestimmt sich seinen
Vorsitzenden, aber den Armeechef bekommen wir übergezogen.) Was ist ein
kleiner Angeklagter vor einem Staatsanwalt, was ein einfacher Wehrmann vor
einem vollgekeksten Offizier, was ein ängstlicher Bittsteller vor einem
Landhaushofrat? D-e-m-o-k-r-a-t-i-e ? Das Volk mag, wenn es noch
wählen will, ins Parlament wählen, wen es will: Die ganze Staatsmaschine
bleibt davon unberührt. Es erwartet kein Mensch, daß
ein Auto durch Austausch einer Sitzbank ein anderes wird. Ein Staat soll sich
durch die Auswechslung einer Regierungsbank verändern? Der Staat ist dazu da, um das Unrecht zu
verwalten.
Daß Frauen wie der vorletzte Dreck behandelt werden können. Daß Ausländer
fast wie Tiere gehalten werden können. Daß 15.000 Millionäre in Österreich
unbehelligt neben achthunderttausend Armen leben können. Da ist Staat
nötig, verdammt viel Staat. Vor wir in die Welt kommen, ist der Staat schon
da, und wir haben uns dem zu untergeben. (Mit dem Wählen wird daran nicht
einmal genaggelt.) Nicht können wir uns eine Ordnung schaffen, die uns
richtig erscheint. Noch die als Fortschritt gepriesene Politische Bildung in
den Schulen ist dazu da, uns in unsere Pflichten einzuweisen. Frage: Wem dient der Staat? Antwort: Denen, die
das herrschende Unrecht aufrechterhalten wollen. Der moderne Staat ist das
Werkzeug des Kapitals d.h. derer, die es besitzen, zur Ausbeutung und
Niederhaltung der Massen. Diese Demokratie ist so, daß die Lohnarbeiter bei
aller Demokratie die Lohnarbeit nie abschaffen können. Die Zeitungen werden mit der genauen Umkehrung auf
uns losgeschickt: "Die Regierung hat", was weiß ich, "die
38-Stunden-Woche durchgesetzt". In Wahrheit hat das Kapital immer noch
durchgesetzt, daß - in völliger Unfreiheit - , um auf dieser Erde, die allen
gehörte, leben zu können, für dieses gearbeitet werden muß! "Das Parlament hat erreicht, daß der",
von mir aus, "Schwefelgehalt im Industriedreck nicht mehr als
soundsoviel mg/m3 betragen darf." In Wahrheit hat das an uns
schmarotzende Industriekapital immer noch durchgesetzt, daß es Luft und
Wasser und Böden und Menschen vergiften darf. Kapitalismus bedeutet Staat, anders sind die Ungleichheiten, aus
denen er seinen Profit zieht, nicht aufrechtzuerhalten. Der Forderung Mehr
Markt, die sich in Wahlkämpfen mit dem Versprechen von Weniger Staat
paart, ist natürlich nur durch mehr Staat nachzukommen. Das heißt: neue
Gesetze Sitzung für Sitzung. Der Staat muß durch Aufstockung von Exekutive
und Beamtenschaft dieses Mehr an Kapitalismus absichern, uns mit immer mehr
Politischer Polizei (Stapo) und Justiz und Bundesheer und Bürokratie davon
abhalten, unsere Interessen zu vertreten. Staat bedeutet leider nicht
Gleichheit, sondern Verhinderung von Gleichheit. Gegensätze zwischen Oben und Unten, zwischen
solchen, die nur Hände und solchen, die ganze Fabriken haben, machen einen
Staat unumgänglich. Umgekehrt ist ein starker Staat das Eingeständnis, daß diese
Gesellschaft gespalten ist. Wenn es morgen früh keinen Staat mehr gäbe, würden
die Arbeiter nicht dem Plansee-Clan die Arbeit machen, sondern die Einnahmen
an sich nehmen, würden die Wipptaler nicht den Dreck fressen, sondern die
Autobahn absperren. Siehst Du, er ist teuflisch notwendig, der Staat. Man beobachtet es am Werden der EG: Als erstes
formierten sich die Monopole. Zu ihrem Schutze schaffen sie sich einen Staat
mit allem Drum und Dran, Legionen von Beamten, Sicherheitseinheiten und einer
Armee. Und dann leisten sie sich vielleicht noch einmal ein richtiges
Parlament mit richtigen Parlamentsbänken und richtigen Debatten und einer
richtigen EG-Regierung. Der Staat braucht Grüne. Um den vorn und hinten
lädierten Glauben an die kapitalistische Demokratie zu stärken, hat sich und
wurde die Naturschützer-Partei ins Zeug geworfen. Die ihr zugedachte Rolle,
die Illusion über die Einrichtung des Nationalrates zu festigen, die sich
Abwendenden aufs Neueste zu täuschen, spielt sie mit ehrlicher Hingabe, wenn
auch mäßigem Erfolg. Es ist das historische Verdienst der Sozialistischen
Partei, den Aberglauben an das Parlament in die Arbeiterschaft hineingetragen
zu haben, ihr vorgemacht zu haben, was jene draußen erstrebte, würde sie dort
drinnen verwirklichen. Im Ergebnis hat sie die Arbeiter-Bewegung in einer am
Fließband verewigt. Wer an der den Naturschützern zugedachten Rolle seine
Zweifel hat, sehe sich an, mit welch medialem Geschrei sie 1986 ins Parlament
getragen wurden und seitdem verhätschelt werden. Da wird ihnen als Aufdecker
Bedeutung zugeschanzt, die sie zu den obersten Rettern des Parlamentarismus
macht. (Das Material für ihre Enthüllungen bekommen sie von oben gesteckt,
nicht von der Bevölkerung.) Von der Schädlichkeit der Naturschützer-Partei: In Wahrheit soll durch
die Hereinholung von ein paar Naturschützern ins Hohe Haus den breiten
nichtparlamentarischen Bewegungen die Spitze genommen, aus einem die
Verhältnisse stürzenden Moment ein die Verhältnisse stützendes gemacht
werden. Wenn sich die Abgeordneten in die Bankreihen im Plenum reihen, wollen
sie uns zeigen, daß dort drinnen unsere Interessen durchzusetzen sind,
während sie uns doch täglich zeigen, daß sie dort drinnen nicht durchzusetzen
sind. Wie gefährlich unkontrollierte Volks-Bewegungen für den Staat sind, hat
sich in der DDR gezeigt, wo schnelle Wahlen und ein ganzes Dutzend Parteien
benötigt wurden, um sie zu überrennen. Dieses Parlament, über dessen Zweck sich immer
noch entsetzlich viele Leute Illusionen hingeben, darf doch - solange es
besteht - unablässig nur dazu benützt werden, um auch von dort drinnen aus
immer und immer wieder über den Schwindel einer Demokratie im Kapitalismus
aufzuklären. Das wäre Arbeit an seiner Überwindung, nicht an seiner
Zementierung. Die Naturschützer aber gieren nach jedem Amt in diesem Staate
(Bundespräsident, Nationalratspräsident), das er bereithält. Als könnte der
kapitalistische Staat, der das politische Werkzeug unserer Unterdrückung ist
(s.o.), gleichzeitig das politische Werkzeug unserer Befreiung sein! Das Parlament in Wien gehört
- wie andere Herrschaftsbauten vergangener Zeiten am Ring auch - zum Museum
erklärt. Das Kapital herrscht. Daß wir von den EG-Lkws
überollt werden dürfen, wird nicht im Parlament entschieden, und es wird dort
auch nicht entschieden, daß wir von den EG-Lkws nicht überollt werden dürfen.
Warum aber werden wir? Die Ausrottung der Bergbauern wird nicht vom Nationalrat entschieden,
und von ihm wird auch nicht entschieden, daß sie nicht ausgerottet werden.
Warum aber werden sie? Daß die österreicheigene Industrie ausverkauft
wird, wird nicht von den einhundertdreiundachtzig Abgeordneten zu Wien
entschieden, und es wird von ihnen auch nicht entschieden, daß sie nicht
ausverkauft wird. Warum aber wird sie? Das Gesetz über die Steuerabschreibung von
Luxus-Autos in Österreich wurde 1982 von der Mercedes AG in Sindelfingen
gemacht. Das Gesetz über die Zölle auf Videogeräte in Österreich wurde 1988
von der Philips AG in Eindhoven gemacht. Das "österreichische"
Gesetz über den Export von High-Tech-Gütern wurde ebenso von US-Konzernen
gemacht wie die "österreichische" Gesetzesbestimmung über das
Bankengeheimnis von den US-Banken gemacht worden ist oder die Waffendurchfuhr-Novelle
zum Neutralitätsgesetz vom Verteidigungsministerium in Washington.* Das sind
Bagatellen. Das ist hier nicht gemeint. Hier ist nicht gemeint, daß die von
deutschen Konzernen dominierte Industriellenvereinigung die Auslieferung
unseres Landes an die EG betreibt. Hier ist nicht gemeint, daß sich eine
Kapitalgruppe einen Abgeordneten kauft oder eine Partei hält (s. Parteien).
Hier ist nicht gemeint, daß sich ein Banken-Kartell einen mit 800 Milliarden
Schilling verschuldeten, zigmilliarden Zinsprofite zahlenden Staat mit dem
Namen Österreich hält. Hier sind nicht die Millionen gemeint, die sich das
große Kapital als Subvention vom Staat holt. Hier sind nicht die
Steuergesetze gemeint, die die Aktiengesellschaften sich organisieren, um
sich Steuerzahlen ersparen. _____ * Darüber, wer in Österreich herrscht, welchen
Einfluß ausländische Regierungen ausüben, wie Unternehmerverbände die Politik
in Österreich diktieren, war ausführlich in Heft 12 - >Die EG will
Österreich< (vergriffen) die Rede. Hier ist gemeint, daß der kapitalistische Staat
generell dem Kapital gehört. Es ist denkunmöglich, daß ein die mächtige
Wirtschaft betreffendes Gesetz beschlossen wird, das nicht deren Segen hat.
Die Nationalratspräsidentin Hubinek umschrieb das verschämt mit
"Sozialpartner": "Mir hat das beim Familienpaket mißfallen.
Ich sehe das jetzt bei der Pensionsreform, und das wird sicher nicht das
letzte große Problem sein. Auch bei allen Umweltschutzgesetzen entscheiden
letzten Endes die Sozialpartner und nicht die gewählten Mandatare. Und die Sozialpartner
sind nirgends gewählt. Sie tragen genaugenommen nicht eine Verantwortung
gegenüber irgendwelchen Wählern. Sie bleiben anonym. Ich halte das schlicht
für nicht richtig." (Salzburger Nachrichten, 10.7.90) Als der
ÖVP-Chef einmal zu einer Änderung eines Gesetzes ansetzen wollte, schallte es
ihm aus der Bundeswirtschaftskammer entgegen: "Politiker sollten sich da
nicht einmischen." (Kurier, 22.5.85) Für das nach den Bedürfnissen des Kapitals
organisierte Staatswesen ist der Parlamentarismus die denkbar beste Hülle.
Kein Wechsel, weder der Personen, noch der Institutionen, noch der Parteien
der bürgerlich-demokratischen Republik kann diese Macht erschüttern.
Demokratie wollen die Geldsäcke keine, aber den Parlamentarismus, den
schätzen sie! Auch wenn sie zur Not ohne ihn auskommen, siehe 1933-1938,
1938-1945, ist es nicht so, daß sie sich diesen Demokratiezauber abtrotzen
lassen müßten. Der ist selbstverständlicher Teil der Gesamtkalkulation, wie
es auch ein gewisses Maß an "Sozialleistungen", sofern sie die
Belegschaft selbst bezahlt, einer ist. Sie disziplinieren die Arbeiter besser
als übertriebene Gewalt. (Auch wenn Regierungen damit als ihren Erfolgen
prahlen: Kein Unternehmer ist für unnötiges Quälen von Menschen! Der
Unternehmer hat, wie Michael Scharang sagt, wenn er Arbeitskraft kauft, nur
daran Interesse, gute Ware zu kaufen.) Demokratie und Kapitalismus, die gehen nicht
zusammen. Ein Kapitalismus leidet keine Demokratie und eine Demokratie
leidet keinen Kapitalismus. Aber er kennt 1000 Möglichkeiten das zu
verschleiern - und hat die Mittel dazu. Eine Demokratie kann es nicht geben wo Privatbesitz herrscht,
so weh das den Ohren tun mag. Den Widerspruch zwischen solchen, die eine
Firma, eine Ladenkette, eine Fabrik haben und solchen, die sich in ein Büro,
hinter eine Supermarktkassa, an eine Werkbank verkaufen müssen, kann kein
Parlament der Welt zudecken. Was also wählen wir? Unter der kapitalistischen
Demokratie Marke Österreich, Marke Deutschland, Marke Schweiz usw. werden
diese Unterschiede nicht kleiner, sondern größer. Sechzig Jahre sogenannte
"demokratische Republik" in diesem Lande haben den Geldsäcken von
1918 - Boehler, Schoeller, Markhof ... - nichts anhaben können. Sie sind
gestopfter denn je. Ihr Staat hat genau soviel Parlamentarismus gegeben, wie
ihrem Geschäft gutgetan hat. Es ist nicht etwas danebengegangen in Österreich
mit der Demokratie: Aus der kapitalistischen Produktionsweise ergeben sichunausweichlich
kapitalistische Machtverhältnisse. Das Chef-Prinzip, das in der kleinsten
Schuhmacherwerkstatt herrscht, im kleinsten Kramerladen, pflanzt sich
unaufhaltsam bis zuoberst fort. Man könnte diesem System der Profitwirtschaft
gar keine andere Regierungsform als bestenfalls die Scheindemokratie
überstülpen. Leider! Die propagierten 'Demokratiereformen' können nur eine
modernere, elegantere, zeitgeistigere Verhüllung der Verhältnisse zum Ziel
haben, denn anderes ist unter Beibehaltung dieser Produktionsweise nicht
möglich. Wenn es morgen früh eine Demokratie gäbe und sie führe nicht bis
halbneun mit dem privaten Wirtschaftsgütern ab, so hätte sie sich bereits
selber wieder abgeschafft. Was bleibt sind Phrasen. In jeder Tageszeitung
steht jeden Tag zwanzigmal Demokratie. Wie sollte man da das Wissen im
Kopf derhalten, daß es gar keine gibt? Was brauchen wir eine, wenn wir DAS
schon so nennen! Herrscht die Mehrheit? Ja. Die Mehrheit des Geldes über die
Minderheit des Geldes. Demokratie ist ein Fremdwort. Darum kann es jeder
Vorderbänkler und jeder Hinterbänkler in einen Satz zweimal hineinstopfen.
"Mehr Demokratie", das sagt er so leicht - aber an "Mehr
Volksherrschaft" erstickte er auf der Stelle. Wenn Demokratie wäre, könnte es nicht 800.000 Arme
im kleinen Österreich geben (nicht "800.000", sondern tausend
Menschen wie du, achttausend, achtzigtausend, achthunderttausend solche!).
Nein. Es würden nicht Menschen, weil sie nicht männlich sind, ein Drittel
weniger verdienen, wenn Demokratie, ein bißchen nur, wäre. Nein. Und es
würden nicht 170.000 Arbeiter, die mit Milliarden Schilling diesen Staat
subventionieren, nur weil sie jenseits der Staatsgrenze geboren wurden, hier
so gut wie rechtlos sein. Nein. Diese Hast-du-Geld?-Demokratie hält gleiches
Wahlrecht, gleiches Baurecht, gleiches Arbeitsrecht usw. für alle bereit. Wie
ist es mit gleichen Wohnungen, mit gleichem Essen, mit gleichen Einkommen?
Diese Demokratie bedeutet, wie Anatol France sagt, für den Bettler und den
Millionär das gleiche Recht, unter der Brücke zu schlafen. Unsere einzige Wahlmöglichkeit ist die beim ORF-Nachtfilm. Was heißt Pressefreiheit für die in den Medien zur
Sau gemachten ausländischen Arbeiter? Was ist die Freiheit der Person wert
für die wie Dinge behandelten Frauen? Was ist zu halten von der den Hühnern
zugestandenen Freiheit, den Fuchs zu fressen?
Wenn man uns
frägt, wie's uns geht, sagen wir Danke, gut. Dir? Aber es geht uns
schlecht, sauschlecht. Nicht den Löhnern an den Fließbändern, mein' ich, den
Sklavenarbeiterfamilien im Jugo-Ghetto, den zu Putzfrauen
heruntergeheirateten Mädchen - uns! U, En, Es. Dir. Mir. Der Kapitalismus
wird nicht an den armen anderen verbrochen - und wir Edelherzen retten diese
-, unser Leben zerstört er! Der erste Schritt
(dazu), diese tonnenschwer auf uns lastende Gelddiktatur zu zerschlagen, ist,
daß unser Bewußtsein von der Unterdrückung im Kapitalismus zum Bewußtsein von
unserer eigenen Unterdrückung im Kapitalismus voranschreitet. Wie soll man den
Leuten im Nazifaschismus vorwerfen, sie hätten nicht wissen wollen, wie
schlecht es anderen geht, wenn sie nicht einmal wissen wollten, wie schlecht
es ihnen geht! Und wie kann man heute von einem verlangen, die Bürde eines
anderen zu sehen, wo er seine eigene nicht sieht! Z.B.: Der Grund für
den Massentourismus hierzulande sind nicht unsere weiten Schigebiete. Gäbe es
den niederstreckenden Kapitalismus in Deutschland nicht, der die Menschen so
zurichtet, so gäbe es diesen Auswurf in Österreich nicht. Ihr Urlaub ist die
schärfste Kritik, faktisch - nicht schriftstellerisch, an den Verhältnissen,
die ihn hervorbringen. Hier sind sie auf Entschädigung aus, die
Kapitalismus-Krüppel. Auf Teufel komm raus. Hier bricht es los aus ihnen, am
Hang, in der Diskothek. Wohin mit der gequälten Sexualität? Die
Kleingemachten lassen den Herrenmenschen heraus. Die Knappgehaltenen
schmeißen hier demonstrativ (aber nur demonstrativ!) mit der DM herum. Ertränken
ihr Duisburger Leben in Obstler, Jager-Tee. Die Stummen schreien um
Mitternacht in den Straßen von Serfaus und Sölden. In der Abfahrt gefährden
sie ihr eigenes Leben. Im Nachtlokal bricht mit Gewalt der ganze das Jahr
über hinuntergewürgte Weh aus ihnen. Sie schlagen auf das Mobiliar ein, und
meinen doch ihr eingesperrtes Leben. Protzen mit ihrer Alkoholsucht, mit
ihrer sexuellen Not. (Und auf der anderen
Seite des Tresen: die Einheimischen, wie kaputt! Die Wampen, die
Magengeschwüre, die Neurosen - wie von innen nach außen und von außen nach
innen hin die Leute sind! Hunderte im kleinen Dorf, die an ihrem
eigenen Leben erkrankt und im Alkohol gelandet sind. Ehen, die nicht gehn,
Familien, die die Qual sind, Junge, die bereits leer sind, vor sie anfangen.
Chemie fürn Schlaf, Chemie für die Beruhigung, Chemie fürn Schmerz. Der Sturz
in eine zigtausender teure Fernreise. Der Fall in einen Pelzmantel. Das
Zusammenschmelzen des Lebens auf einen Mercedes 300 SD. Der Neid, der an den
Menschen nagt, die Habgier, die ihnen zusetzt, der Stolz, der sie entstellt.) Unsere Ängste
haben recht. Unsere Süchte haben recht. Aber wir
graben unsere Unzufriedenheit ein. Dreihunderttausend Österreicher sind
alkoholkrank, sechshundertfünfzigtausend gefährdet. Die vor dem Geld
kriechende Wissenschaft sagt, daß der Tod am öftesten
"zivilisationsbedingt" ist: Krebs, Herzinfarkt, Stoffwechselleiden,
Leberzirrhose, Unfälle. Er ist kapitalismusbedingt. Jeder Österreicher, jede
Österreicherin bekommt im Jahr elf Medikamentenpackungen verschrieben und
schluckt durchschnittlich in diesem schönen Leben in Freiheit und Demokratie
rund 30.000 Tabletten. Zwei Drittel der Bevölkerung haben ein Herz- oder
Kreislaufleiden. Mehr als die Hälfte aller Menschen in unserem
marktwirtschaftenden Staate sterben an sowas. Selbst die wildesten
Einpeitscher dieser menschenfeindlichen Ordnung sagen "56 Prozent aller
Herzinfarkte werden von Streß im Berufsleben ausgelöst" (Kurier,
26.10.90). Das Gesundheitssystem ist nicht mehr finanzierbar, weil uns
der Kapitalismus alle krank macht. Krankheit oft als letzte mögliche Reaktion
auf die ausweglose Lage. Schlafstörungen,
Neurosen, in psychische Krankheiten umschlagende körperliche Krankheiten.
Zigtausende haben schwere psychotische Depressionen, Hunderttausende haben
neurotische, d.h. durch ihre Umgebung hervorgerufene Depressionen. Ja, ein
Viertel der Österreicherinnen und Österreicher, leidet unter depressiven
Symptomen (Profil, 5.11.90). Die menschliche Psyche ist nicht für den
Kapitalismus gebaut. Die
dreihunderttausend psychisch Kranken in Österreich sind nicht verrückt. Die
Zustände in Österreich sind verrückt. Eine total
zugrundegerichtete Belegschaft sind wir. Die Sechzig-, Siebzigjährigen sind
total zu. Da geht nichts mehr hinein. Nein, schon die Vierzig,
Fünfzigjährigen! Die ganze Medizin ist auf Behandlung, nicht auf Beseitigung
der menschenfeindlichen Zustände aus. Es geht ihr darum, die richtige
chemische Mischung zu finden. "350.000 Österreicher würden auf Grund
psychischer Leidenszustände und Verhaltensstärungen eine psychotherapeutische
Betreuung benötigen", schreibt der der Gelddiktatur verpflichtete Kurier
(23.2.90). Sie würden die Befreiung von der Gelddiktatur brauchen. Schau
länger hinein in ein Gesicht, ganz, das eigene vielleicht! Wir spüren
etwas sich regen und decken es mit Kartoffel-Chips zu. Es tut uns etwas weh
und wir knipsen den Fernseher an. Von innen her tritt ein irritierender
Gedanke über unser Leben auf uns zu und wir schnappen nach einem Bierglas.
Ein Mangel meldet sich und wir helfen uns mit einem Urlaubsprospekt darüber
hinweg. Ein Drittel oder zwei Drittel oder drei Drittel der Bevölkerung leben
psychisch am Existenzminimum. Wenn du schreist, hörst du weg, und wenn du
blutest, stellst du dich blind. Die häufigste
Todesart von Männern zwischen 25 und 35 Jahren ist in Tirol der Selbstmord.
(Statistik des Bundeskanzleramtes für 1988) Im Durchschnitt
gehört jedem Österreicher, jeder Österreicherin ein Stück Wald. Im
Durchschnitt ist jeder Mensch dann und wann zufrieden. Im Durchschnitt. Aber:
Vielen gehört kein Stück Wald. Aber: Oft sind wir unglücklich. Wir haben Angst.
Angst vor dem Krieg. Angst vor der Krise. Angst vor dem Krebs. Angst vor der
Umweltkatastrophe. Die Angst beherrscht uns. Die Angst vor der Technik. Die
Angst vor der Forschung. Die Angst vor der Inflation. Die Angst vor der
Arbeitslosigkeit. Die Angst vor dem Krankenhaus. Die Angst vor dem
Altersheim. Die Angst vor dem Irrenhaus. Die Zukunftsangst. Die
Existenzangst. Die Angst ist ein Hauptprodukt dieses Gesellschaftssystems.
Und umgekehrt produziert sie wieder dieses Gesellschaftssystem mit. Wir haben
Angst vor einem Unfall. Haben Angst vor einer Giftgas-Katastrophe. Angst vor
Aids. Vor der Justiz. Der Polizei. Psychiatrie. Das
Geldsystem steht uns feindselig gegenüber. Es herrscht mit tausend Schrecken
über uns. Diese Angst wird uns ausgetrieben und in die
Angst vor dem Einbruch umgeleitet, der wir mit vier Wohnungstürschlössern
begegnen. "Angstlösende Medikamente sind die am meisten verschriebenen
Arzneimittel." (Brigitte, 21/90) Die uns umstellenden
Sicherheitseinrichtungen da und dort sind Ausdruck unserer Angst und heizen
sie gleichzeitig an. Es versetzen uns die Weltkriegsdrohungen des
amerikanischen Weltkapitals in Angst. Immer wieder. So oft es will. Heute.
Morgen nicht. Übermorgen wieder. Wir haben diese
Schreckensherrschaft des großen Geldes satt. Solange wir sie nicht politisch
bezwungen haben, kann sie über unser Angstpotential nach Belieben verfügen,
das heißt, indem sie es in Angst vor irgendeinem Terrorismus, in eine vor
Ausländern, in eine vor ihren Krankheiten umlügt, uns unaufhörlich
niederhalten . Das was zählt
- ist das etwa nicht das Glück? Wir haben Angst vor
unseren eigenen Wünschen! Angst davor, dieses zu tun. Angst davor, jenes
nicht zu tun. Angst vor diesem, wenn wir in die Straßenbahn einsteigen, Angst
vor jenem, wenn wir aus der Raiffeisenkassa heraustreten. 1000 Zwänge. Die
Angst, den bürgerlich-kapitalistischen Normen nicht zu entsprechen, läßt uns
nicht auf das hören, was sich unser Herz uns schon gar nicht mehr zu sagen
traut. Wir trauen uns nicht einmal lautlos für uns zu denken, daß alles ganz
anders sein könnte. Wir haben Angst, nicht zu entsprechen, nicht
leistungsfähig genug, schnell genug, schön genug, gut genug, reich genug,
angesehen genug zu sein. Alkohol, meterlange Regale im Supermarkt, fünf
übereinander, gilt als "kurzfristig angstlösendes Mittel". Eine
Million Österreicherinnen und Österreicher weiß sich (noch) kein anderes. Nebenbei: Schaut
euch die österreichische Literatur an: Sie beschreibt nichts wie
kaputt(gemacht)e Figuren. So weltfremd sind ihre Verfasser nicht, daß sie die
nicht sähen. Nur so weltfremd, daß sie nicht sehen, woher das kommt. Die Gewalt,
mit der die Gelddiktatur zu Werke geht, schlägt sich nieder.
Die Antwort der Vergewaltigten ist: Gewalt. 1500 Morde in der Metrople des
freien Westens, in New York, 1989. 2000 Morde 1990 in New York. Eine
Stadt, ein System voll aufgestauter Aggressionen, abgebauter. Auf unseren
Autobahnen stranden die zu Tode Gehetzten. Die eingesteckte Gewalt wird
ausgeteilt. Wie die mir, so ich dir. Die österreichischen Gefängnisse sind
voll, der neue Justizminister will auch noch ein neues Gefängnis füllen (Kurier,
6.1.91). Die Gewalt entlädt sich am falschen Ort: in der Familie. Die
Rebellion der Seele wird in Exzessen aller Art, von Brutalsport über
Autorasen bis zur Waffennarrheit, abgeführt. Das Wochenende als Sturzraum
der Arbeitswoche. Der ungeheure Überdruck, den der Kapitalismus in uns
allen erzeugt, ist dienstbar zu machen auch als Rassismus, Nationalismus,
Sexismus, Faschismus. Die Ausgenutzten gehen aufeinander und auf sich selber
los, statt die Aggressionen gegen das zu richten, was diese nährt und ständig
neu hervorbringt. Statt gegen die kapitalistische Ordnung. Jeder Mensch ist
jedes Menschen Konkurrent. Jeder Mensch ist jedes Menschen mögliches Opfer
wie dessen möglicher Täter. Der Greisler ist in Konkurrenz zu seinem Kunden,
in Konkurrenz zu seinem Konkurrenten, in Konkurrenz zu seinem Lieferanten, in
Konkurrenz zu seinem Angestellten. Schon im
Kindergarten, schon in der Volksschule schlägt kapitale, kapitalistische
Gewalt durch. Dressur auf Zweierreihigkeit. Welcher Terror, welche Folter!
Hauptschüler werden gegen ihren Willen achtunddreißig Wochenstunden
festgehalten und bearbeitet, mit Gewalt überschüttet. Wie nicht sollten aus
liebenswürdigen Kindern unausstehliche Erwachsene werden? Kein Massaker auf
der Straße, keine Familientragödie, die aus der Zeitung trieft, kein Amoklauf
ist Folge unmoralischen Handelns eines verkommenen Charakters, wie man uns
weismachen möchte, sondern millionenfaches und noch millionenmal
wiederkehrendes Ergebnis der brutalen, menschenfeindlichen Diktatur des
Geldes. Jedes Ausrastern eines Menschen, das Statistiker in Statistiken
teilnahmslos zusammenzählen, zeigt, in welch wahnwitzige Verfassung uns
dieses Scheißsystem bringt. Das alles braucht es
in einer Gesellschaft, in der wir leben wollen, nicht zu geben. Der Mensch
leidet unter dem Kapitalismus. Im nach Geld
stinkenden Westen Deutschlands ist jeder Zehnte und jede Zehnte arm. In
Österreich lebt jede Siebte und jeder Siebte ein Leben in Armut. In der EG
auch, das sind dort 51 Millionen Menschen. In Großbritannien sind es zwanzig
Prozent. In den USA sind auch zwanzig Prozent arm oder bettelarm, d.h. 45
Millionen Menschen. Schon das Wissen um diese Zustände ist unerträglich. Jede
dritte Arbeiterin in Österreich bekommt für den ganzen Monat Arbeit weniger
als 6.900 Schilling! Kapitalismus ist organisierter Mißbrauch des
Menschen. In Wien ist mehr als eine Viertelmillion Menschen auf die
Sozialhilfe angewiesen. In Salzburg lebten bereits vor zehn Jahren 25%
Prozent unter der amtlichen Armutsgrenze. 12.000 Menschen sind dort offiziell
als Wohnungssuchende gemeldet. 4.000 Männer, Frauen, Kinder leben im feisten
Salzburg in Notunterkünften. Im Westen Deutschlands vegetieren 120.000
Menschen "ohne jedes Dach über dem Kopf", "200.000 in
Notunterkünften, eine Million in >absolut< heruntergekommenen
Wohnungen" (Frankfurter Rundschau, 31.12.90). Im Westen
Deutschlands, wohlgemerkt, im Westen. Eine Million
Haushalte in Österreich sind verschuldet (TT, 18.5.90), "170.000
Haushalte sind außer Kontrolle" (TT, 2.5.90). Die Privatschulden
der Österreicherinnen und Österreicher betragen 620 Milliarden Schilling. Ein
großer Teil der Bevölkerung kann ohne Schulden zu machen nicht leben. Die
Gesellschaftsform einer Gelddiktatur ist eine gegen die überwiegende Mehrheit
der Menschen gerichtete. Vom Irrsinn, daß Hunderttausende, nein
zweieinviertel Millionen Österreicherinnen und Österreicher Tag für Tag zu
anderen für diese anderen arbeiten gehen, - als wäre es das
Selbstverständlichste von der Welt -, reden wir hier nicht. Das größte
Hindernis, menschengemäße Zustände herzustellen, ist, daß wir an die
menschenfeindlichen so gewöhnt sind. Die nötige Unordnung
dort ist nur mittels faschistischer Diktaturen möglich. Wir sind daran
schuld. Eine Milliarde Menschen steht in ständigem - unfreiwilligen -
Hungerstreik gegen den Kapitalismus. Aber wir geben nicht nach.
Vierzigtausend Kinder verreckern täglich. Wir geben nicht nach. Jahr für Jahr
verhungern weltweit mehr Menschen als im Zweiten Weltkrieg umgebracht worden
sind. Es gibt keinen
Reichtum, der nicht verdächtig wäre. Zehn Milliarden Menschen könnte unsere
Erde heute schon ernähren. Wir haben keine fünf, und ein Drittel hungert.
Reichtum ist das Produkt von Not. Not ist das Produkt von Reichtum. Der
Kapitalismus kann von seiner Anlage her niemals für alle Menschen sorgen. Er
gedeiht nur auf der Basis von Knechten, vielen Knechten, so wie der Blutegel
nur auf der Basis von Blutopfern gedeiht. (Nur nebenbei: Der
Kapitalismus hat, unbestreitbar, schon zweieinhalb Weltkriege verbrochen. - Als
könnte man so etwas so nebenbei sagen!) Der Fortsetzung
dieses Kapitalismus dient am besten die nebenstehend dargestellte Demokratie
mit dem oben geschilderten Parteiensystem und den links oben
beschriebenen Wahlen. Der
Kapitalismus ist die extremste Form des menschlichen Zusammenlebens auf der
Welt. Er tut materiell weh, er tut psychisch weh,
ja, er tut schon weh, wenn man ihm zusehen muß, wie er überall materiell und
psychisch wehtut. Daß das Zimmermädchen W. 6.500 Schilling für dreißig Tage
Arbeit bis in die Nacht hinein bekommt, ist sein Schmerz, aber daß wir
es sehen, daß es am Rande unseres eigenen Lebens passiert, daß ist unser
Schmerz. Daß in den Opferländern zigtausend Menschen/Jahr an unseren
Pflanzengiften (für Nelken aus Bolivien und Anananas von den Philippinen)
krepieren, ist ihr Schmerz. Unserer ist, daß wirs mitansehen müssen. Er macht
uns unfrei und unsere Freude erlogen, unser Glück gespielt. Das
Robbenerschlagen, das Walschlachten, die Tierversuchsquälerei: Es quält uns.
Es quält uns, daß Rauschgift-Kranke der Kripo und der Justiz ausgeliefert
werden, daß Türken wie Tiere gehalten werden, daß Alte in Sterbe-Anstalten
verschwinden. Mitzuerleben wie im Fernsehen das Sheba-Katzenmenü beworben
wird während jeden Tag zigtausend Kinder an Hunger krepieren und am Markt
knallrote Kirschen aus Chile angeboten werden, deren Einfliegen vierzig
Schilling das Kilo gekostet hat. Es ist belastend, zu sehen, daß unser
Fremdenverkehr zuallererst von der kriminellen Geschäfstüchtigkeit des
deutschen Kapitals (Atomindustrie, Giftindustrie, Genindustrie,
Autoindustrie, Waffenindustrie etc.) lebt. Wenn man weiß, daß der
Stand der Entwicklung es ermöglichte, daß alle Menschen unserer Welt in
Wohlstand und Sicherheit leben könnten, dann ist diese Diktatur der Reichen
unerträglich! Wir leiden unter
dieser Demokratie (s. links), die ein Auswurf des kapitalistischen
Staates ist. Wir leiden unter den politischen Parteien (s. oben), die
Kreaturen des kapitalistischen Staates sind. Wir leiden unter den
ausgerichteten Wahlen (siehe links oben), die Abhaltungen des
kapitalistischen Staates sind. Unser beschädigtes
Leben. Familienmitglieder, die des Abends in Wohnzimmern herumhängen,
leergehofft und leergewunschen, Flimmerbilder schlucken. Was wir tun, hat
nichts mit uns selber zu tun, macht uns uns selber fremd und beherrschbar.
Wenn wir arbeiten, erarbeiten wir unserere Leere. Zwanzigjährige, deren Augen
schon nicht mehr leuchten, die ihre fahrengelassenen Hoffnungen in ihre
Kinder hineindrücken. An Krawatten hängende kostümierte Frühleichen. Die
Seuche Kapitalismus streckt uns alle vorzeitig nieder. Im Pendlerzug um
dreiviertelsechs fahren tausend Wünsche mit, im Viertelnachsieben-Stau
bleiben alle Aussichten stecken. Die Geldwirtschaft
ist kein Terrain für den Menschen. Die totale Deformation entwertet unser
Leben wie eine Karambolage die in sie verkeilten Autos. Was viele meinen, daß
ihnen bliebe, ist die Flucht in eine Lebens-Versicherung und eine
Zusatzversicherung und eine Ablebensversicherung und eine
Erlebensversicherung. Was viele meinen, daß ihnen bliebe, ist die Flucht in
Religion, in Esoterik, in Kunst, in Rausch, in karitative oder ökologische
Umtriebigkeit. Diese Massen-Ausreißerei ist eine klare Volksabstimmung gegen
den Kapitalismus. Hier ist jeder eine
Wunde mit mehr oder weniger drum herum. Was quält den Menschen? Die
Gaunereien des Herrn Proksch ärgern ihn ja nur, nachdem er Profil
gelesen hat. Das ist schon der umgeleitete Schmerz. (Wenn einer ein
Renommierauto will oder eine Video-Garnitur, ist das nicht seine Wunde,
sondern sein Pflaster. Wer Millionen machen will, zeigt uns nicht seinen Weh,
sondern seine heillose Reaktion darauf.) Wir schlagen zurück.
Aber, ach, auf uns selber! Wir wollen alles wettmachen - kaufen, spielen,
fahren, genießen -, und vergrößern nur den Abstand zu uns selber. Was uns zu
wünschen einfällt, ist solches, was sich andere von uns wünschen. Unsere
Bedürfnisse sind eine Auswahl aus den uns vorgemachten Bedürfnissen. Ein
großer Teil der Geschäfte kann mit uns nur gemacht werden, weil wir
unglücklich sind. Der Frisör lebt davon, daß du wenigstens nicht wie ein
unterdrücktes Wesen aussehen magst. Weil wir nicht heimisch werden in diesem
System, leben ganze Industrien davon, uns kleine Glücke, Limara-Parfum-Deo
und Eskimo-Cremissimo, anzudrehen. Unter der
kapitalistischen Durchorganisation dieser Gesellschaft verhungern unsere
Ansprüche an das Leben, werden aber durch genau die Nutznießer dieser
Durchorganisation ausnützbar bis aufs letzte. Unser Unglück - ihr Profit. Die
wuchernde Glückspropaganda, happy könnten wir werden und spritzig, zeigt
doch, wie unhappy und unspritzig wir sind. Jedes Paar graue Herrensocken kann
uns mit einem weiblichen Lider-Klimpern aufgeschwatzt werden. Von der Werbung
mißbrauchte Frauen machen die niedergemachten Männer mißbrauchbar bis zum
letzten Knopf. So verloren ist ihre Lage. Natürlich scheint
auch die Sonne. Natürlich sind die Berge auch prachtvoll. Natürlich ist die
Liebe auch besinnungslos schön. Aber nur trotz der kapitalistischen Diktatur.
Nur trotz der kapitalistischen Diktatur. Trotz ihr. Könnten wir unser
Leben als ein uns weniger entfremdetes einrichten, als eines, in dem es um
die Ansprüche der vielen und nicht um die Erfordernisse der kapitalistischen
Produktionsweise geht, dann könnten wir uns als Gesellschaft die sinnlose,
Menschenkraft und Rohstoff verschleißende Herstellung unzählig vieler Waren
und deren unbefriedigenden, meist schädlichen Verbrauch ersparen. Wenn wir unsere
kapitalistische Ordnung - den Arsch in die Luft - kopfüber durch die
gegrätschten Beine anschauen, ist das ganze ja stimmig, paßt eins ins andre,
wenn wir aber ohne vor den Verhältnissen ein Buckerl zu machen hinschauen,
stehen sie kopf! Das Quälendste am
real existierenden Kapitalismus ist gewiß das: Nicht zu wissen, wie es zu
ändern wäre! Dreiundsechzig von hundert Österreicherinnen und Österreichern,
das sind hochgerechnet 4,7 Millionen, sind gelähmt von der Ohnmacht:
"Ich bin ja nur ein kleines Rädchen im Getriebe und habe keinen Einfluß
darauf, wie es mit dem Staat weitergeht." (Fessel-Umfrage 1989)
Dieses Gefühl, das die Menschen unfrei macht, gefangen, ist auch ein Produkt
der Medien, die uns den Wahnsinn Tag für Tag, Woche für Woche vorführen, so
vorführen, daß kein Entrinnen möglich scheint. Die empfundene und vermittelte
Machtlosigkeit führt zu einem Gefühl der Sinnlosigkeit, der Gleichgültigkeit,
der Teilnahmslosigkeit, schließlich zu einer Abkehr von den Dingen, die unser
Leben bestimmen. Die Ohnmacht, die breitarschig in uns sitzt, ist den
Zuständen ihre Stütze - während sie uns auffrißt. Wo Angst ist,
ist noch Auflehnung. Wo Massenangst ist, ist Massenauflehnung. Daß dafür der
Psychiater zuständig wäre und die Pillenindustrie, das hätten sie gern. In
jedem Menschen bleibt seine Jugend aufbewahrt.
In diesen Ängsten, meinen tausend, deinen tausend, arbeiten unsere getretenen
Bedürfnisse, weisen auf den Freiheitsbedarf hin. Menschen ohne Angst gibt es
im Kapitalismus nur auf den Friedhöfen. Die Angst, so weh
sie tut, und die Aggression dürfen wir uns von keinem der Gifte, die dafür
bereitstehen, ersticken lassen. Ihre Gewalt müssen wir auf das lenken, was
die Wurzel dieser immerfort wuchernden Angst und Aggression ist - die
Herrschaft von Menschen über andere Menschen mittels des Besitzes -, um diese
Wurzel zu zerstören. Man kann nicht Demokrat sein ohne daranzugehen, den
Kapitalismus mit Putz und Stingel auszureißen und seinen Ordnungsstaat zu
zerschlagen.
Wahltag ist
Zahltag: Die Parteien haben uns für die jüngste Wahl 112 Millionen Schilling
aus dem Budget gestohlen. Die Parteien haben sich im letzten
Jahr zusätzlich 98 Millionen an Zuschüssen nach dem Parteiengesetz aus dem
Budget genehmigt. Von unserm Geld. Die Parteien haben sich im letzten Jahr
aus dem Budget weitere 65 Millionen für die Parlamentsklubs bewilligt. Von
unserm Geld. Die Parteien haben sich dazu noch für die Finanzierung ihrer
Parteiakademien im letzten Jahr 79 Millionen aus dem Budget gewährt. Auch von
unserm Geld. Dann: Vom
ÖVP-Akademikerbund bis zu den SP-Kinderfreunden, vom schwarzen
Kinderrettungswerk bis zum Bund Sozialistischer Akademiker, von der
Freiheitlichen Frauenschaft bis zum SP-Pensionistenverband, vom Seniorenring
(FP) bis zur Frauenhilfe (VP), vom ASKÖ (SP) bis zur Sport-Union (VP), vom
schwarzen Mieterbund bis zu den Naturfreunden (SP) und vom Touristenverein
(VP) bis zur roten Mietervereinigung - und zurück von den
SP-Freiheitskämpfern bis zum VP-Wohlfahrtsdienst und von der Volkshilfe (SP)
bis zur Widerstandsbewegung (VP), vom Ring freiheitlicher Studenten bis zum
Verband sozialistischer Lehrer und vom Freiheitlichen Lehrerverband bis zur
Sozialistischen Jugend reißen uns die Parteien das Geld heraus. Durch
Zuteilungen aus dem Staatsbudget. Sollen wir uns - nur
weil es kurios ist - damit abgeben, was die FPÖ unter dem Titel Ring
freiheitlicher Studenten zusammengerafft hat? Was die ÖVP unter dem Titel
Union Höherer Schüler (ÖVP) sich zukommen hat lassen, sollen wir uns damit
aufhalten? Uns noch eigens erhitzen darüber, was die Zuwendung an den Verband
Sozialistischer Studenten Österreichs der SPÖ eingebracht hat, ist das nötig?
Usw. Es sei eine Milliarde Schilling, die sich die Parteien mittels ihrer
Ausläufer von Bund, Ländern und Gemeinden organisieren, sagt die
Wissenschaft. Es ist eine Milliarde von uns, sagen wir. Sie müssen
uns dieses Geld stehlen, und jedes Jahr mehr, um uns Demokratie und Wahlen
vorspielen zu können. Wenn die Politiker
auf ihre Gehälter zehn, zwanzig und mehr Prozent draufschlagen, um diese
Gelder dann als sog. Parteisteuer an ihre Fraktion abzuliefern, so mögen dir
diese 250 Millionenaus der Volkskasse viel erscheinen, allein: sie sind
notwendig! Und es braucht es auch, daß die in die Aufsichtsräte der
Staatsbetriebe entsandten Parteimitglieder zusammen mehrere Millionen an
Sitzungsgeldern als sog. Parteisteuer an die Zentralen abliefern. Wenn sich die
Parteien Gesetze für ihre Steuerprivilegien beschließen (Einkommenssteuer,
Ertragssteuer, Vermögenssteuer, Schenkungssteuer, Anzeigensteuer), und auf
diese Weise uns weit mehr als 200 Millionen Schilling nehmen und sich geben,
wenn sie durch die Steuersenkung für Parteispenden neuerdings mindestens 20
weitere Millionen sich zuteilen statt dem Staat, dann mag dir das als
schwerer Diebstahl erscheinen, aber es ist nur kapitalistische Demokratie.
(Indem sich die Parteien so hemmungslos bereichern, weisen sie sich bestens
als glaubhafte Vertreter jener aus, die sie in Wirklichkeit vertreten.) Auch dann, wenn sie
sogar gegen ihre eigenen Gesetze das Land berauben: Daß sie zu versteuernde
Gehälter nicht versteuern. Daß sie über Firmenkonstruktionen Mehrwertsteuer
hinterziehen. Da zehn Millionen, dort fünfzehn, woanders zwanzig. Ohne
Parteienkriminalität ist der Laden nicht zu schupfen. Der Schein einer
Demokratie ist um vieles teurer als es eine Demokratie wäre. Um diesen
Schein zu wahren, mußte sich die SPÖ 1990 allein an Presseförderung für die
AZ 2,8 Millionen zukommen lassen und die ÖVP für das Neue Volksblatt
2,7 Millionen. Und als "Besondere Förderung zur Erhaltung der
Medienvielfalt" brauchte die ÖVP fürs Volksblatt 2,7 und für die Salzburger
Volkszeitung 2,1 Millionen, so wie die SPÖ für die AZ 8,1 Millionen
gebraucht hat. Weil das natürlich nicht reicht, mußte sich die SPÖ mit einer
zusätzlichen sog. "einmaligen Förderung" der AZ in der Höhe von
36,9 Millionen bedienen, während sich die ÖVP für ihre beiden genannten
Blätter zusammen 22,3 Millionen aus der Volkskassa nahm. Insgesamt hat die
SPÖ unter dem Titel Presseförderung im Jahre 1990 110 Millionen Staatsgelder
auf die Seite gebracht und ihre Schwesterpartei ÖVP 65 Millionen. Daneben
konnten natürlich noch Dutzende Partei-Zeitungen - von der Zukunft
(SP) über die Freien Argumente (FP) bis zu den Österr. Monatsheften
(VP) - bei der Publizistikförderung zusammen einige Millionen Schilling
ergattern. Kann so ein verlogenes, verkommenes, verderbtes System Bestand
haben? Natürlich nicht. 1966 haben die
Parteien beschlossen, im Rundfunk und im Fernsehen gratis Sendezeit zu haben.
1990 waren das zusammen fünf Stunden Fernsehen zur besten Zeit und mehr als
24 Stunden im Radio. (Ihre Lobbies AK und HK, ÖGB und
Industriellenvereinigung, die im ORF auch kostenlos Propaganda machen dürfen,
wollen wir hier außer acht lassen.) Hätten die Parteien statt uns
Gebührenzahlern das zahlen müssen, hätten sie 1990 allein für die TV-Werbung
ca. 90 Millionen hinlegen müssen. Gar nicht reden wollen wir da von der
unbezahlten Parteienwerbung in den täglichen ZiB- und den wöchentlichen
Inlandsreport-Sendungen, den Fernseh-Pressestunden und den Radio-Journalen
usw. Wir zahlen das, daß wir tagaus tagein beschissen werden. Aber so lange
ist es ja vielleicht nicht mehr! Wenn wir (s.
Demokratie) gesehen haben, daß das nicht unser Staat ist, sondern ein
gegen uns gerichteter Staat, so ist es nur zu gut verständlich, daß diesem
Staat die Parteien unser ganzes Geld wert sind. Und da wir diesen Apparat
nicht freiwillig (über Mitgliedsbeiträge und Spenden) finanzieren, muß uns
das Geld eben genommen werden. Mag sich da noch
jemand aufregen darüber, daß die staatseigenen Betriebe, das heißt: wir!,
über die Industriellenvereinigung zig Millionen an ÖVP und FPÖ zahlen? Oder
darüber, daß die staatlichen Banken und Firmen, das heißt: wir!, den Parteien
Unsummen mittels wirkungsloser Inserate in Parteiblättern zuleiten.
Soll man sich darüber erhitzen, wie CA und Länderbank, Casino AG und
Lotto-Toto-Gesellschaft, Tabakwerke und AUA, ÖMV und Verbund - um die
Großfinanziers zu nennen -, auf diese Weise unvorstellbare Betrüge
volkseigenes Geld in die Parteien buttern? Wenn in einer einzigen Nummer der
Zeitschrift der Sozialistischen Akademiker akzente (5/88)
allein vier staats- bzw. landeseigene Elektrizitätsgesellschaften
"werben" (KELAG, OKA, TKW, Verbund), ist das Prinzip klar. Aber
"Ein Fall für den Staatsanwalt" ist nur eine Sendung im Fernsehen. Tut es da noch zur
Sache, daß sich Parteipolitiker wie Flemming, wie Streicher, wie Fischler
durch ihre Ministerien ganzseitige Anzeigenserien in den Massenblättern
letztlich für ihre Person bezahlen lassen? Daß Minister unter tausend
verschrobenen Titeln Parteiunterorganisationen mit viel Geld bedienen? Das
Landwirtschaftsministerium, nur z. B., den ÖVP-Bauernbund, die SPÖ-Bauern und
die Freiheitliche Bauernschaft, das Unterrichtsministerium, nur z.B., den
Ring freiheitlicher Jugend, den Mittelschülerkartellverband und die
sozialistische Kinderbewegung. Der Phantasie, auch mittels Scheinvereinen für
die Partei zu Geld zu kommen, ist keine Grenze gesetzt, weiteren Ausführungen
hier schon. Sicher ist es
bitter, daß wir fürs Getäuschtwerden soviel bezahlen müssen. - Aber, das ist
die große Frage, sind wir bereit, auf diese Täuschung verzichten? Daß wir natürlich
die amtliche Ausrichtung von denen ihren Wahlen zahlen und natürlich
eineinhalb Milliarden an Gehältern für aktive und pensionierte
Partei-Abgeordnete, das nur, damit das so schrecklich Selbstverständliche
auch gesagt ist. Brauchen die das, könnte man fragen. Ja, die brauchen das.
Als die beiden großen Parteien 1986 Mandate verloren haben, haben sie sich -
einzig logische Reaktion - umgehend ihr Budget erhöht. Die Parteien sind
Geschwüre dieses Systems. Aber, so hören wir
nach all dem, die großen Gelder fließen gar nicht auf Bundesebene, sondern in
den Landhäusern und Stadtparlamenten!Was sich da die Parteien einmal als
Landtagsklubs, dann als Parteien im Landtag, dann für die Bildungsarbeit der
Parteien, dann an Presseförderung, dann an Subventionen jeder Art für
Unterorganisationen usw. genehmigen, ist noch nicht einmal zur Gänze
entdeckt. Da werden lt. Rechnungshof auch noch kleinste Landgemeinden zur
Zahlung an die Parteien genötigt und zig Millionen an Parteienförderung im
Budget unter "Interessentenbeiträge an Institutionen im Inland"
versteckt. Kriminalität? Nein, Parteiendemokratie. Wenn man sagt, daß
es vielleicht 600 Millionen Schilling sind, von uns einbezahlte Schillinge,
die sich die Parteien österreichweit jedes Jahr aus den Länderkassen
organisieren, hat man sich auf die offiziellen Geldflüsse beschränkt. Die
Parteisteuer, die wir über die Gemeinden - die Innsbrucker Gemeinderäte haben
sich z.B. unter dem Titel "Ausbildung und Schulung" pro Kopf 87.500
S im Jahr für ihre Parteikasse genehmigt - zu entrichten haben, läßt sich
nicht einmal schätzen. (Da sich die Innsbrucker Stadtpolitiker Gratisfahrten
mit unseren Verkehrsbetrieben, Sondertarife in unserer Sauna, Gratiskarten
für unsere städtischen Konzerte u.a.m. ergeiern, ufert die Sache aus.) Nicht nur,
daß nicht die Politik gemacht wird, die wir wünschen, wir zahlen auch noch
die - drei Beispiele: Transitverkehr, Ausverkauf,
EG-Anschluß - gegen uns gerichtete Politik. Wenn der unsägliche
Andreas Khol im Nationalrat (27.3.87) sagt: "Die staatliche Förderung
darf immer nur einen Bruchteil der Finanzmittel für die Parteien ausmachen.
Ausschließlich staatlich geförderte Parteien lehnen wir ab!" und die
mehr als vorsichtige Politikwissenschaft (Rainer Nick / Hubert Sickinger)
feststellt: "Gesamtstaatliche Parteienfinanzierung im Wahljahr 1990:
über 2,1 Mrd.", kann man nur sagen, wenn das ein Bruchteil ist, na dann
servas! Die Offenlegungs-Gesetze haben sich die Parteien übrigens natürlich
so gemacht, daß sie nichts offenlegen müssen. Wir leben in einem
Lande, in dem - wie ein großer österreichischer Dichter kürzlich schrieb,
"alles seine Ordnung hat, seine alte, unerträgliche Ordnung". Und
damit diese hält, ist wirklich noch viel mehr Geld notwendig. a) Nehmen wir an, du
bist Mitglied des ÖGB. Du willst, daß die Gewerkschaft gegen die herrschenden
Zustände ankämpft. Was tut sie mit deinem Geld? Sie stützt die
Partei-Apparate. Der ÖGB hat nicht nur die FPÖ großgezogen (s. Olah-Skandal),
sondern seit jeher SPÖ und ÖVP mit viel Geld versorgt. Aus dem ÖGB-Vermögen
gehen Jahr für Jahr Millionenbeträge an die großen Parteien. Daneben fließen
von roter und schwarzer Gewerkschaftsfraktion jeweils weitere Millionen ihren
Parteimüttern zu. Was über den Weg von ÖGB-Inseraten in Parteiblättern in die
Parteihauptquartiere gelenkt wird, ist kaum zu sagen. Ein hoher Funktionär
der Eisenbahnergewerkschafter für Tirol und Vorarlberg hat kürzlich bekannt
gemacht, daß seine Organisation den einzelnen SP-Bezirksorganisationen
laufend "eine finanzielle Unterstützung" (TT, 2.6.90)
zukommen läßt. Und der ÖGB-Landessekretär hat damit geprahlt, daß "1,5
Prozent der ÖGB-Mitgliedsbeiträge automatisch in die Parteikassen der SPÖ
fließen" (TT, 17.7.90) b) Nehmen wir an, du
bist nicht Mitglied dieses ÖGB. Aber du bist natürlich Mitglied der
Arbeiterkammer. Du lieferst, ob du's willst oder nicht, weißt oder nicht,
monatlich deinen Beitrag an die Arbeiterkammer. Jede Stunde, die der letzte
ausländische Gatscharbeiter irgendwo robotet, füllt die Kassen der AK. Da
läppern sich die Millionen, auf die woanders schon Parteikassiere warten. Die
Millionen kommen entweder direkt über die AK-Fraktionen zu ihnen oder über
AK-Inserate in Parteizeitungen oder über einen Umweg, so z.B., daß der von
der AK geförderte ARBÖ in SPÖ-Zeitungen inseriert. Die SP-Fraktion in der
Tiroler AK hat vor Landtagswahlen mehrfach für ihre Parteimutter eine dicke
Zeitung tirolweit "An einen Haushalt" geschickt. Die Millionen
rollen aber auch direkt als Subventionen zu Parteiorganisationen und
Unterorganisationen sonder Zahl bis zum Ring Freiheitlicher Jugend und dem
Allgemeinen Sportverband der FPÖ (Tirol). 320.000 bzw. 300.000 Schilling
bekommen die schwarze bzw. die rote Tiroler AK-Fraktion, um sie unter
parteieigenen Verbänden aufzuteilen. In Salzburg, schreiben die Salzburger
Nachrichten (23.8.90) soll zwischen SP- und VP-Fraktion ein
Verteiler-Schlüssel existieren, nach dem die Finanzierung von
Vorfeldorganisationen von SPÖ und ÖVP im Verhältnis 4:3 zu erfolgen habe.
Auch in der Wiener AK wird nach Stimmenstärke aufgeteilt: 740.000 für die
SPÖ-Jugend, 120.000 für die ÖVP-Jugend, Kinderfreunde (SP): 1,4 Millionen usw.
Die Arbeiterkammern in Österreich sind gigantische Geldbeschaffungs-Apparate
der Parteien. In der Steiermark - nur dort? - hat die AK diverse
"Fonds und Geheimkonten, über die Millionenbeträge an Parteien und
Funktionäre flossen" (Profil, 27.8.90). Der dortige ÖAAB etwa hat
von der AK zur Renovierung seines Vereinslokals 3 Mio. S bekommen. c) Nehmen wir an, du
bist nicht Mitglied dieser Arbeiterkammer. Dann bist du vielleicht Mitglied
der Handelskammer. Geht es dem kleinen Gewerbetreibenden, der seine Umlage
zahlen muß, besser? Wie die AK eine Service-Organisation ist, ist auch die HK
eine - der Parteien. So wirft die Wiener Handelskammer dem
ÖVP-Wirtschaftsbund mehr als zehn Millionen Schilling zu und den kleineren
Fraktionen entsprechend weniger. Und die Tiroler Handelskammer läßt von dem
Geld, das ihr auch die gegen ihre Politik gerichteten kleinen Unternehmer
hereinbringen, 5,8 Millionen für den Wirtschaftsbund und entsprechend weniger
für die roten und für die blauen Parteiorganisationen springen. Usw. Es wird klar, daß
wir die auf die uns vorgeschlagene Art nie wegwählen können. Parteienkriminalität:
Dabei haben wir die "Skandale", wie sie Woche für Woche die
Enthüllungsmagazine füllen, noch gar nicht erwähnt! Von Krauland (wo
Bundeskanzler Figl log solang's ging), Haselgruber ("Ich kauf mir
jeden"), Polcar (20 Millionen für die ÖVP), Prinke
(Wohnungseigentum-Spenden), bis zu Müllner (NEWAG-Millionen u.a. zum ÖAAB), Berger
(Busek-BMW), Rabelbauer (10 Mille für zwei NR-Sitze),
Tierkörperverwertungs-GesmbH., AKH, WBO, Schrack, Noricum, Bundesländer,
Draken usw. Wenn sogar Busek sagt, drei Prozent an Provisionen seien bei
großen Bauten üblich, wundert es nicht, wenn von der UNO-City bis zum Wr.
Stadion jedes öffentliche Bauwerk von einer Parteienfinanzierungsgeschichte
begleitet wird. Aber diese
Geschichten Profilausgabe um Profilausgabe widern die Leute nur
noch an. Sie wissen es inzwischen wirklich, daß sie hier immer die Lackierten
sind. Zweck dieser wöchentlichen "Skandalgeschichten" ist es, vom
Skandal dieses Systems abzulenken. Hier erfüllen die Enthüllungsmagazine eine
systemstützende Aufgabe. Davon, wie hinter diesen Gaunergeschichten der ganz
normale kapitalistische Wahnsinn weitergeht, ist nicht die Rede. Wenn wir uns
bei einem aufgeschlagenen Profil entrüsten, spielen wir schon mit, wie
es gewünscht wird. Dann fangen wir schon den Gedanken an, es könnte im
Kapitalismus eine nicht korrumpierte Demokratie geben. Aber Geld ist zum
Kaufen da. Das ist kein Auswuchs, der abzustellen wäre, sondern
charakteristisch für die Wirtschaftsdiktatur, mit der wir als ganzes abfahren
müssen. Unternehmer-Parteien?
Es ist nicht unverständlich, daß die Parteien für die stabile Verwaltung des
Unrechts (s. Demokratie) auch vom großen Kapital ihren kleinen Teil
haben wollen. Und daß die Geldsäcke sie satt finanzieren, zeigt doch, daß die
Parteien ihnen was wert sind. Es sagt sich so
leicht: Die Parteien sind Unternehmer-Parteien. Aber es kann auch bewiesen
werden. Nicht nur in dem Wortsinne, daß sie an einem Firmenkonzern
hängen. Die ÖVP hat hinter sich ein Konglomerat von Betrieben aufgebaut - Heimatwerbung,
Internationale Werbegesellschaft, Wohnbaufirma Austria und andere -, oder
sollte man sagen, ein Konglomerat von Betrieben - FEG Fenster-Produktions-
und Vertriebs GmbH & Co.KG, Agrarverlag, Österreichischer
Wirtschaftsverlag und andere - hat vor sich die ÖVP aufgebaut? Der SPÖ
gehört ein ganzes Sammelsurium von Unternehmen - Progess-Werbung, Druck-
und Verlagsanstalt Gutenberg, Buchhandlung W. Frick und andere - , oder
ist es richtiger zu sagen, die SPÖ gehört einem Sammelsurium von Unternehmen
- Allgemeine Wirtschaftsholding, Leykam AG, Libros Buchversand GmbH
und andere - ? (Grüne und Braune sind erst am Anfang, die KPÖ hingegen ist
ein kleiner Filialbetrieb, ein Bauchladen höchstens, eines milliardenschweren
Ostfirmen-Konzerns.) Was sie dabei als Steuerzahler oder Steuernichtzahler
mit dem Staat aufführen, tut hier nichts zur Sache, denn das tut jeder
Konzern mit dem Staat. Da kann es keinen erschrecken, wenn sich verbrauchte
"Arbeitnehmer"-Politiker dazu hingezogen fühlen, sich als
Unternehmer zu betätigen: Blecha (Mitropa), Lanc (Z), Androsch
(Androsch International Consulting), Schmidt (Warimpex-Industriebeteiligungs-Gesellschaft)
usw. Trotzdem sind
die Parteien vor allem in dem Sinne Unternehmer-Parteien als sie die Parteien
der Unternehmer sind. Das ganze hat Tradition. Wie in
Deutschland etwa der Flick-Konzern nicht nur heutige Politiker angemietet
hat, sondern schon den seinerzeitigen Kanzler Hitler im Sold hatte, so wissen
wir, wie in Tirol - nehmen wir - die Firma Sparkasse Innsbruck heute den
Parteien Geld so zuschiebt wie sie schon vor fünfzig Jahren dem Gauleiter
Hofer und seiner NSDAP solches zugeschoben hat. Die ausbaufähige Idee kommt
aus dem Reich: Der "Zentralausschuß der Unternehmerverbände" hatte
dort eine "Adolf-Hitler-Spende" eingerichtet, zu der jedes Mitglied
0,5 Promille der Lohn- und Gehaltssumme beizutragen hatte. Leiter dieser
Stiftung war der Ruhrindustrielle Krupp. Die Vereinigung Österreichischer
Industrieller (VÖI) hebt demgegenüber heute von jedem Mitglied 0,5 Prozent
(!) der Lohn- und Gehaltssumme ein, um einen guten Teil davon den
Unternehmer-Parteien, ÖVP und FPÖ voran, zuzuleiten. A. Pelinka hat die VÖI
ganz richtig als "finanzielles Durchhaus" bezeichnet (Standard,
19.12.88). Das Großkapital entzieht dem Staat legal und illegal Steuern,
verschiebt zu versteuernde Gewinne legal und illegal ins Ausland, aber seine
Parteien, die zahlt es. Wenn, wie gesehen,
dieser Staat nicht unser Staat ist, ist es auch richtig, daß seine Parteien
auch nicht unsere Parteien sind. Schon vor zwanzig Jahren konnte der FPÖ-Chef
prahlen: "Wir erhalten von der Industriellenvereinigung regelmäßig eine
Spende." (Profil 2/70). Heute frohlockt der Finanzchef der
Partei: "Ich glaube, daß heute bereits wesentlich mehr Unternehmer zur
FPÖ tendieren als man wahrhaben möchte. Nach meiner Schätzung sympathisieren
bereits rund 20 Prozent aller Mitglieder der Industriellenvereinigung mit der
FPÖ." (Kurier, 22.5.90) Folglich "tendieren" wohl an
die 70 Prozent zur ÖVP, was sich in entsprechend saftigeren Kaufgeldern
auswirkt. So wurde ihre VÖI-Gage bereits 1974 auf etwa 50 Millionen S im Jahr
geschätzt, und spätere Forschungen haben lt. A. Pelinka ergeben, "daß
die Spendeneinnahmen der ÖVP aus dem Bereich der Industriellenvereinigung
rund um 1980 etwa 75 Millionen Schilling jährlich ausgemacht haben" (Standard,
19.12.88). Das war zu einer Zeit als noch die Verstaatlichte mit rund 40
Prozent der Beiträge für den größten Posten der VÖI-Einnahmen sorgte, heute
wird die VÖI von ausländischen Konzernen beherrscht und von ihrem Kapital
geleitet. Das Ausmaß der VÖI-Spenden heute könnte man vielleicht aus
Wirtschaftsdaten schätzen, man kann sie aber einfacher an der betriebenen
Politik in Österreich ablesen. Darüber, wie die VÖI die österreichische
Bundesregierung vor sich hertreibt, ist in FOEHN 12 viel gesagt. Die
Erklärung "eines prominenten Mitgliedes der
Industriellenvereinigung" (Profil, 2/70): "Letzten Endes
legen wir ja doch die Faust auf den Tisch." hätten wir gar nicht nötig
gehabt. Zur Erinnerung eingeschoben: Wir reden von Demokratie. Nicht umsonst - im
wahren Sinn dieses Wortes - hat die Tiroler Industriellenvereinigung etwa
ihren Geschäftsführer im Tiroler Landtag in der ersten Reihe sitzen und die
VÖI-Zentrale einen ihrer Referenten als Finanz-Staatssekretär auf der Regierungsbank. Alles dieses Geld
kommt nicht aus einer privaten Notenpresse, auch das neben den Spenden über
VÖI-Inserate in Partei-Medien ausgeworfene nicht, sondern ist von den
Industrie-Arbeitern erarbeitetes und ihnen vorenthaltenes Geld. Sagt man mit Recht,
die Parteien sind Vorfeld-Organisationen des Kapitals, so ist die SPÖ
insbesondere z.B. eine der BAWAG und des Konsum und die ÖVP insbesondere z.B.
eine des Raiffeisen-Konzerns und der Bundesländer-Versicherung, in deren
Wiener Palais Tedesco sie ihr Hauptquartier zu einem nur symbolischen
Mietzins eingerichtet hat. Der Zugriff läßt sich schon von außen daran
ablesen, wie üppig diese Geld-Giganten die ihnen angeschlossenen Parteien mit
teuren aber werblich kaum effektiven Inseraten finanzieren (im Kalender des
Tiroler Bauernbundes hat Raiffeisen unter verschiedensten Titeln siebzehn!
Seiten mit Anzeigen belegt), die personellen Einbindungen von
Parteifunktionären in die Konzerngremien, besser: die Einbindungen von
Konzernfunktionären in die Parteigremien bestätigen es. Die ÖVP ist ohne jede
Übertreibung eine an die pervertierte Raiffeisen-Genossenschaft angelehnte
Partei: Aus diesem Konzern kommen Politiker, und von ihm werden die
durchgefallenen wieder aufgenommen. Schließlich spendete auch die
Raiffeisen-Landeszentralkasse Tirol 1987 einen 17 Jahre lang (mit - wenns
stimmt - bis zu 150.000 S Gehalt monatlich) angelernten Alois Partl als
Landeshauptmann. Ein warmes Austragpöstchen dort wird ihm demnächst nicht
verwehrt sein. Jede Phantasie, die hier tätig wird, um das Gewirr von
Strängen zwischen diesen Kapitalblöcken und den vorgeschobenen Parteien zu
erahnen, wird von der Wirklichkeit verhöhnt. Trotzdem: Sollte ein Journalist
da oder dort von Korruption und so reden, laßt euch nicht irremachen! Es ist
nur kapitalistische Demokratie. Weiter. Die hohen
Schulden des Staates sind die hohen Gewinne der Banken und Versicherungen.
Der Staat in absoluter Abhängigkeit von den Geldzentren. Von den 40
Milliarden Schilling Zinsen, die die Republik Österreich 1986 für ihre
Schulden zu zahlen hatte, flossen 27 Mia. österreichischen Banken zu und vier
Mia. hiesigen Versicherungen. Als kleines Dankeschön inserieren sie seit
Jahren in Unmengen in den Blättern von SPÖ und ÖVP: BAWAG, BTV, CA, Erste,
Girozentrale, Länderbank, Raiffeisenbank, ÖCI, Oberbank, Volksbank, Z;
Austria, Bundesländer, Wiener Allianz, Wiener Städtische. Dazu haben die
Geldhäuser das absolute Geschäft der Achtzigerjahre mit der
Verstaatlichten-Politik der Regierung gemacht. Anerkennend inserieren sie
seit Jahren in Unmengen in den Blättern von SPÖ und ÖVP: BAWAG, BTV, CA,
Erste, Girozentrale, Länderbank, Raiffeisenbank, ÖCI, Oberbank, Volksbank, Z;
Austria, Bundesländer, Wiener Allianz, Wiener Städtische. Auch die Milliarden
an Einlagen von AK und ÖGB und HK sind den Banken Dank-Inserate in den
Parteimedien wert. Die Parteien sind
zum Teil hochverschuldet, allein die kleine FPÖ hatte 1986 zugegebene
Bankenschulden von acht, 1988 solche von 18, wahrscheinlich aber bereits von
35 Millionen (Wiener, 99/88). Das heißt, man kann sie mit
Sonderkonditionen ganz schön lenken. Die Regierung hat gesetzlichen Einfluß
auf das Kredit- und Versicherungswesen: "Ein mehr oder weniger
versicherungsfreundlicher Finanzminister kann den Versicherungen Prämien mit
mehr oder weniger >Speck< zugestehen." (Profil, 17.3.86)
Banken und Versicherungen können's mit ganzen Annoncen-Serien in den
Parteiblättern danken. Gerade in den Führungszirkeln der Banken und
Versicherungen treiben sich ganze Schübel von roten und schwarzen
Parteifunktionären herum. Auch sie reißen Inseraten-Gelder für die Parteien
heraus. Demokratie und so, das läßt sich ja da alles nicht mehr glauben! In was
investieren erfolgreiche Unternehmen ihre Spenden? Nur in
renditeversprechende Geschäfte. Ford, Chrysler,
Toyota, Siemens, Henkel, Allianz, Swarovski investieren via Inserate in die
ÖVP. Aber da gibt es eine längere Reihe von Firmen, für die eine Parteispende
zwar eine gute Geldanlage ist, die sich aber öffentlich nicht als
Parteifinanziere anpatzen wollen. Die ÖVP z.B. hatte es in den letzten Jahren
mehrfach mit Firmen zu tun, die Spenden steuerschonend als Inserate fürs
Finanzamt abrechnen, die Inserate aber nie erscheinen ließen: Constantia,
Neusiedler AG, Steirische Brau-Industrie, Steyr-Daimler-Puch, Wibeba u.a.m. (Die
ganze Woche, 13.4.89) Die Dunkelziffer ist hoch. Auch die SPÖ rennt mit
dem Vorwurf herum, "sie hätte Spenden von Firmen auf dem Umweg über
dubiose Scheininseratenaufträge erhalten" (Trend, 10/80). Da die
Inseraten-Kosten zu 100 Prozent von der zu versteuernden Summe abgezogen
werden kännen, d.h. die Auftraggeber je mehr Werbeanzeigen desto weniger
Steuer zu entrichten haben, zahlt der Staat, du, ich, immer mit. Oft besteht zwischen
dem beworbenen Produkt und dem Leser einer Partei-Zeitung viel weniger an
Zusammenhang als zwischen dem Anbieter und dem Parteikassier. Garanten solche
Inserate sind die massenhaft in den Aufsichtsräten in- und ausländischer,
staatlicher und privater Betriebe sich drängelnden Parteifunktionäre. So saß
der Bundesfinanzreferent der ÖVP, Rudolf Gruber, Generaldirektor der EVN, in
siebzehn Aufsichtsräten (CA, Montana AG, Interunfall, ÖMV, Universale,
Siemens usw.), sein Nachfolger seit 1989, Josef Taus, steht ihm hinsichtlich
seiner Verbindungen nicht nach. Daß den Firmen für geschaltete Inserate
vielfach nicht Marktpreise sondern Luxuspreise verrechnet werden dürfen,
hätte man sich fast denken können. Ein guter Teil der in Österreich mit dem
Verdienstkreuz Ausgezeichneten, ist anzunehmen, wird für "Spenden"
damit belohnt. Tschuldigung, das nehme ich sofort zurück. Im Gegenteil: Ein
guter Teil der in Österreich mit dem Verdienstkreuz Ausgezeichneten wird
nicht für "Spenden" damit belohnt. Daß Firmen für
öffentliche Aufträge in Form von Inseraten Bares an die Parteien
zurückerstatten müssen, das sind schon wieder Profil-Geschichten, die
dort unter "Skandal" laufen. Es sind Schutzgelder, nichts weiter.
Ein Eisberg hat es so an sich, daß man nur die Spitze zu sehen bekommt. Z.B.:
Die Waffenfirma Noricum hat 1986 dem Waffenminister Krünes mit 100.000 S im
Wahlkampf geholfen. Wenn Flick, der in
der BRD 840 Millionen der Steuer entzogen und im Verhältnis 95:1 auf sich und
die willfährigen Parteien aufgeteilt hat, einmal der Salzburger ÖVP 40.000 DM
und dann noch einmal 40.000 DM im Kuvert überbringen läßt und ein andermal
der steirischen ÖVP einen ebenfalls fünfstelligen DM-Betrag, dann sind das
Ablenkungsgeschichtchen. Wenn wir darüber rätseln, wer den Hubschrauber für
den FPÖ-Obmann bezahlt, ob sein Generalsekretärsein Startgeld von 100.000
Schilling - "Bei uns in Tirol muß jeder Mandatar mit derselben Summe zum
Wahlkampfbudget beitragen." (Standard, 3.10.90) - selbst
aufgebracht hat, wer dem gewesenen Generalsekretär der ÖVP seines finanziert
hat - "Ich habe ein paar Firmen angeschrieben und sie gebeten, in
unserer Mitgliederzeitung zu inserieren." (Trend, 11/80) -,
machen wir uns schon selber was vor. Entrüsten wir uns
nicht darüber, daß sie das tun. Entrüsten wir uns darüber, daß wir das
dulden. Konkreter zur
Preislage dieser Politik am Beispiel Tirol .
Wie gesagt, liegen die Parteien den zum Teil oder zum Großteil
oder ganz dem Volke gehörenden großen Betrieben auf der Tasche. Noch in die
letzte Vorfeldorganisation einer Vorfeldorganisation strömen über nutzlose
Inserate in winzigsten Blättern Gelder von Austria Tabakwerke und Casinos
Austria, ÖMV, Aral, Elan, CA und Länderbank usw. zum Wohle von Espeö und
Övaupe und Efpeö. Zigmillionen. Im Benzinpreis, das ist gewiß, ist die
Parteiförderung einkalkuliert. Und im Heizölpreis der Mindestrentner. Weil ein Beispiel sein muß, nehmen wir Tirol. Aber nur als
Beispiel. Auch hier räumen die Parteien Millionen an Inseratengelder der
staatlichen Banken und Betriebe auf die Seite. Schweinerei sagen wir dazu
höchstens, weil wir keine besseren Wörter haben. Das ist der eine Happen,
(von den Parteien bestellter) Rechnungshof hin, Rechnungshof her. Ein andrer:
Das Land Tirol - ich, du, er, sie, es, wir ihr, sie - ist seinerseits hier zu
zwanzig, vierzig, sechzig, achtzig oder hundert Prozent an gutgehenden
Betrieben beteiligt, wobei restliche Anteile meist Bund und Gemeinden
gehören, u.a.: Arlbergstraßentunnel AG, Brenner Autobahn AG, Felbertauernstraßen
AG, Hypo, Kabelfernsehen Studiengesellschaft, Kaunertaler Gletscherbahn,
Innsbrucker Messegesellschaft, Kongresshaus Innsbruck, Neue Heimat,
Osttiroler Kraftwerke Gesellschaft, Tiland, Timmelsjoch Hochalpenstraße AG,
Tiroler Flughafenbetriebsgesellschaft, TIWAG. Gemeinsam ist diesen
einträgigen Unternehmen erstens, daß ihre Vorstände und Aufsichtsräte
randvoll mit Parteileuten sind und zweitens, daß sie alle Unsummen
erwirtschafteter Gelder an ebendiese Parteien abliefern. Kleine Beispiele: Die Tirol Werbung (früher Tiroler Fremdenverkehrswerbung)
ist eine Abteilung des Landes, wird aus dem Landesbudget und durch die
Fremdenverkehrsabgabe der kleinen Vermieter/innen finanziert. Sie schickt
über Inserate (z.B. im Mitgliedermagazin Plus, z.B. in der ÖVP-Zeitschrift
Tirol*) einen Teil dieser Gelder an die Övaupe. Die Tiroler
Flughafenbetriebsgesellschaft, die nicht der Övaupe gehört, aber schon
überhaupt nicht, hat (z.B. in Tirol) ebenso wie die Innsbrucker
Messegesellschaft (z.B. im ÖVP-Bauernkalender) oder die Kongreßhaus
GesmbH Innsbruck (Tiroler Perspektiven des ÖVP-Akademikerbundes) ihre
Inserate-Spenden an die Övaupe zu tätigen. Die Arlbergstraßentunnel AG hat,
trotz ausdrücklicher Anweisung des Wirtschaftsministers im Juni 1987,
"infolge der angespannten Budgetlage" die "Werbeausgaben
weitgehend einzuschränken", schon 1988 wieder der Övaupe einen schönen
Batzen überwiesen (Inserat z.B. in Tirol, Sommer 1988). Schön
regelmäßig liefern auch Felbertauernstraße AG (z.B. über die SPÖ-Wahlzeitung,
z.B. über den ÖVP-Bauernkalender) und Timmelsjoch Hochalpenstraße AG (z.B.
über Tirol, z. B. über den ÖVP-Bauernkalender) ihre
Partei-Umlage ab. Der Zwischenruf, das sei kriminell, ist nicht berechtigt.
Von einem großen Selbstbedienungsladen zu reden, ist nicht sehr originell.
Origineller ist da der Deckname Demokratie. (Ob du sie wählst oder nicht, wenn du nach Osttirol fährst, wenn
du über den Timmel fährst, wenn du nach Vorarlberg fährst, du entscheidest
dich für die Parteien, ob du willst oder nicht.) Das nur zum Aufwärmen. Schamlos ist ein Hilfsausdruck Was hier zu zeigen ist, könnte auch am Beispiel der Espeö und
könnte in jedem anderen Bundesland gezeigt werden. Es wird hier am Beispiel
Övaupe in Tirol gezeigt. Wenn man sich die öffentliche Wirtschaft als Milchkuh der
Parteien vorstellt, so sind Hypo, Tiland, Brenner Autobahn AG und TIWAG die
vier Tutten, an denen die Övaupe hängt. Die Landeshypothekenbank Tirol (Hypo) wurde durch das
Land Tirol gegründet und hat von diesem seine Satzung. Das Land Tirol
bestellt die Organe der Bank, hat die Aufsicht über die Bank und haftet für
die Verbindlichkeiten der Bank. Das Land Tirol wickelt - ohne gesetzliche
Verpflichtung - den größten Teil seines Zahlungsverkehrs über die Hypo ab.
Ihr Aufsichtsrat ist gestopft voll mit Parteibrüdern. Die Tiroler Landes-Versicherungsanstalt (Tiland) wurde
vom Land Tirol gegründet und unterliegt der Verwaltung und der Kontrolle der
Landesregierung. In Mitgliederrat und Aufsichtsrat der Tiland tummeln sich
hohe und höchste Parteifunktionäre. Die Brenner Autobahn AG, die auf einem Bundesgesetz von
1964 basiert, ist eine gemeinsame Gesellschaft von Bund und Land Tirol, die
auch die Aktien im Verhältnis 75 zu 25 halten. Und so ist auch der
Aufsichtsrat besetzt, ob von Wien oder von Innsbruck her, natürlich nur mit
reinrassigen Parteileuten. Die Tiroler Wasserkraftwerke AG (TIWAG) ist eine
Aktiengesellschaft, deren Kapital zu hundert Prozent Eigentum des Landes
Tirol ist. Der Landeshauptmann ist Aufsichtsratspräsident der TIWAG, neben
ihn werden weitere acht (bisher sieben) Kaderleute, blau, rot, schwarz in den
Aufsichtsrat gehockt. Es ist angerichtet. Keine Tiroler Tageszeitung und kein Tirol-Kurier und kein Radio
Tirol finden dazu ein Wort, weil Hypo, TIWAG usw. auch deren Bilanzen
auffetten. Es ist so: Jeder, der Beiträge an die TILAND zahlt, zahlt
Beiträge an die Övaupe. Jeder, der Geld zur Hypo trägt oder sich solches von
ihr holt, trägt Geld zur Övaupe. Jeder, der am Schönberg achtzig Schilling
für die Maut gibt, gibt seinen Teil für die Övaupe. Jeder, der von der TIWAG
beliefert wird, beliefert die Övaupe. Ohne diese massiven, unaufhörlichen Injektionen wäre die Övaupe
dort wo sie hingehört. (Um nähere Auskunft über diese politischen Inserate-Spenden
gebeten, teilt die Hypo mit, daß es ihr "nicht möglich ist, solche
geschäftspolitischen und strategisch wichtigen Informationen bekannt zu
geben". Womit sie uns reichlich Informationen gegeben hat.) Unsere Tiland wird ohne Unterlaß angezapft u.a. vom Innsbrucker
Journal der dortigen Övaupe, sie mußte ständig Wahl-Sonderausgaben der
NTZ, mit denen ganz Tirol zugedeckt wurde, mit Ganzseiten-Inseraten ermöglichen,
und sie muß im Magazin Tirol laufend eine Vierfarbanzeige schalten.
Sie hat über die Funktionärszeitung der Övaupe, Information, in einem
fort dieser Partei Geld zuzuwenden. Auch auf Bezirksebene hat sie, Beispiel:
die Bezirksgruppe Reutte über Anzeigen in deren Außerferner Signale,
die Partei zu sponsern. Die Tiland muß den ÖAAB über Annoncen in seiner
Zeitung Signale genauso mitfinanzieren wie den Bauernbund über solche
in seinem Bauernkalender. Das geht bis in die letzten Ausläufer der
Partei hinein: Die Mittelschüler z.B. bekommen ebenso Geld (fidibus)
von der Tiland wie die CVer oder wie ein über Jahre hinweg eifriger
Wahlhelfer der Övaupe namens Pfaundler (das fenster). Hör: Dem Bauern St., bei der Tiland versichert, sind Haus und
Hof abgebrannt. Da er aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, nicht mehr
aufbauen kann, fällt er - einer Vertragsklausel entsprechend - um die
Versicherungssumme von 450.000 Schilling um. Er geht zum Bauernbund und
meint, die Bauernzeitung müsse die Bauern auf diese Falle aufmerksam machen.
Da sagt ihm der seinerzeitige Bauernbund-Direktor wörtlich: "Wie stellst
du dir das vor! Die Tiland gibt uns jedes Jahr eine Spende von 400.000
Schilling!" Warum schaut die Tiroler Transitpolitik so aus wie sie ausschaut? Warum darf, ja, soll die Brenner
Autobahn breiter werden, schneller werden, sich Zubringer im Oberland bauen?
Unsere Brenner Autobahn AG wirft Unsummen unter die Großparteien. Sie
weist der Övaupe (genauso wie der Espeö) ständig hohe Beträge an, indem sie
von der Zeitung des parteinahen Tiroler Kameradschaftsbundes und des
Kalenders des parteieigenen Seniorenbundes an alles mit Annoncen überzieht,
was irgendwie nach Volkspartei riecht: Obs der Akademikerbund (Tiroler
Perspektiven) oder der ÖAAB (Signale), die Junge ÖVP (Standpunkt)
oder der Wirtschaftsbund (Wirtschaftsmagazin) ist. Schon überflüssig
zu sagen, wie die Brenner Autobahn AG gemeinsam mit anderen die
Partei-Tageszeitung NTZ mit Anzeigenserien jahrelang am Untergehen
gehindert hat und wie regelmäßig der Innsbrucker Bürgermeister (Innsbrucker
Journal) sich hier bedienen kann. Mit dem Leid vieler Tiroler werden
gigantische Umsätze gemacht, an denen genau jene mitschneiden, die diese
Verkehrsplage politisch ermöglichen. Daß der Rechnungshof der Brenner
Autobahn AG vorgeworfen hat, sie habe "sinnlose Werbeausgaben
getätigt", ist für die Wäsch. Der langjährige Generaldirektor hat das
Verdienstkreuz der Stadt Innsbruck und das Ehrenzeichen des Landes Tirol
bekommen. Die Brenner Autobahn AG "wirbt" ohne Unterbrechung in der
Zeitung des Övaupe-Bauernbundes und in deren Sonderbeilagen und in dessen
Kalender. Statt die Bauern, denen ihr Land versaut wird, angemessen zu
entschädigen, wird an jene Teilorganisation der Övaupe gezahlt, die den Mund
gegen diese Sauerei nicht aufbringt. Wenn du jetzt Verbrecher schreien willst, lieber Leser,
zeigt das nur unsere Hilflosigkeit. Auch die TIWAG, die den 600.000 Tirolern und nicht der
Övaupe gehört, steckt jeder hingehaltenen Parteihand Tausender zu. Das durch
z.T. harte Arbeit ihrer zweitausend Angestellten mit uns verdiente Geld
pulvert sie in die oben genannten und viele weiteren VP-Blätter hinein: Signale*,
Tirol, Tiroler Tiroler Bauernzeitung, Tiroler Bauernkalender, Tiroler
Perspektiven, "Frau aktiv in Tirol, Tiroler Pensionisten-Kalender,
Wirtschaftsmagazin, information usw. Das geht bis zur Vereinszeitschrift
einer CV-Sekte (Austrier-Blätter) und läßt dabei kein Medium aus. (Die
massive Unterstützung der regierungsfreundlichen Blätter vom Ostttiroler Boten
bis zur Tiroler Tageszeitung durch die TIWAG ist ein eigenes Thema.) Hier
wird uns Geld gestohlen, jeden Tag. Die TIWAG kann mit aller
Rechtsanwaltskunst, die Tirol zu bieten hat, uns niemals weismachen, daß ihre
Annoncen-Gelder im fidibus, im Fenster, in der Zeitung der Tiroler
Kriegsopfer betriebswirtschaftlich angelegt sind. ______ * Lt. Anzeigen-Preisliste 1991 des Tiroler ÖAAB kostet die
einmalige Einschaltung von einer Seite in dessen Monatszeitschrift Signale
zwischen 15.000 und 17.500 Schilling. Also: Der Parteiobmann der Övaupe greift der TIWAG in den Sack
hinein. Der ÖAAB-Obmann greift der TIWAG in den Sack hinein. Der
Bauernbundobmann greift der TIWAG in den Sack hinein. Der
Wirtschaftsbundobmann greift der TIWAG in den Sack hinein. Der Akademikerbundobmann
greift der TIWAG in den Sack hinein. Der Seniorenbundobmann greift der TIWAG
in den Sack hinein. Die Övaupe-Frauen-Chefin greift der TIWAG in den Sack
hinein. Der Stadtparteiobmann greift der TIWAG in den Sack hinein. Usw. Jeden Abend, wenn du das Licht anschaltest, schaltest du die
Övaupe-Parteienfinanzierungsmaschine ein. Im Prozeß, den die TIWAG gegen den FOEHN angestrengt hat und den
sie in allen Instanzen verloren hat, hat ihr Vorstandsdirektor H. Mayr
erklärt: "Die Wirkung des FOEHN in der Öffentlichkeit wurde von den
Organen der TIWAG, nämlich Vorstand und Aufsichtsrat, so gravierend
eingeschätzt, daß eine p.r.-Kampagne beschlossen werden mußte, um die
Auswirkungen der Publikation FOEHN in der Öffentlichkeit wieder gutzumachen. Die
Kosten dieser Kampagne werden voraussichtlich mehrere Millionen Schilling
betragen." Ein Teil der Gelder dieser Kampagne, mit der die TIWAG 1990
das ganze Land überzogen hat, sind über Inserate schnurstracks in die Kassen
der Övaupe geflossen. Daß die TIWAG der Övaupe auch noch Inserate der Tiroler Ferngas
Ges.m.b.H. (deren Eigentümerin sie ist) und der Osttiroler Kraftwerke AG
(deren Hälfte-Eigentümerin sie ist) da und dort zuschanzt, nur nebenbei. Wenn
man die TIWAG frägt, in welcher Form sie sich an der Finanzierung der
politischen Parteien beteiligt, antwortet sie: "Die TIWAG beteiligt sich
nicht an der Finanzierung politischer Parteien." (Schreiben vom
13.12.1990) Natürlich ist nicht die TIWAG die Melkkuh der Övaupe, sondern
sind es wir Strompreiszahler, ganz egal über welchen Kanal es der Övaupe
zufließt. So gesehen macht jede Strompreiserhöhung doppelt Sinn, die jetzt
bevorstehende etappenweise um 20 % erst recht. Zweitausend TIWAG-Angestellte zahlen erkleckliche Beiträge an
die Arbeiterkammer, von denen ein Teil dort wieder flugs von den Parteien
aufgestritten wird, wobei die ÖAAB-Fraktion mit dem größten Batzen abzieht.
Deren Obmann, ein hoher TIWAG-Bediensteter, das reimt sich, ist Tiroler
AK-Präsident. Wie ein von der TIWAG beigesteuerter AK-Vorsitzender, der sich
um den Schutz auch der Stromkonsumenten zu sorgen hätte, bei den
Strom-Tarifverhandlungen deren Interessen gegen seine TIWAG vertreten kann,
ist schwer vorzustellen. Jedenfalls muß er sich schon einmal von einem
TIWAG-Kunden in Bezug auf deren Preispolitik sagen lassen: "Ich erwarte,
daß Sie sich endlich für uns Konsumenten wehren!" (Schreiben vom
4.2.1988) Die TIWAG ist Mitglied der Tiroler Handelskammer und zahlt ihrem
gigantischen Umsatz entsprechende Beiträge an sie. Darüberhinaus weist sie
ihr über Inserate in der Handelskammer-Zeitung Tirols Wirtschaft noch
mehr Geld an. Unseres natürlich. Auch in der Handelskammer wird ein Teil des
hereinkommenden Geldes unter den Parteien ihrer Stärke entsprechend verteilt,
das heißt der Övaupe-Wirtschaftsbund steckt am meisten ein. Die TIWAG ist freiwillig Mitglied der privaten Vereinigung
Österreichischer Industrieller (VÖI), Landesgruppe Tirol. Hier liefert sie,
entsprechend der Lohnsumme, geschätzte vier bis fünf Millionen pro
Jahr ab. Unseres wieder. Einvernahme des Zeugen H. Mayr, TIWAG-Vorstandsdirektor, im
Prozeß gegen den FOEHN 1989 zur Mitgliedschaft der TIWAG in der
Industriellenvereinigung: Frage: Zahlt die TIWAG Mitgliedbeiträge? Mayr: Ja. Frage: In welcher Höhe? Mayr: Diese Frage beantworte ich nicht, bitte, das ist
Geschäftsgeheimnis. Frage: Können Sie mir sagen, wonach sich die Beitragshöhe
richtet? Mayr: Nein. Darüber gebe ich keine Auskunft. Frage: Ist es richtig, daß sich die Beitragshöhe nach der
Lohnsumme richtet? Mayr: Dazu gebe ich keine Auskunft. Die niederösterreichische Landeselektrizitätsgesellschaft, die
auch horrende Beiträge an die Landesgruppe ihrer Industriellenvereinigung
zahlt, hat der Rechnungshof deswegen scharf kritisiert: "Es sei",
zitierte die AZ (6.12.80) aus dem RH-Bericht, "nicht
einzusehen, daß mit den Geldern der Konsumenten derart hohe Beträge an die
Industriellenvereinigung gezahlt werden. Mangels eines deutlich erkennbaren
Nutzens sei deshalb ehestens eine wesentliche Reduktion des
Mitgliedsbeitrages anzustreben." Für die schönen Summen, die die TIWAG der VÖI gibt, sitzt ein
Vorstandsmitglied der TIWAG im Vorstand der Industriellenvereinigung. Diese
ist eine Lobby, die mit allen Mitteln, vornehmlich finanziellen, die ihr
genehme Politik durchzusetzen weiß. Es ist davon auszugehen, daß mindestens
achtzig Prozent der Parteispenden, mit denen die VÖI um sich wirft, in die
Kanäle der Övaupe fließen. Alois Partl als Präsident des Aufsichtsrates der
TIWAG hat absolut nichts dagegen einzuwenden, daß Alois Partl, der
Parteifinanzreferent der Övaupe, hier über den Umweg der
Industriellenvereinigung zu viel Geld kommt. (Dafür mußte er 1989 dem bei den
internen Vorwahlen durchgesausten Geschäftsführer der VÖI-Tirol ein sicheres
Landtagsmandat überlassen!) Das ganze, für den, ders vergessen hat, immer
noch unter dem schönen Titel Demokratie. Unser Geld im Rachen der Övaupe ist es schließlich auch, wenn in
manchen Büros der TIWAG mehr Arbeit für die Partei als für anderes geleistet
wird. Beispiel: Es hat der Zentralbetriebsobmann der TIWAG, H. Mader, als
solcher dienstfreigestellt, den in die Hose gegangenen Wahlkampf für R.
Niescher geleitet (wobei er, das nur mehr nebenbei, auch mit TIWAG-Geld eine
Wahlgazette für die Övaupe herausgebracht hat). Man muß die TIWAG als wichtigste Mitgliederzuchtanstalt der
Övaupe bezeichnen. Wenn Politiker für Neueinstellungen intervenieren, wissen
sie die Övaupe-Mitgliedschaft des Bewerbers oder Bewerber-Vaters
herauszuheben. Und so konnte schließlich der Landesobmann des ÖAAB, der
langjährige Zentralbetriebsratsobmann der TIWAG, H. Mader, der selbst zwei
Söhne in der TIWAG untergebracht hat, sich bei seinem Abgang 1989 rühmen, den
ÖAABler-Anteil in seiner TIWAG-Zeit von 450 auf 1400 (!) hinaufgepusht zu
haben (Signale, Dezember 1989). Die Mitgliedsbeiträge dieser
vierzehnhundert an die an Schwund leidende Övaupe sind auch kein Klacks. Wen wunderts in Zusammenzählung von all dem, wenn sich die von der
TIWAG durchgefütterten Politiker in der Strompolitik derart für sie ins Zeug
legen? Aber müßte es so plump sein? Heimatwerbung Die Millionenkampagne der TIWAG im Vorjahr -mit Anzeigenserien
in mehr als 20 Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen und einer vierteiligen
tirolweiten Plakataktion - wurde über die Innsbrucker Firma Heimatwerbung
abgewickelt. (1991 überschwemmt eine neue TIWAG-Propagandawelle das Land.)
Jedes Inserat, das von der TIWAG vergeben wurde, hatte - dort Geld abwerfend
- über die Heimatwerbung zu laufen, und die Tausenden Großplakate mußten
ausnahmslos auf Werbetafeln dieser Firma gekleistert werden. Das heißt, die Heimatwerbung
hat vom beispiellosen Werbekuchen der TIWAG ein dickes Stück aufgefressen. Die "Heimatwerbung Ges.m.b.H." (Handelsregister HRB
1712) gehört zu 74 Prozent der Österreichischen Volkspartei Tirol und zu 26
Prozent ihrem langgedienten Landesparteisekretär Fiala. Tausende,
Zigtausende, Hunderttausende von unseren Stromgeldern gehen da pfeilgrade zur
Övaupe. Das wär schon unerträglich, wenn es eine Demokratie wäre! Nur
nebenbei gesagt, daß die Heimatwerbung natürlich in einem fort auch die
Hypo-Werbung plakatieren darf. Die Heimatwerbung klebt von Axams (39 Tafeln)
über Innsbruck (464) bis Zirl (72) lt. eigenen Angaben "an den besten
Plätzen und auch an solchen, an denen es normalerweise unüblich ist". So
klescht sie gleichzeitig mehr als zwanzig TIWAG-Plakate in die Industriezone
Reichenau, auch drei direkt nebeneinander, die nirgendwo, die in den Inn
hineinschauen, also dorthin, wo außer einem Hubstaplerfahrer kaum jemand
hinkommt. Parteienfinanzierung, sagt Josef, ganz legale Parteienfinanzierung.
Ja, Josef, mit unserm Geld! (Dabei hat die TIWAG für ihre Kampagne angeblich
gefordert, "daß eine möglichst effiziente und gezielte Streuung unserer
Werbebotschaften nach den Ergebnissen der Media-Analyse erreicht werden
müsse". Für "Auswahl der Medien, Plazierung und Kontrolle der
Anzeigen und Plakate verantwortlich" sind laut TIWAG eine Linzer Agentur
und die Heimatwerbung in Innsbruck.) Von jedem Tausender Heimatwerbung-Gewinn bekommt der
Parteifinanzreferent Partl 740 Schilling. Die Heimatwerbung ist, nebst dem, was sich die Övaupe direkt uns
aus dem Budget nimmt, die Geldmaschin' der Partei. Um an unser Geld zu
kommen, gibt sie jährlich den Tiroler Bauernkalender und halbjährlich
das Fremdenverkehrs-Magazin Tirol - immer einen Urlaub wert heraus.
Das große Geschäft dabei ist das Anzeigengeschäft, jeweils zig Seiten im
Bauernkalender und mehr als 130 im Tirol-Heft. Da werden die geldigen
Staatsfirmen gemolken, und da werden die geldigen Landesfirmen gemolken. Eine
Anzeige der Casinos Austria AG im Bauernkalender und ein Inserat der Tiland
in der Urlaubsbroschüre haben keinen anderen Zweck als den, die Kasse der
Heimatwerbung und damit der Partei zu füllen. Die Selbstbedienungsläden der
Tiroler Övaupe, Hypo, Tiland, Brenner Autobahn AG und TIWAG, sind
selbstredend ganzseitig in jedem Bauernkalender der Heimatwerbung und
ein- oder auch mehrseitig, meist vierfärbig, in jedem Tirol-Heft der
Heimatwerbung vertreten. (Bringen die bejammernswerten Vertreter der anderen
Parteien nur den Mund oder auch die Augen nicht auf?) Hätten wir die Gesetze da, wo sie hingehörten, wäre das gegen
die Gesetze. Es ist mit hundertprozentiger Sicherheit so, daß wir in keiner
Demokratie leben. Jede der bisher erschienenen dreißig Nummern von Tirol -
immer einen Urlaub wert, bis zu einem Kilo schwer und bis zu 250 Seiten
fett, bringt vielleicht eine Viertelmillion allein an Inseratengeldern öffentlicher
Betriebe (Staat und Land).* Sinnig hat Landeshauptmann Wallnöfer, als
Parteiobmann Mehrheitsvertreter in der Heimatwerbung, einmal gemeint:
"Ich blättere immer wieder gern in diesen Heften und beglückwünsche
Herausgeber und Redaktion dazu." (Heft, Sommer 1986) Und sein
Nachfolger Alois Partl, Parteifinanzreferent der Övaupe, der meint, daß wir
ganz blöd sind: "Der Heimatwerbung ist mit der immer sehr ansprechend
und interessant gestalteten Tirol-Broschüre ein Werk gelungen, das dem Leser
(auch dem Einheimischen) einen Blick hinter die Kulissen der gängigen
Tirol-Klischees ... ermöglicht." (Heft, Sommer 1990) Gerade dem
Einheimischen, würde ich sagen, wird hier ein Blick hinter die Kulissen der
gängigen Tirol-Klischees ermöglicht. Das, was es ist, darf ich hier nicht schreiben, weil das Recht
nicht auf unserer Seite ist. (Die Gesetze schützen vor der Wahrheit.)
Aber es ist es. * Die Anzeigen-Preisliste aus dem Jahre 1985 weist einen
Seitenpreis von - je nach Plazierung und Druckausführung - 15.000.- bis
32.000.- Schilling aus. Was demnach z.B. die TIWAG für zwei ganzseitige
vierfärbige "Werbe"-Einschaltungen pro Heft und das zweimal
jährlich, regelmäßig Jahr für Jahr, bei dieser ÖVP-Firma lässt, kann man
ausrechnen. Baufirmen, die bei Land und Bund große Aufträge ausfassen,
inserieren wie die Wilden in Parteizeitungen. Jede Ausgabe von Tirol -
immer einen Urlaub wert weist bis zu zehn und mehr teure - meist
vierfärbige - ganzseitige Anzeigen von Baufirmen auf. "Die Baufirmen
kalkulieren mit einer bestimmten Geldsumme für Ausgaben auf dem Gebiet der
Inserate und Werbekosten. (...) Natürlich werden diese Geldbeträge den
Auftraggebern durch überhöhte Baukosten aufgeschlagen", wird der Manager
einer großen Baufirma in einer Wiener Tageszeitung zitiert. Im Magazin der
Heimatwerbung, das weniger der Förderung des Fremdenverkehrs als der
Förderung der Övaupe zu dienen hat, tummeln sich regelmäßig Firmen wie
Montana Baugesellschaft, STUAG, Swietelsky, Innerebner & Mayer, Mayreder,
Kraus & Co., Fröschl Bau, C. Baresel Baugesellschaft, Hilti & Jehle,
PORR und verschiedene Baugemeinschaften. Ihnen allen wurden und werden
reichlich Aufträge des Landes und des Bundes in Tirol zu Teil. Ein
Autobahnteilstück da, ein Landesstraßenausbau dort, eine Umfahrung, ein
Tunnel, eine Uferverbauung, eine Brücke, eine Lawinengalerie, ein
öffentliches Gebäude. In Wien ist die Staatsanwaltschaft in Zusammenhang mit
ähnlichen Annoncen in Espeö-Blättern dem Verdacht nachgegangen, "ob über
Inserate eine versteckte, strafrechtlich relevante Parteienfinanzierung
stattgefunden hat. Haben Firmen, die kommunale Bauaufträge erhielten, auf dem
Umweg über Einschaltungen in Parteiblätter - indirekt - Parteienfinanzierung
betrieben?" (Profil, 28.11.88) Wie wahrscheinlich ist es, daß ein
Leser aufgrund einer Annonce im Urlauber-Magazin der Övaupe die Illbau AG
beschäftigen wird? Die Frage ist, ob die Inserate Gegenleistungen sind für
Aufträge - oder die Aufträge für sinnlose Straßen im Land Gegenleistungen für
Inserate. "In Parteizeitungen", schreibt Alfred Worm, "gehen
die Inserate an die falsche Leserzielgruppe. Die Firmen wissen das, und alle
spielen das Inseratenspiel dennoch augenzwinkernd mit: Im weitesten Sinn
geht es hier wohl um Parteienfinanzierung." (Profil, 28.11.88) Die Parteizeitung NTZ hat seinerzeit einmal vielsagend
geschrieben: ">Tirol - immer einen Urlaub wert< ist sicher mehr
als touristische Heimatwerbung." Ja, sicher. Aber
"Heimatwerbung" ist schon ganz gut. Bleibt nur noch zu ergänzen, daß auch andere Blätter der Övaupe
das Geld jener Firmen nehmen, denen sie Dank ihrer Mehrheit öffentliche
Aufträge zukommen läßt. Die PORR AG wirbt u.a. in Serie im Innsbrucker
Stadtparteiorgan, STUAG, Innerebner & Mayer z.B. liefern Inseratespenden
an den Vaupe-Bauernbund und der ÖAAB wird u.a. von PORR, STUAG, Mayreder und
Universale ausgehalten. In der Funktionärsgazette information der
"Landesgruppe Tirol" reiht sich eine ganzseitige Annonce von
Mayreder, Innerebner, Hilti & Jehle, PORR, STUAG usw. an die nächste.
Wenn ich sagen würde, der Landeshauptmann bestiehlt uns ununterbrochen, würde
dieser Satz der Wahrheit standhalten, nicht jedoch vielleicht den Gerichten.
So sei er also nicht gesagt. Gesagt sei aber der, daß es alles unser Geld
ist, das da unter dem unscheinbaren Titel Bauten der Landeskassa verloren
geht. Du kannst in Tirol nichts anfassen, ohne damit der Övaupe in die
Hände zu arbeiten. Die Stimmen der Mehrheit bekommt sie schon lange nicht
mehr (1984: 64,6 %; 1986: 53,3%; 1989:48,7%; 1990:40,7%), aber das Geld aller
bekommt sie noch wie eh und je. Sie nimmt es sich. Es ist so: Ohne viel Geld, ohne ganz viel Geld läßt sich das
alles nicht halten. Ohne immer noch viel mehr Geld läßt sich ja der
Niedergang nicht einmal bremsen. Kein Zweifel: Um diese Zustände
aufrechterhalten sind diese Praktiken und diese Summen
notwendig. Aber wir wollen das alles nicht mehr. Wir können uns diese auf dem
Kopf stehende Demokratie in unserem Leben einfach nicht gefallen
lassen! Wählen wirkt hier lächerlich. Die Parteien gehören gestürzt,
ganz klar.
Es wetterleuchtet!
Haben
wir davon gewußt? Haben wir mitgemacht? Haben wir uns gewehrt? Haben wir es
gesagt?
Wir haben uns an
dieses System gewöhnt, es als unabänderlich hingenommen - und erhalten es so
am Leben.
Das Volk müßte ....
die Österreicherinnen und Österreicher sollten ... Eines schönen Tages
merkst du, daß wir es sind, obwohl du glaubtest, es seien die andern.
Die Masse, die
teilnahmslos, träg, geduldig ist, sind wir ja selber. Die Masse, von der es
abhängt, ob es anders wird.
Das ist der
Vorsprung, den sie haben. Unser Pessimismus.
In zwanzig Jahren
wird man sagen, du hast gewußt, wie verbrecherisch diese Ordnung ist, du hast
es aus Angst vor Strafe unterlassen, es auch zu sagen.
Die Korruption in
Wien, die Parteienfinanzierungsmaschin' in Innsbruck, gewiß! - Aber was tust
du dagegen? (Du wählst vielleicht sogar!)
Das Schlimmste ist ja
nicht die Koalition von SP und VP, sondern unsere stille Koalition mit denen!
Worauf warten wir? Auf
uns selbst. Oh, das kann lange dauern.
Der Zeitschrift, die
schreibt, daß die EG-Schuschniggs uns mit Haut und Haar verraten und
verkaufen, spenden dieselben Leute Beifall, die
sich nicht weigern, die ungerechte Regierung zu stützen, die diese Politik
betreibt.
Es ist nicht so, daß
wir in eine Welt geboren wären, wo ein Staat besteht, dem wir uns
unterzuordnen hätten.
Aber: Wie - wirklich!
- setzen wir einen Fuß vor den anderen - in die richtige Richtung?
Wie geht
es? Hat es einen Anfang? Wo geht es los? Kann man drauf warten oder dauert es
länger? Werden wir verständigt? Wieviele
Informationen braucht der Mensch zum Handeln? Welche? Warum handelt man
nicht, wo doch jede Einzel-Information einem über die Hutschnur geht? 15
Millionen Kinder sterben in den unterdrückten Ländern Jahr für Jahr, weil sie
nicht zu essen haben. Ab wann handelt mann? Ab 20 Millionen?
Wie
gelangen wir aus der Hilflosigkeit, in die uns das Anschauen der ganzen ganz
gewöhnlichen Ungeheuerlichkeiten in diesem Heft treibt, heraus?
Wer
die Hände nur zum FOEHN-Umblättern aus dem Sack nimmt, könnte man sagen, kann
sie drinnenlassen.
Daß
fünftausend oder zehntausend Leute das lesen, das kann es nicht sein. Die
Ganze Woche lesen mehr Leute.
Wenn
du das Heft ins Regal stellst, haben wir verloren.Beide.Du und ich.
Das,
was hier steht, bedeutet nichts. Was wir tun hat Bedeutung. Unsere
Meinung interessiert niemanden. Wir können eine richtige haben oder eine
falsche - kein Unterschied. Wenn wir über das nicht hinauskommen. Die
Geschichte ist offen. Es brodelt. Wir haben die Wahl! Was meinst du? |
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